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Potsdam-Mittelmark Als DDR-Elitesoldaten aus Lehnin beinah gegen Bürgerrechtler ausrückten
Lokales Potsdam-Mittelmark Als DDR-Elitesoldaten aus Lehnin beinah gegen Bürgerrechtler ausrückten
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15:20 27.09.2019
NVA-Fallschirmjäger in Lehnin, das Foto ist datiert mit 1989/ 90. Quelle: privat
Lehnin

Das Lehniner Fallschirmjägerbataillon stand im Herbst 1989 unter Hochspannung. Die gut ausgebildete Elitetruppe war seit Beginn der Montagsdemonstrationen in Leipzig in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt worden. Am 13. Oktober wurden drei Hundertschaften von ihnen tatsächlich nach Leipzig abberufen.

Unter ihnen war auch Peter Jänicke, Hauptmann bei den Fallschirmjägern und stellvertretender Leiter einer Hundertschaft. Er berichtet der MAZ, dass die Fallschirmjäger in Leipzig zweieinhalb Tage den für sie ungeübten Einsatz von Schildern und Schlagstöcken übten. „Das mag martialisch klingen, aber wir Fallschirmjäger kämpften dabei gegeneinander.“ Wie hart, das beweist der Fakt, dass dabei reihenweise Schlagstöcke zu Bruch gegangen sein sollen.

Am 16. Oktober waren die Elitesoldaten eingesetzt bei der Montagsdemonstration, bei der weit über 100.000 Menschen durch die Leipziger Innenstadt zogen und „Wir sind ein Volk“ riefen.

Elitesoldaten vor Demonstranten

Die Soldaten, ausgebildet sogar im waffenlosen Töten, hatten plötzlich als Gegner unbewaffnete Zivilisten, Männer, Frauen, ältere und jüngere Menschen. Auch Familien sollen dabei gewesen sein. „Wir haben die Demo im Radio der DDR, Sender Leipzig live verfolgt und am offenen Fenster. Und da ist uns bewusst geworden, dass diese Demonstranten eine emotionale Einheit gewesen sind. Da reingeschickt zu werden, ist eine Sache gewesen, die wir nicht akzeptiert haben, nämlich gegen das eigene Volk aufzutreten“, sagt Peter Jänicke. „Das haben wir am nächsten Tag in einem Brief an Honecker auch so formuliert, dass wir protestieren, zu solch einem Einsatz gerufen zu werden.“ Doch in den Wirren danach habe der Brief wohl Honecker nicht erreicht, so Jänicke. Am 18. Oktober wurde der SED-Chef entmachtet.

Peter Jänicke von den NVA-Fallschirmjägern in Lehnin mit angelegter Sprungausrüstung. Das Foto entstand 1990 in Burg. Quelle: privat

Es kam zu dem Einsatz der Fallschirmjäger bei der Montagsdemonstration in Leipzig nicht. Aus welchen Gründen, das ist umstritten. „Aber es war schon kritisch und wir hatten zwei Leipziger Fallschirmjäger dabei, die gebeten haben, sich das Gesicht abtarnen zu können, damit sie nicht von ihren Verwandten und Freunden erkannt werden. Das war alles ziemlich heftig. Die Einsatzbereitschaft war trotzdem außerordentlich hoch.“

Der Einsatzbefehl kam nicht

Der damalige Kommandeur der Fallschirmjäger, Norbert Seiffert, schildert der MAZ das Ziel der Mission: „Wir sollten Rädelsführer, Querulanten, Stimmungsmacher herausziehen aus der Demo.“ Das wäre auch gewaltsam abgelaufen, deswegen seien Schlagstöcke und Schilder angeordnet gewesen. „Doch es ist ja nichts passiert“, so Seiffert. Es kam zu keinem Einsatzbefehl. „Relativ spät hat uns unser Verbindungsoffizier zur Einsatzleitung den Abbruch der Aktion mitgeteilt. Da war die Demo fast vorbei. Wer für den Befehl des Abbruchs verantwortlich war, keine Ahnung“, so Seiffert.

Peter Jänicke war Hauptmann und stellvertretender Leiter einer Hundertschaft bei den Fallschirmjägern in Lehnin. Heute arbeitet er als Fahrer bei einem Sozialdienst. Quelle: Marion von Imhoff

Schon am Samstag begann laut Peter Jänicke das Training auch mit den Schlagstöcken. Eine Übung war: „Etliche Hundert Meter sprinten, um dann auf einen Mannschaftswagen aufzuspringen. Die drei Hundertschaften waren in einer Zeit von unter fünf Minuten abmarschbereit.“

Die Waffen und Kampfsätze seien in „versiegelten Containern“ von Lehnin nach Leipzig gebracht worden und verschlossen auch wieder zurückgebracht worden. „Sie waren nie am Mann.“ Schusswaffen hatten die Fallschirmjäger demnach nicht bei sich. Wäre der Einsatzbefehl gekommen, wären die Fallschirmjäger gegen die Demonstranten gestürmt. In Keilform, wie Jänicke berichtet. „Wäre der Befehl gekommen, es ist Spekulation, aber ich nehme an, zu dem damaligen Zeitpunkt, wären wir reingegangen.“

„Genossen: Stahlhelm und Kampfweste nicht vergessen“

Peter Jänicke händigte der MAZ ein Din-A-4-Blatt aus, handschriftlich überschrieben mit Leipzig, Oktober ’89. Mit Schreibmaschine getippt, ist dort der Ausrückebefehl notiert. „Was will der Gegner? Die organisierte Konterrevolution!“, steht auf dem Zettel. Und weiter: „Offene ideologische Aggression kennzeichnet die gegenwärtige Klassenkampfsituation.“ Dann, weiter unten: „Unsere Aufgaben: Ersticken der Konterrevolution im Keim; Gewährleistung von Ruhe und Ordnung (...). Wir erfüllen diese Aufgabe bedingungs- und kompromißlos mit hoher Einsatz- und Leistungsbereitschaft, verhalten uns zurückhaltend und diszipliniert, handeln besonnen, reagieren exakt auf die Weisungen und Befehle unserer Vorgesetzten. Wir wollen keine Konfrontation – wir wollen unsere Probleme im Dialog diskutieren.“

Dieser Ton verwundert und steht im Widerspruch zur Aussage des Kommandeurs und dem harten Training der Fallschirmjäger an den Tagen unmittelbar vor der Montagsdemo am 16. Oktober.

Weiter steht auf dem Zettel: „Genossen! Nicht vergessen: Stahlhelm, Kampfweste –Schutzschild –Pullover – Handschuhe. Beachte: Messer, Uhren und Ringe bleiben im Objekt!“

Die Stimmung in der Truppe kippt

Die Stimmung der Elitekämpfer beschreibt Peter Jänicke damals so: „Leipzig war der Ausgangspunkt, dass die Unzufriedenheit bei uns gewachsen ist. Wir fühlten uns verraten und von der Armeeführung und Kommando Landstreitkräfte hat sich keiner für uns interessiert. Wir haben da im Wald gesessen und waren praktisch ohne Führung.“

Am 17. Oktober kehrten die Fallschirmjäger wieder nach Lehnin zurück. Kurz danach soll es zu einem Vorkommnis in Rädel gekommen sein, von dem der damalige Superintendent Jürgen Lorenz, seine Frau Maria und der langjährige spätere SPD-Kommunalpolitiker Hans-Martin Schneider, zu dem Zeitpunkt Chirurg am Krankenhaus Lehnin, berichten.

Übung im Wald eskaliert

Damit sich die unter Anspannung stehende Truppe abreagieren konnte, soll es eine nächtliche Übung im Wald zwischen Rädel und Lehnin gegeben haben. Dabei sollen sich plötzlich ungeplant zwei Gruppen der Elitesoldaten in Rädel bei Lehnin gegenübergestanden haben. Die Soldaten sollen sich Schusswechsel mit Übungsmunition geliefert haben. Von ihrer Angst und Panik habe ihnen die damalige und mittlerweile verstorbene Rädeler Pfarrerin Käthe Schwesig am Tag danach berichtet.

Bestätigen können diesen Vorfall weder Peter Jänicke, noch der frühere Kommandant Norbert Seiffert. Ausschließen könne er es aber nicht, so Seiffert. „Es ist denkbar, ja.“ Er habe sich ständig für die Fallschirmjäger entschuldigen müssen. „Es ist öfter vorgekommen, dass etwas nicht planmäßig lief. Bei 600 Soldaten kann man gar nicht alles kontrollieren.“

Mit der Waffe „am Mann“ geschlafen

Der Wende-Herbst und die friedliche Revolution leiten den Fall der Mauer ein. In den gut drei Wochen zwischen dem Leipzig-Einsatz und dem Fall der Mauer am 9. November 1989 „hat das Truppenteil in erhöhter Gefechtsbereitschaft zugebracht und wir wussten nicht warum“, berichtet der heute 64 Jahre alte Peter Jänicke. „Da haben die Leute im Bett geschlafen mit der Waffe und Munition am Mann. Die Fahrzeuge standen abfahrbereit“. Das Ziel: „Es ging um den Schutz der Staatsgrenze. Wenn, dann wären wir direkt ans Brandenburger Tor geholt worden. Aber es ging alles so schnell, dann standen die Leute schon auf der Mauer.“

In diesem Gebäude am Rande Lehnins lebten zu DDR-Zeiten Fallschirmjäger. Nach der Wende zogen dort Erntehelfer ein und für einige Zeit nach 2015 auch Flüchtlinge. Quelle: Marion von Imhoff

Am 3. Oktober 1990 endete Peter Jänickes Dienst bei den Fallschirmjägern. Im Juni 1991 zog nach Angaben des Lehniner Ortschronisten Jürgen Back die Bundeswehr in die Lehniner Kaserne ein. 1997 zogen die Soldaten der Panzeraufklärungskompanie 410 aus Lehnin ab.

Die Gemeinde Lehnin (Potsdam-Mittelmark) übernahm die Immobilie. Heute ist auf dem früheren Kasernengelände des Luftsturmregimentes 40 der zentrale Umschlagplatz für Spargel der Unternehmensgruppe Thiermann, des größten deutschen Spargelproduzenten.

Von Marion von Imhoff

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