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Ostprignitz-Ruppin Die leckeren Plagegeister sind da
Lokales Ostprignitz-Ruppin Die leckeren Plagegeister sind da
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12:28 20.02.2015
Wollhandkrabbe: Was schmeckt, sieht bekanntlich nicht immer gut aus - Fischer machen aus der Not eine Tugend und vermarkten die Tiere Quelle: Anke
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Saldernhorst

Vermutlich kam sie einfach nur nicht weiter, fiel auf ihrem kurzen Landweg erschöpft tot um und vertrocknete an dieser Stelle des Wehres Saldernhorst am südwestlichsten Zipfel des Landkreises Ostprignitz-Ruppin. Nur wenige Meter weiter, und sie wäre wieder im Dossewasser gelandet und hätte Flussaufwärts krabbeln können – wie so viele Artgenossen vor ihr.

Tiere stammen aus China

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Immer wieder berichten Angler in jüngster Zeit von Wollhandkrabben nun auch im Flusssystem von Dosse und Jäglitz. Wie weit sie schon vorgedrungen sind, darüber lässt sich nur spekulieren, sagt Willi Dorn. Der Sprecher des Kyritzer Kreisanglerverbands als Dach für 19 Vereine mit insgesamt rund 1400 Mitgliedern sagt: „Wollhandkrabben sind mittlerweile so präsent, dass sie hier nicht mal mehr Thema sind.“ Denn als vor einigen Jahren die aus China stammenden Tiere den Fischern entlang Elbe und Havel Sorgen bereiteten und vermehrt Exemplare auch in der Dosse gesichtet wurden, seien sie auch unter Anglern groß im Gespräch gewesen. Mittlerweile aber sind sie eben da, die Aufregung über sie nehme daher merklich ab. Oder etwa auch die Anzahl der Krabben an sich?

Eingewanderte Arten

Von Fauna bis Flora – vom asiatischen Marienkäfer über die asiatische Tigermücke bis hin zur Pflanzenwelt – sind eingewanderte Arten auch in der Region längst allgegenwärtig. Das Spektrum der Gründe dafür reicht vom bewussten Einsatz der Tiere als biologische Schädlingsbekämpfer bis hin zum illegalen Entsorgen von Zimmer- oder Gartenpflanzen, die sich unter die heimische Flora mischen.

Im Wasser sind solche Prozesse erst bei genauerem Hinsehen erkennbar. Neben Wollhandkrabben verbreiten sich dort die Schwarzmaulgrundel aus der Schwarzmeerregion, aber auch der Weißflossen- oder Strom-Gründling, der eigentlich in der Donau-Region beheimatet ist.

Welche Folgen solche Veränderungen in der Tierwelt haben, ist oft nicht abschätzbar. Die größte Sorge besteht darin, dass die jeweils eingeschleppten die bisher ansässigen Arten verdrängen oder gar zu deren Aussterben führen könnten. Wie der amerikanische Flusskrebs den eigentlichen Flusskrebs schon verdrängte, wird das jetzt auch für die Marienkäfer befürchtet.

Die Natur kann zugleich eine Bereicherung erfahren. Regenbogenforellen etwa sind erst seit 150 Jahren in Brandenburg heimisch. Und der Blaubandbärbling sowie der Zwergwels sind ebenfalls nicht schon immer Märker. Die Bärblinge stammen aus Asien, die Zwergwelse aus Nordamerika.

Berühmtester Einwanderer in der Pflanzenwelt ist die Kartoffel. Sie wurde erst mit der Erschließung Südamerikas von den Europäern mitgebracht.

Fischer Dirk Mielke erinnert sich, dass er und sein Vater vor zwei Jahrzehnten mal eine oder zwei solcher Krabben im Netz hatten – und das im Kyritzer Untersee als Stillgewässer. Doch es ist über die Klempnitz mit der Dosse verbunden. „Seither sah ich nie wieder so eine Krabbe. Zum Glück. Offenbar mögen sie Seen nicht, sondern brauchen fließendes Wasser“, sagt Mielke. Er habe es vielmehr mit dem ebenso eingeschleppten Kamberkrebs, dem aus Nordamerika stammenden Flusskrebs, zu tun. „Den einheimischen Krebs hat der längst verdrängt.“

Population hängt auch von Wasserqualität ab

Was nun die Krabben als Folge nach sich ziehen, ist ungewiss. Fest steht: Die Population schwankt, wie aus dem Institut für Binnenfischerei in Potsdam-Sacrow zu erfahren ist. Laut den Experten wurden die Krabben bereits in den 1920er Jahren über Handelsschiffe bis in die Elbe geschleppt und verbreiteten sich weiter. Je nach Wasserqualität nahm ihre Population dann zu oder ab. Besonders auch mit der seit Ende der 1990er Jahre wieder verbesserten Durchlässigkeit der Flüsse für Wassertiere in Folge von Wehrrückbauten krabbelten die Tiere immer weiter ins Landesinnere. „Sie mischen sich als Allesfresser ins Nahrungsnetz ein“, sagt Steffen Zahn vom Binnenfischerei-Institut, das mit dem Landesumweltamt und dem Landesanglerverband kooperiert. Zahn, der den Arbeitsbereich Fisch- und Gewässerökologie leitet, malt keinen Teufel an die Wand: „Die Natur regelt das schon.“ Vielmehr sieht er in durchlässigen Flüsse Chancen für andere Tiere und verweist auf die in der Stepenitz wieder angesiedelten Flussneunaugen, Meerforellen und Lachse. Die Krabben, die über die Stepenitz quer durch die Prignitz ziehen, seien da zu verschmerzen.

Wollhandkrabbe ist in China eine Delikatesse

Problematischer findet Zahn die eingewanderte Schwarzmaul- oder auch Schwarzmeergrundel, die nicht weniger gefräßig sei als die Krabbe, die aber habe ohnehin ihre Grenze je nach Wassertiefe und -temperatur. Ein Wehr als Hindernis indes halte sie kaum auf, da sie Landgänger ist. „Fallen brachten nichts. So blieben Wollhandkrabben zuletzt ein Problem besonders für Fischer, deren Netze sie zerstören. Mittlerweile aber haben sie sich auf die Krabben eingerichtet und vermarkten sie sogar.“ Wie Fischer Sven Ahlendorf in Warnau bei Havelberg: „Bei uns verweilen Krabben fünf bis sechs Jahre und machen sich dann geschlechtsreif mit der stromab gerichteten Laichwanderung auf den Rückweg ins salzige Brackwasser unterhalb Cuxhavens, das sie zur Vermehrung brauchen“, erklärt Ahlendorf.

„Die Wollhandkrabbe ist in China eine Delikatesse. Dort werden jedes Jahr mehr als 500.000 Tonnen in Teichen und Aquakulturen produziert. Zum Vergleich: In Deutschland werden jedes Jahr 10000 Tonnen Speisekarpfen produziert“, erklärt der Fischer auf der Internetseite des Warnauer Restaurants „Fischerstube“. Demnach gibt es natürlich vorkommende Wollhandkrabben „in China kaum noch, da die Gewässer dort zu verschmutzt sind. Auch zu Zeiten der DDR haben sich die Krabben nicht sehr weit die Elbe hinauf getraut. Woran das wohl gelegen hat?“.

Fischer Mielke ist froh darüber, dass die Krabben Flüsse bevorzugen. Quelle: Anke

Derzeit lässt sich in Warnau allerdings keine Krabbe bestellen, wie Ahlendorf der MAZ sagt. Die Fangzeit erstrecke sich von Juli bis September. Doch selbst dann gebe es Krabbe etwa in Zitronenmajonaise nur auf Vorbestellung. Die Tiere werden ansonsten bundesweit verschickt.

Schade also ums tote Exemplar vom Wehr Saldernhorst, dieser ersten Hürde in der Dosse, die sich dort jedem aus der Havel vordringenden Wassertier in den Weg stellt. Diesen Sommer wird sich das ändern, dann bekommt auch Saldernhorst eine Fischtreppe. Zum Vorteil für alle, die aus der Richtung kommen, wo die Sonne abends hinterm Horizont verschwindet.

Von Matthias Anke

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