Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Wittstock/Dosse Alltag im Ersten Weltkrieg
Lokales Ostprignitz-Ruppin Wittstock/Dosse Alltag im Ersten Weltkrieg
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:35 10.11.2018
Lazarettszene in der Invalidenanstalt in Wittstock um 1916
Lazarettszene in der Invalidenanstalt in Wittstock um 1916 Quelle: Kreismuseen Alte Bischofsburg Wittstock
Anzeige
Wittstock

Vor 100 Jahren, am 11. November 1918, wurde der Waffenstillstand im Wald der nordfranzösischen Stadt Compiègne geschlossen. Damit war der Erste Weltkrieg zwar noch nicht offiziell vorbei, wohl aber hörte das mörderische Abschlachten zu Land, zu Wasser und zu Luft auf, das im Laufe der vier Kriegsjahre Abermillionen Tote gefordert hatte.

Auch in Wittstock und der Region hat der Krieg zahlreichen Männern, die als Soldaten an der Front kämpften, das Leben gekostet. „Hinzukam die immer schlechter werdende Versorgungslage für die Zivilbevölkerung“, erklärte Antje Zeiger, Leiterin der Kreismuseen Alte Bischofsburg in Wittstock. Die habe auch in der Region zu Unterernährung geführt, weshalb die Bewohner anfälliger für Epidemien wie Ruhr oder die ab 1918 weltweit grassierende Spanische Grippe wurden.

Nachschub für die Front. 1917 begrüß General von Schubka die Jugendwehr auf dem Wittstocker Markt. Quelle: Kreismuseen Alte Bischofsburg Wittstock

Die Zeit des ersten Weltkriegs in und um Wittstock ist laut Antje Zeiger kaum aufgearbeitet worden. Sie und ihr Team seien aber gerade dabei, innerhalb des Kulturjahres 2020 eine Ausstellung zu präsentieren, in der neben dem Dreißigjährigen Krieg und dem Zweiten Weltkrieg auch der Erste Weltkrieg eine Rolle spielen wird.

Ein gutes Zeitzeugnis sind die „Kriegsgrüße aus der Heimat“, die der Kirchenkreis Wittstock ab 1915 für Zivilisten und Frontsoldaten herausgegeben hat. „Es ging darum, das Heimatgefühl zu stärken“, erklärt Antje Zeiger. Sicher auch mit der Absicht, die Kriegsbegeisterung und den Durchhaltewillen aufrecht zu erhalten.

Lazarettstadt Wittstock

Die Kriegsgrüße enthalten neben Nachrichten, erbaulichen und religiösen Texten auch Zeitzeugenberichte, Briefe und Gedichte. So auch den Bericht des Ersatz-Reservisten Elske, der als Verwundeter der Winterschlacht in den Masuren 1915 mit einem Lazarettzug nach Wittstock kommt.

„Die Stadt hatte seit 1793 eine Invalidenanstalt, in Alt Daber gab es eine Tuberkuloseanstalt“, informiert die Museumsleiterin. Wittstock sei also quasi prädestiniert dafür gewesen, Lazarettstadt zu werden. Lazarette gab es an mehreren Standorten, zum Beispiel in der Schützenstraße im ehemaligen Schützenhaus.

Im Heimatgruß des Kirchenkreises Wittstock sind Kriegsnachrichten und Gefallene gelistet. Quelle: Christian Bark

Dort verbringt auch Elske seine Zeit. Die Freude darüber, endlich wieder in einem richtigen Bett schlafen zu dürfen, überwiegt in seinen Zeilen den Klagen über die Verwundung. In Wittstock erhält er einen ersten „richtigen“ Verband, wird gut verpflegt, ist voller Dankbarkeit den barmherzigen Schwestern gegenüber. „Um das recht zu würdigen, muß man bei 14 Grad Kälte ohne jeden Schutz im Schützengraben gelegen haben“, schrieb der Soldat.

Die Verwundeten auf der einen Seite, die künftigen Frontsoldaten auf der anderen. Im Deutschen Kaiserreich gab es schon Organisationen zur vormilitärischen Ausbildung. Die sogenannten „Jugendwehren“ lieferten vor allem gegen Ende des Krieges jugendlichen Nachschub für die Front.

Das Torbogenhaus in Wittstock war im Ersten Weltkrieg Lazarett. Quelle: Kreismuseen Alte Bischofsburg Wittstock

1917 besucht ein General von Schubka Wittstock. Er grüßt die vor ihm auf dem Marktplatz aufmarschierte Jugendwehr. Während dann auch 16-Jährige an die Front müssen, schreiben Schulkinder den Soldaten Briefe und Aufsätze über modernes Kriegsgerät.

„Wittstocker Schüler haben auch ein Nagelungsbrett für ihren Lehrer gestaltet“, sagt Antje Zeiger. Für die Nägel mussten sie Geld entrichten, was wiederum in die Kriegskasse floss. Der in Wittstock geborene Künstler Georg Marschall hatte 1915 sogar eine riesige Nagelfigur aus Holz entworfen. Der sogenannte „Eiserne Hindenburg“ war aus Holz, zwölf Meter hoch, stand in Berlin und musste erst noch eisern werden. Das konnte mit gekauften Nägeln geschehen.

Museumsleiterin Antje Zeiger mit einem "Eisernen Hindenburg". Die Figur stand original 12 Meter hoch vor dem Berliner Schloss und konnte gegen Geld mit Nägeln versehen werden. Der Entwurf stammt von dem Wittstocker Georg Marschall. Quelle: Christian Bark

Metall für die Rüstungsindustrie wurde zum Teil aus Kirchenglocken gewonnen. 1917 ist in den Kriegsgrüßen von der Ablieferung der Glocken aus Blandikow, Papenbruch und Liebenthal zu lesen.

644 Gefallene im Kirchenkreis Wittstock

Seit Frühjahr 1915 gab der Kirchenkreis Wittstock seine „Kriegsgrüße aus der Heimat“ heraus. Die Publikation richtete sich sowohl an Frontsoldaten, als auch an Einheimische.

644 Gefallene und 753 Auszeichnungen mit dem Eisernen Kreuz zweiter Klasse listen die Kriegsgrüße zwischen April 1915 und November 1918 für den Kirchenkreis Wittstock. Laut Antje Zeiger dürften es für die Region aber weit mehr Gefallene und Vermisste sein.

Wittstock war während des Krieges Standort für mehrere Lazarette. Unter anderem jenes im „Schützenhaus“ in der Schützenstraße. Dort war auch der Ersatzreservist Elske 1915 untergebracht.

Innerhalb des Kulturlandjahres 2020 wird der Erste Weltkrieg in einer Museumsausstellung aufgegriffen.

Die Kriegsgrüße berichten zudem über Auszeichnungen verdienter Prignitzer – demnach wurde bis Kriegsende 753 Mal das Eiserne Kreuz Zweiter Klasse verliehen. 1918 erhielt der Wittstocker Hauptmann Otto Gabcke den höchsten preußischen Tapferkeitsorden „Pour le Mérite“.

Demgegenüber stand die „Ehrentafel“. Zwischen April 1915 und November 1918 wurden auf ihr 644 Gefallene aus dem Kirchenkreis vermerkt. Der letzte auf der Liste war der Ersatzreservist Otto Muhß aus Wittstock, der am 13. Oktober 1918 gefallen war. Teilweise wurden Daten auch nachgereicht, so tauchte auf der Liste im Mai 1918 auch Richard Reppenhagen auf, der schon im Dezember 1914 gefallen war.

Von Christian Bark