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Bad Belzig Bewegende Ausstellung zu jüdischem Leben trifft auf großes Interesse
Lokales Potsdam-Mittelmark Bad Belzig Bewegende Ausstellung zu jüdischem Leben trifft auf großes Interesse
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17:03 22.08.2018
Das Interesse an der Ausstellung „Jüdisches Leben in Belzig und Umgebung“ ist groß. Auf Schautafeln werden die sorgsam gesammelten Informationen präsentiert.
Das Interesse an der Ausstellung „Jüdisches Leben in Belzig und Umgebung“ ist groß. Auf Schautafeln werden die sorgsam gesammelten Informationen präsentiert. Quelle: Christiane Sommer
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Bad Belzig

„Das hier ist der 33. Osttransport, Berlin - Auschwitz am 3. März 1943. 700 für den Arbeitseinsatz selektiert, 1033 sofort getötet“, erklärt Wolf Thieme. Es ist still in der Bad Belziger St. Marienkirche, als er eine nicht enden wollende Liste voller Namen entrollt. „Statistiken bluten nicht“, bemerkt Thieme, der der Arbeitsgruppe „Jüdisches Leben in Belzig und Umgebung“ angehört.

Nach zweijähriger Forschungsarbeit lud die Gruppe am Dienstagabend zur Eröffnung einer gleichnamigen Ausstellung in die Stadtkirche. Nahezu 100 Menschen sind ihrer Einladung gefolgt. Unter ihnen Bürgermeister Roland Leisegang (parteilos), Vizelandrat Christian Stein (CDU), der Landtagsabgeordnete der SPD Günter Baaske, Superintendent Siegfried-Thomas Wisch und eine Gruppe junger Israelis, die derzeit in der Stadt zu Besuch ist.

Neben Infotafeln werden auch jüdische Dinge präsentiert. Quelle: Christiane Sommer

Während Thiemes Ehefrau Birgit später beim Aufrollen der Transportliste behilflich ist, erinnert der pensionierte Journalist an Lilli Müller. Er sagt: „Sie ist 1893 in Belzig geboren und hat am Marktplatz gewohnt.“

Lilli Müller, ein wohlklingender Name. Unweigerlich stellt man sich eine junge Frau vor, die lachend durch die Straßen der Stadt läuft. Vielleicht mit einem Kind an der Hand an einem geöffneten Fenster stehen bleibt, für einen kleinen Schwatz mit Nachbarn. „Ihre Transportnummer war die 405“, sagt Thieme. Der wohlklingende Name wird in diesem Augenblick von Düsternis erdrückt.

Wanderausstellung

Die Ausstellung besteht aus leicht transportierbaren Rollups.

Sie zeigt jüdisches Leben in der Region Belzig mit besonderem Fokus auf die Jahre 1933 bis 1945.

Die Ausstellung ist als Wanderausstellung konzipiert und kann ausgeliehen sowie durch einen Vortrag ergänzt werden.

Kontakt über Benjamin Stamer und Wolf Thieme von der Projektgruppe „Jüdisches Leben“ beim Belziger Forum e.V. in Bad Belzig. Kontakt via 033841/43 676 oder per Mail über Infocafe@derwinkel.de.

Zusätzlich werden Stadtführungen zur jüdischen Geschichte durch Bad Belzig angeboten.

„Wer Frau Müller finden will, muss diese Liste Namen für Namen durchgehen, denn sie ist nicht alphabetisch“, so Thieme weiter. Die Liste zählt 86 Seiten. Einige Namen sind durchgestrichen. „Das sind die, die sich versteckten oder vor der Deportation umbrachten“, erklärt der Werbiger. Dann eröffnet er die Ausstellung.

Sie umfasst 18 großformatige Tafeln, die mit Fotografien, Textbausteinen und historischen Dokumenten bestückt sind. „Es sind keine kompletten Lebensbilder“, sagt Benjamin Stamer von der Arbeitsgruppe. „Vielmehr wollen wir ein Zeichen setzen“, so der 28-Jährige mit Verweis auf den aktuellen politischen Kontext.

Viele waren am Dienstagabend zur Ausstellungseröffnung gekommen. Quelle: Christiane Sommer

Lilli Müller, Dagobert Bornheim, Emma und Denny Pohl, Dr. Ludwig Lion und Israel Rabinowitsch gehören zu den jüdischen Mitbürgern, die durch die Arbeit der Projektgruppe wieder in die Erinnerung zurückgeholt wurden.

Bad Belzigs Chronistin Helga Kästner, die die Ausstellung mit Bild- und Textmaterial unterstützt, freut sich über das überwältigende Interesse zur Ausstellungseröffnung. Sie sagt: „Ich hoffe, dass noch viele die Zeit finden, sich die Ausstellung anzusehen. Es sind Schicksale, über die wir noch nie gesprochen haben.“ Astrid Rabinowitsch aus Wiesenburg, sie erlebt die Ausstellungseröffnung als Betroffene und Mitbegleiterin, offenbart: „Ich bin tief bewegt. Es ist für mich ein schwerer Tag. Aber ich freue mich, dass nach so langer Zeit den Menschen ihre Identität wiedergegeben wurde und ihr Lebenswerk Anerkennung erfährt.“

Die israelische Lehrerin Anat Alon, sie ist Tochter von Auschwitz-Überlebenden und zum 13. Mal im Rahmen des Jugendaustausches in Bad Belzig, ergänzt: „Ich bin sehr berührt.“

Von Christiane Sommer