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Wusterhausen Fontane, der Flunkerer?
Lokales Ostprignitz-Ruppin Wusterhausen Fontane, der Flunkerer?
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14:24 29.10.2019
Gabriele Radecke (l.) und Robert Rauh (r.) mit Helga und Horst Leusmann in der Kirche von Brunn. Quelle: Anja Reinbothe
Wusterhausen

„In einer Stunde hoffe ich, mit den Sehenswürdigkeiten fertig zu sein“, schrieb Theodor Fontane am 16./17. September 1873 an seine Frau Emilie, als er in Wusterhausen für die dritte Auflage zur „Grafschaft Ruppin“ recherchierte. Genau 146 Jahre später ist ihm eine Gruppe Neuruppiner und Berliner auf den Fersen.

Der Autor Robert Rauh, der dem großen Schriftsteller für sein Buch „Fontanes Ruppiner Land“ nachgewandert ist, hat zu diesem Ausflug in die Dosse-Orte eingeladen, zusammen mit der Literaturwissenschaftlerin Gabriele Radecke von der Uni Göttingen. Sie hat 67 Fontanenotizbücher entschlüsselt. „Das, was wir an diesem Tag machen, gab es noch nie“, erklärt Robert Rauh. Er und Gabriele Radecke werden erzählen, der Schauspieler Alexander Bandilla aus den „Wanderungen“ lesen.

Die Tour-Teilnehmer auf dem Weg zum Drake-Denkmal. Quelle: Anja Reinbothe

„Dabei führen wir an die Originalschauplätze, wo Fontane recherchiert hat, wandern nach seinen Notizbüchern von Wusterhausen über Brunn nach Tramnitz“, fügt Gabriele Radecke hinzu. Gedruckt beschreibe der Literat eine andere Reiseroute und poetisiere frei.

Was hat Fontane also wirklich gesehen? „Für seine Septemberreise 1873 ist er am 16. September mit dem Abendzug von Berlin nach Neustadt gefahren. Dort ist er in den Postbus, eine größere Kutsche, gestiegen.“

In Wusterhausen hätte Fontane im Hotel „Zum Schwarzen Adler“ übernachtet, das nicht mehr existiere, und hätte am darauffolgenden Tag die opulente St.-Peter-und-Paul-Kirche inspiziert, wo auch die Tagesausflügler ihre Tour starten.

Gabriele Radecke und Robert Rauh in der St.-Peter-und-Paul-Kirche in Wusterhausen. Quelle: Anja Reinbothe

Das evangelische Gotteshaus aus Backstein bietet gute Zuflucht. Während es draußen stürmt und regnet, liest der Schauspieler Alexander Bandilla weiter aus dem Brief von Theodor Fontane an seine Frau Emilie und danach aus dem Wusterhausen-Kapitel der „Wanderungen“. Gabriele Radecke reicht vergrößerte Aufnahmen der Notizbuchseiten herum.

Die opulente St.-Peter-und-Paul-Kirche in Wusterhausen. Quelle: Anja Reinbothe

Ausführlich beschreibt Fontane die „zwei alten Kelche in der Sakristei aus der Renaissance (…), die 21 Tafelbilder an der Nordempore, die die Leidensgeschichte Christi darstellen, aber nicht von derselben Hand rühren“.

Die Deckenmalerei hätte er damals 1873 nicht gesehen, versichert Katharina Zimmermann, seit 2016 Hausherrin des Wegemuseums und Fachkraft für Museum und Tourismus und Kultur: „Die mittelalterlichen Malereien wurden in den 1960er Jahren bei der Restaurierung freigelegt.“

Nun gut, dazu hat sich Fontane auch nicht ausgelassen. Anders zum Storchennest auf dem Heilig-Geist-Hospital, der anderen Sehenswürdigkeit in Wusterhausen. „ …Oben am Giebelfelde der Kapelle begann der Storch zu klappern“, zitiert Bandilla. „Ich zog mein Notizbuch, um das Bild in wenigen Strichen festzuhalten, wobei mein Hauptaugenmerk oben auf das Storchennest (…) fiel. Noch ein Blick auf meine Zeichnung (…).“

Heilig-Geist-Hospital: auf dem Giebel ein Storchennest. Quelle: Anja Reinbothe

An der Stelle sei Gabriele Ra­decke stutzig geworden: „Ich habe auch einen Blick geworfen ins Notizbuch A 2 – darin gibt es keine Skizze.“ Wir müssten immer auf der Hut sein, ob die Realität mit Fontanes literarischer Wirklichkeit übereinstimmt, meint die Wissenschaftlerin, während die Orgelspielerin kurzerhand einberufen wurde, weil es draußen weiterhin regnet. Fontane, der Flunkerer?

Ingeborg Löschner ist ergriffen von Atmosphäre und Klängen. Seit sieben Jahren lebt die gebürtige Mecklenburg-Vorpommerin in Neuruppin und ist Mitglied in der Fontanegesellschaft. „Mit Fontane bin ich groß geworden. Als ich vier war, hat mein Vater mir das Gedicht ‚Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland’ vorgetragen. Ich liebte den Fontane von Anfang an.“ Später studierte die aparte Rentnerin Germanistik, arbeitete als Lehrerin.

Der Regen lässt nach, und im nahen „Mühlenhof“ wartet ein Fontaneschmaus, Schweinebraten mit Rotkraut und Erdäpfeln, bevor die nächste Etappe mit Bus und Auto angesteuert wird: das fünf Kilometer entfernte Brunn. Fontane wäre es gerade mal eine Fußnote im ersten Wanderungen-Band wert gewesen, meint Gabriele Radecke: „Weshalb sind wir also hier?“

Die Kirche von Brunn mit dem Drake-Monument. Quelle: Anja Reinbothe

Weil dieser am 17. September 1783 in Brunn war, worauf Aufzeichnungen im Notizbuch A 2 hindeuten. Radecke zeigt sie dem interessierten Publikum in der kleinen Dorfkirche. „Es ging ihm um ein Grabmonument von Friedrich Drake, das Amalie von Romberg für ihren verstorbenen Mann Conrad und ihren Sohn Anton zur Erinnerung setzen ließ.“

Davon erfahren hatte er im Salon der Gräfin Schwerin, der Schwester von Amalie. Auch Drake, der mit seiner Goldelse auf der Berliner Siegessäule berühmt wurde, verkehrte dort. „Im Schlosspark zu Brunn, unter dunklen Tannen und fast am Rande eines stillen Weihers, erhebt sich ein schönes, von Drakes Hand herrührendes Monument …“, zitiert Alexander Bandilla mit seiner sonoren Stimme. Und wieso steht es vor der Kirche und hat nur zwei Stufen? Fontane skizzierte drei.

Eine Kopie aus Fontanes Notizen. Quelle: Anja Reinbothe

„Der Kyritzer Superintendent Wolfgang Funke hatte im April 1989 entschieden, es umzusetzen“, lüftet Robert Rauh das Geheimnis, und Helga Leusmann, die 1939 in Brunn geboren wurde, nickt zustimmend: „Hier steht es schöner und sicherer vor Vandalismus.“ Der Sockel wurde bewusst am Originalstandort zurückgelassen.

Robert Rauh kennt den Weg. „Horst Leusmann hat ihn mir gezeigt. Er ist dort täglich mit seinem Hund Gassi gegangen.“ Nach rund 700 Metern auf der breiten Dorfstraße biegt die Gruppe rechts ab und läuft alsbald mitten ins Dickicht hinein. Und da ist sie, die letzte Stufe des Grabmonuments, von Moos überzogen und verwildert.

Am Originalstandort: die verwilderte Stufe des Drake-Denkmals. Quelle: Anja Reinbothe

Bärbel Hartwig entfernt Efeu. „Das ist schädlich“, erzählt die Wusterhausenerin, die sich viel mit der Geschichte ihrer Stadt auseinandersetzt. Es sei spannend hoch drei, in der eigenen Gegend Neues zu entdecken, so die Rentnerin. „Ich wusste, dass es eine dritte Stufe gibt, aber nicht wo.“

Die Orte werden noch kleiner, die Kirchen auch. Gerade mal 55 Menschen wohnen in Tramnitz, weniger als die Gruppe groß ist, die im Gotteshaus Platz nimmt. Es ist der nordwestlichste Zipfel der Fontane-Orte aus dem ersten Band und gehört auch zu Wusterhausen.

Die Kirche von Tramnitz. Quelle: Anja Reinbothe

An der Fontanestraße steht die „neue Kirche“ aus der napoleonischen Ära. „Sie stammt aus der armen Zeit und gleicht einer Fachwerkscheune, der man ein halbes Dutzend Fenster gegeben hat“, liest Alexander Bandilla Fontanes Urteil zu dieser vor. Wie wahr, sie ist schlicht. Innen blättert die Farbe ab, der barocke Kanzelaltar wurde auch herausgerissen und durch einen Holzkasten mit weißem Tuch drüber ersetzt. Dennoch haftet ihr etwas Romantisches an.

Der Schauspieler Alexander Bandilla liest in der Kirche von Tramnitz aus Fontanes „Wanderungen“. Quelle: Anja Reinbothe

Das findet auch Ute Wahnelt, die Ortschronistin. Sie schwärmt von ihrem Tramnitz, erzählt, dass das Glockenspiel von 1725 ist, die große Glocke leider keinen TÜV mehr bekommen hat. Doch wozu auch? „Das letzte Brautpaar wurde 1977 getraut, 2014 der jüngste Einwohner getauft.“ Vier Seiten gäbe es in Fontanes Notizbuch von 1873 zu Tramnitz, meint Radecke. Ob dieser im Herrenhaus war, verrät er dem Leser nicht.

Robert Rauh führt zu einem Hügel am anderen Ende der Straße. „Darunter befinden sich die Reste des Gutshauses. Es ist zusammengefallen, wurde 1979 abgerissen. Fontane wurde in einem danebenstehenden Fachwerkhaus von einer freundlichen alten Dame empfangen.“

Von Wilhelmine von Rohr, einer Tante Mathildes, die eine langjährige Freundin Fontanes war, weiß wiederum der Verleger Günter Rieger und lacht: „Bei Tramnitz muss ich immer an Kaffee denken. Tante Wilhelmine erzählte Fontane vom Besuch des Kronprinzen Friedrich.“

1733 kehrte dieser inkognito bei „Tante Fieckchen“, eine von Rohr, ein. „Ihren Kaffee fand er furchtbar und kippte ihn aus dem Fenster. Frau von Rohr maßregelte ihn, als sie hörte, wer der Gescholtene war: ‚Na, dann um so schlimmer. Wer Land und Leute regieren will, darf keinen Kaffee aus dem Fenster gießen.’“ Fontane war ein Anekdotensammler und verweilte gern bei den Leuten. Das könnten die Gäste in Tramnitz auch, länger als eine Stunde.

Von Anja Reinbothe

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