Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Polizei Antisemitischer Angriff: Jüdische Gemeinde unter Schock
Lokales Polizei Antisemitischer Angriff: Jüdische Gemeinde unter Schock
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:44 28.07.2019
Ein 25-Jähriger ist laut Polizei in Potsdam bespuckt und beleidigt worden. (Symbolbild) Quelle: Friso Gentsch/dpa
Potsdam

Weil er eine Kippa mit Davidstern trug, ist ein Mann (25) am Samstag vor dem Potsdamer Hauptbahnhof bespuckt und als „Drecksjude“ beleidigt worden. Das bestätigt die Polizeidirektion West auf Nachfrage der MAZ. Der Potsdamer habe umgehend die Polizei alarmiert – diese ersuchte die am Bahnhof stationierte Bundespolizei um Hilfe. Deren Beamte waren als erste vor Ort – sie fassten einen 19-Jährigen, den der Geschädigte als Täter identifiziert hatte. Der Heranwachsende stammt aus Syrien, seine Personalien wurden aufgenommen.

Begleiter des Beschuldigten soll sich nicht beteiligt haben

„Einen tätlichen Angriff, eine Handgreiflichkeit hat es nicht gegeben“, sagte der Sprecher der Polizeidirektion West, Daniel Keip der MAZ. Der Vorfall hat sich demnach am Samstagnachmittag gegen 16.30 Uhr auf dem Bahnhofsvorplatz an der Friedrich-Engels-Straße ereignet. Neben dem Opfer und dem mutmaßlichen Täter hätten die Bundespolizisten auch einen Zeugen befragt – der Jugendliche (17) war der Begleiter des mutmaßlichen Täters, beteiligte sich laut Daniel Keip aber nicht.

„Die Konstellation legt nahe, dass eine antisemitische Motivation anzunehmen ist. Es wurde eine Anzeige wegen Volksverhetzung aufgenommen“, so Daniel Keip. Der mutmaßliche Täter ist auf freiem Fuß, die Staatsanwaltschaft werde am Montag eingeschaltet. Ob der Beschuldigte der Polizei bereits bekannt ist, womöglich wegen ähnlicher Delikte, sagte Daniel Keip mit Verweis auf dessen Alter nicht.

Student sagt, er trage die Kippa aus Familientradition

Als erstes hatte am Sonntag die Deutsche Presseagentur (DPA) über den Vorfall berichtet. Wie die DPA bestätigte, habe der Betroffene selbst den Kontakt zu den Journalisten gesuchte. Demnach sagte der 25-jährige Student der Agentur, er trage die Kippa täglich aus Familientradition. „Als ich am Hauptbahnhof aus der Straßenbahn ausgestiegen bin, habe ich hinter mir Schatten wahrgenommen“, berichtete er. Im nächsten Moment sei er schon angespuckt, antisemitisch beleidigt und mit Gebärden bedroht worden.

Der Potsdamer Hauptbahnhof gerät immer wieder in die Schlagzeilen. Quelle: Varvara Smirnova

Jüdische Gemeinde unter Schock

In der Jüdischen Gemeinde Potsdam ist man entsetzt. „Ich stehe unter Schock“, sagt deren Vorsitzender Evgeni Kutikow. „Ich habe Potsdam immer für eine ruhige Stadt gehalten.“ Evgeni Kutikow fordert, dass die Politik nun aktiv wird. So müssten muslimische Migranten aufgeklärt und ihnen bewusst gemacht werden, dass es in Deutschland Gesetze gibt und dass es Konsequenzen hat, wenn man gegen diese verstößt. Dennoch wolle er nicht davon abraten, die Kippa, den Davidstern und andere jüdische Symbole in der Öffentlichkeit zu tragen. „Wenn es so weit kommt, dass wir davor warnen müssen, dann ist für uns Juden der Punkt erreicht, Deutschland zu verlassen und nach Israel auszuwandern.“

Oberbürgermeister: „Wir lassen uns tolerantes Klima nicht zerstören“

Auch Potsdams Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) zeigte sich am Sonntag von der Nachricht zutiefst betroffen. „Den Vorfall am Hauptbahnhof nehme ich sehr ernst“, teilte Schubert mit. „Potsdam ist eine Stadt der Toleranz und hat aus der Geschichte gelernt. Hass und Gewalt aus politischen und religiösen Motiven dulden wir in unser Stadt nicht.“

Der Betroffene habe richtig gehandelt, als er sich an die Polizei gewandt und den Fall zur Anzeige gebracht hat, so Schubert: „Es ist gut, dass die Polizei den mutmaßlichen Täter schnell ausfindig machen konnte“. Die Ermittlungen müssten zügig Klarheit über die mutmaßlich antisemitische Motivation und die daraus folgenden strafrechtlichen Konsequenzen schaffen. „Das tolerante Klima in der Stadt, die gute Integrationsarbeit und den Integrationswillen der Geflüchteten in unserer Stadt lassen wir uns nicht von Einzeltätern zerstören“, betonte der Oberbürgermeister. Im Frühjahr 2018 nahmen etwa 350 Menschen an der Aktion „Potsdam trägt Kippa“ teil, um ein Zeichen gegen antisemitische Übergriffe zu setzen, die sich unter anderem in Berlin ereignet hatten.

Hauptbahnhof fällt immer wieder negativ auf

Der Hauptbahnhof gerät immer wieder in die Schlagzeilen und gilt als Kriminalitätsschwerpunkt. Diebstähle, Alkoholexzesse, handgreifliche Streitereien, Drogendelikte, sexuelle Belästigungen – die Liste der Vorfälle ist lang. Zu antisemitischen Angriffen sei es in den vergangenen drei Jahren laut Polizei zwar „in der Stadt vereinzelt“, am Bahnhof aber nicht gekommen.

Hier weiterlesen:

>>> Angst vor Angriffen: Antisemitismus-Beauftragter warnt vor Tragen der Kippa in Deutschland

>>> Angreifer prügelt auf Juden mit Kippa ein

>>> Arrest nach Gürtel-Attacke auf Kippa-Träger

>>> 19-Jähriger gesteht Schläge gegen Kippa-Träger

Von Nadine Fabian und Ildiko Röd