Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Potsdam-Mittelmark Kammeroder kämpfen gegen die Raser
Lokales Potsdam-Mittelmark Kammeroder kämpfen gegen die Raser
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:46 22.02.2018
Katja Block (29, l.) und Belinda Swionteck (32) treffen sich zum Spazieren mit ihren Kindern. Die Straße überqueren kann abenteuerlich sein. Quelle: Luise Fröhlich
Anzeige
Kammerode

An manchen Tagen ist Kammerode förmlich verstopft. Wenn die Bewohner des kleinen Fercher Gemeindeteils wissen wollen, ob es sich auf der Autobahn zwischen Glindow und Michendorf staut, müssen sie nur aus dem Fenster sehen. Unter den Kraftfahrern hat sich die Umgehung längst herumgesprochen. Den Kamme­rodern stößt das sauer auf. „Wir würden uns einfach wünschen, dass die 50 Stundenkilometer im Ort eingehalten werden“, sagt Gemeindevertreter Ralf Ellguth (Bürgerbündnis).

Die 32-jährige Belinda Swionteck wohnt direkt an der Straße und hat im vorigen Jahr eine Unterschriftenaktion initiiert. „Die Geschwindigkeit ist schon länger ein Problem, das sich durch die Mehrbelastung wegen des Autobahnausbaus verstärkt hat“, sagt sie. Abgesehen von vier Kammerodern haben alle unterschrieben. Zunächst ging die Petition an den Kreistag und zuletzt an den zuständigen Ausschuss im Potsdamer Landtag. „Wir versprechen uns davon mehr Durchsetzung unserer Forderungen gegenüber dem Landkreis“, erklärt Ellguth.

Anzeige
Zwischen der Autobahnabfahrt und Ferch wird es oft eng, vor allem, weil viele Lkw den Stau umfahren wollen. Quelle: Luise Fröhlich

Die Gemeinde Schwielowsee führt seit mehreren Jahren Messungen mit einer Anzeigentafel durch. Ein mobiles Gerät hatte zuletzt der Landkreis aufgestellt, das aber mittlerweile wieder abgebaut ist. Die Zahlen der Gemeinde haben ergeben, dass durchschnittlich zwischen 42 000 und 55 000 Autos und Laster im Monat durch Kammerode fahren. Vom 8. Juni bis 1. Juli 2017 waren es etwa 42 649. 85 Prozent davon sind maximal 57 Stundenkilometer oder langsamer gefahren. Ein Autofahrer rauschte mit Tempo 123 durch den Ort. 15 Prozent waren zu schnell unterwegs. Die größte Belastung besteht zwischen 6 und 10 Uhr sowie 14 und 17 Uhr.

Überqueren der Straße ist gefährlich geworden

Schon bevor der achtstreifige Ausbau der A 10 zwischen den Dreiecken Potsdam und Nuthetal begonnen hatte, sah Belinda Swionteck das Unheil herannahen und wandte sich an den Landkreis. Die Forderung: Tempo 30 oder zwei Verkehrsinseln. Der Kreis lehnte dies ab mit der Begründung, dass das Verkehrsaufkommen zu niedrig und keine „erhöhte Gefahrenlage“ erkennbar sei.

Dabei argumentierte er auch mit einer Verkehrszählung der Gemeinde aus dem Jahr 2014. Zwischen dem 8. und 28. Dezember seien in Kammerode 36 349 Fahrzeuge gemessen worden. Das entspricht 73 Autos oder Lastern pro Stunde. Die Durchschnittsgeschwindigkeit lag bei 53. Die Gemeinde hatte anschließend Tempo 30 in den Nachtstunden beantragt, doch auch dies lehnte der Kreis ab. Es habe in den vergangenen drei Jahren keine geschwindigkeitsbedingten Unfälle gegeben, heißt es in der Antwort.

„Man muss ja nicht abwarten bis was passiert“, meint Katja Block. Für Kinder und ältere Kammeroder sei es sehr gefährlich geworden, die Straße zu überqueren. Die beiden Frauen haben aufgehört zu zählen, wie viele Katzen dabei schon gestorben sind. Katja Block hat allein zwei Tiere an die Straße verloren. „Die nächste Überlegung ist jetzt, ob wir Blitzerattrappen oder Holzfiguren am Straßenrand aufstellen“, erklärt Belinda Swionteck. Auch eine Blitzersäule, wie es sie in Glindow gibt, wäre aus Sicht der zweifachen Mutter wirkungsvoll.

Zwischen Bahnhof und dem Fercher Zentrum fehlt ein Radweg

Ortsvorsteher Roland Büchner (Bürgerbündnis) weist darauf hin, dass ganz Ferch bei Stau auf der Autobahn stark belastet ist. Auf dem Abschnitt zwischen Ortseingang und Bahnhof Ferch-Lienewitz hätten es vor allem Radfahrer schwer. „Die Straße ist hoch frequentiert und es gibt keinen Radweg“, sagt er. Weil es sich auch dort um eine Kreisstraße handelt, könne die Gemeinde weder einen Radweg bauen noch ein Tempolimit durchsetzen. „Der Kreis ist in der Pflicht, hat aber bisher abgelehnt. Wir wollen uns weiter dafür einsetzen“, so Büchner weiter.

Ausbau der Autobahn dauert noch bis 2020

1998 wurde die Ortsdurchfahrt Kammerode erneuert. Seitdem gibt es den einseitigen Gehweg und eine Buswendestelle am Ortsausgang Richtung Ferch. Dem Kreis zufolge besteht ein hoher Grad an Verkehrssicherheit.

Geschwindigkeitskontrollen seien in Kammerode immer wieder durchgeführt worden, hätten aber nur kurzweilige Erfolge gezeigt, wie Belinda Swionteck berichtet.

Im März 2016 begann der achtstreifige Autobahnausbau. Die bundeseigene Planungsgesellschaft Deges rechnet im Jahr 2025 mit 117 000 bis 126 000 Fahrzeugen am Tag auf dem A 10-Abschnitt. Der Ausbau soll 2020 fertig sein. Die gesamte Maßnahme kostet 150,7 Millionen Euro.

Von Luise Fröhlich