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Wittstock/Dosse Erinnerung an den Holocaust
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00:21 05.08.2018
Seit 2014 erinnern Stolpersteine, wie hier vor der Rossmann-Drogerie, an ehemalige Wittstocker Juden. Quelle: Christian Bark
Wittstock

„Wir haben damit gar nichts mehr zu tun“ oder „Wie viele Jahre sollen wir noch die Bösen sein?“ – diese und andere Aussagen deutscher Passanten waren in der Filmdokumentation „Holocaust light gibt es nicht!“ am Mittwochabend zu hören. Die Blaukreuzgruppe hatte zum Schauen und Diskutieren in die Wittstocker Heilig-Geist-Kirche geladen. Es war ihr 21. Israelabend.

Blaukreuzgruppenleiter Bert Wischnewski lud nach dem Film zum Gespäch. Quelle: Christian Bark

„Der Holocaust an den Juden gerät mehr und mehr in Vergessenheit“, sagte Blaukreuzgruppenleiter Bert Wischnewski am Mittwochabend. Die Gruppe, die seit 2013 mit ihren Abenden die Liebe und Verbundenheit zu Israel und dem Judentum ausdrückt, wolle die schrecklichen Verbrechen an den Juden wieder in Erinnerung rufen. „Nicht im Sinne von Schuld aber im Sinne eines Bewusstseins für das Falsche“, erklärte Bert Wischnewski.

Der Film der Regisseurin Ilona Rothin stellt die ungarische Jüdin Sara Atzmon, geborene Gottdiener vor. Sie lebt heute in Israel und ist weltweit unterwegs, um mit ihrer Kunst und Erfahrung über den Holocaust zu sprechen und zu informieren.

Die Wittstocker Blaukreuzgruppe sah zum Israelabend den Film "Holocaust light gibt es nicht!". Quelle: Christian Bark

Im Alter von zwölf Jahren war Sara Atzmon 1944 mit ihrer Familie deportiert worden. Der Vater war zuvor bei der Zwangsarbeit verstorben. Der Hölle des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau entkam die Familie nur, weil ihr Zug wegen Überfüllung des Lagers wieder zurückgeschickt worden war.

Keine Freiheit nach der Befreiung

Dafür kamen sie, ihre Mutter und ihre Schwestern in das Konzentrationslager Bergen-Belsen in Niedersachsen. „Wir waren froh, wenn etwas Fleisch in der Suppe war. Später erfuhren wir, es war Menschenfleisch“, sagte die in dem 2012 gedrehten Film 80-Jährige.

Fast 70 Jahre später war Sara Atzmon nach Bergen-Belsen zurückgekehrt. Quelle: Christian Bark

Kurz vor Kriegsende wurde Bergen-Belsen evakuiert. Der Zug blieb bei Magdeburg stehen, weil sich die SS-Bewacher abgesetzt hatte. Selbst nach ihrer Befreiung wurden aus dem Zug geflohene Juden noch von Einheimischen ermordet. Danach kamen Sara Atzmon und ihre Schwestern nach Palästina, wo sie zunächst auch wieder interniert wurden.

Auch heute werden Juden in Deutschland bedroht

Der Film beschränkte sich nicht auf die Geschichte der Holocaust-Überlebenden, er zeigte sie im Hier und Heute, wie die inzwischen mehrfache Urgroßmutter in Deutschland als Zeitzeugin im Geschichtsunterricht oder bei Schulworkshops engagiert ist.

Sabine Schlag (r.) berichtete von der Freude ihrer Enkelin über die Stolpersteine in Wittstock. Quelle: Christian Bark

Erschrockene Mienen unter den Wittstocker Zuschauern waren auszumachen, als das Reporter-Team deutsche Passanten nach dem Holocaust befragte. Während die Jugend kaum etwas darüber wusste, wollten die Älteren schon gar nichts mehr davon wissen.

Ebenso bedrückend war es für die Israelfreunde und Filminterressierten, dass ein Gastwirt, der in Chemnitz ein israelisches Restaurant eröffnet hatte, immer wieder Ziel von Vandalismus und Bedrohungen wird. „Unglaublich, dass Juden in Deutschland schon wieder auf gepackten Koffern sitzen müssen“, murmelte einer der Zuschauer. „Das macht echt sprachlos“, stellte Bert Wischnewski am Ende de 90-minütigen Films fest.

Die Wittstocker Familie Rehfisch hatte den Holocaust überlebt, weil sie 1938 ins Exil geflohen war. Quelle: Christian Bark

Im Anschlussgespräch zeigten sich einzelne Zuschauer überzeugt davon, dass Bildung in der Sache und Besuche ehemaliger Konzentrationslager nicht dem Rotstift zum Opfer fallen dürften. „Ein großes Denkmal wäre in Berlin gar nicht nötig gewesen“, sagte Werner Guskowsky. Viele kleinere in allen Städten, wo es Juden gab, wären sinnvoller.

„Meine Enkelin bewundert in Wittstock immer die Stolpersteine am Marktplatz“, sagte Sabine Schlag. Das sei der Beweis dafür, dass auch lokal der Holocaust nicht aus dem Gedächtnis verschwinde. Ein anderer Zuschauer verwies darauf, dass es auch an der Wittstocker Polthier-Oberschule regelmäßig Zeitzeugengespräche gebe.

Seit fünf Jahren Liebe zu Israel ausgedrückt

2013 hat die Blaukreuzgruppe den Israelabend ins Leben gerufen. Er findet viermal im Jahr, immer am ersten Mittwoch eines Monats, statt.

Neben Vorträgen gibt es Konzerte, Tanzabende und auch Filmgespräche.

Die Blaukreuzgruppe ist Teil der Landeskirchlichen Gemeinschaft in Wittstock.

Seit 2009 sind in ihr ehemalige Alkoholiker organisiert.

Die Besucher der Israelabende eint die Liebe zum Volk und zum Land Israel. Sie betrachten nicht nur Lebensweise, Kultur und Politik, sondern vor allem Religion.

Demnach sind die Juden das auserwählte Volk Gottes und bieten die Grundlage für das Christentum, was viele Christen aber anders sehen.

Nach dem Abend sammelten die Blaukreuzler noch Spenden für Holocaust-Überlebende aus der Ukraine. „Die Leute haben es wirklich nötig“, sagte Bert Wischnewski.

Der nächste Israelabend findet am Mittwoch, 7. November, um 19 Uhr in der Heilig-Geist-Kirche statt. Dann wird der Film „Anatevka“ gezeigt.

Von Christian Bark

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