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Bad Belzig Baum des Jahres 2019: Flatterulme wird Alleebaum der Zukunft
Lokales Potsdam-Mittelmark Bad Belzig Baum des Jahres 2019: Flatterulme wird Alleebaum der Zukunft
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23:19 25.04.2019
Die Wandergruppe "Flinke Füße" und Bürgermeister Roland Leisegang haben drei Flatterulmen am Anglersee im Kurpark Bad Belzig gepflanzt. Quelle: Jan Russezki
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Bad Belzig

„Der Baum des Jahres ist immer auch Zukunft“, sagt der stellvertretende Landrat Christian Stein den wanderfreudigen Bad Belzigern. 50 Menschen sind gekommen, um am Donnerstagmittag zum Flatterulmen-Paradies zu wandern und drei Exemplare zu pflanzen. Eine Tradition, die Stein gerne weiterführt.

Sein Blick in die Zukunft ist aber erst mal dunkel: „Der Wald hat gerade viele Probleme und das geht uns alle an“, sagt er. Ohne das Ökosystem Wald könne auch der Mensch nicht leben. Deswegen sei es ihm wichtig, einmal im Jahr auf den Forst und einen bestimmten Baum hinzuweisen. Ein Wanderer fasst seine Begrüßungsrede mit den Worten „Guten Tag, liebe Trauergemeinde“ zusammen.

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Dunkler Ausblick

So ganz unrecht hat Stein aber nicht. „Wenn es nicht bald regnet, stirbt die Fichte bald aus“, sagt Lutz Hausig von der Oberförsterei Dippmannsdorf. Er organisiert die Wanderung durch den Bad Belziger Wald. Und schaut man sich am Tag des Baumes bei der Wanderung um, so sieht man tatsächlich viele ausgetrocknete Gräser und trockene Erde. „Der Standort hier ist gut, aber die Wurzeln müssen wegen der Trockenheit tief in den Boden“, erklärt auch Helmut Stamann.

Eine Flatterulme wurde am Donnerstag in einem Waldstück nahe Bad Belzig gepflanzt. Das robuste Gewächs ist Baum des Jahres.

Stamann ist im Ruhestand und Hausigs Vorgänger. Seit 1993 organisierte er die Wanderungen zum „Baum des Jahres“, den die Dr. Silvius Wodarz Stiftung jährlich ausruft. Angefangen haben die Wanderungen mit dem Speierling. Der erste Baum des Jahres, die Stiel-Eiche, wurde aber schon 1989 ausgerufen. „Wir haben es in der DDR verschlafen“, gibt Stamann zu.

Urlaubstage für die Wanderung

Im Jahr der Flatterulme ist das Interesse aber hoch. Bärbel Grabow hat sich in der Verwaltung eines Krankenhauses sogar extra freigenommen, um mehr als vier Kilometer durch den Wald zu wandern. „Mir ist der Baum des Jahres wichtig, weil die Initiative von innen kommt“, sagt die 53-jährige Sympathisantin der hiesigen Forstbetriebsgemeinschaft. „Jedes Jahr bestelle ich ein, zwei Bäume für das Pflegeheim meines Vaters in Dahlen.

Und damit tut sie auch der Natur etwas Gutes. „Im Umfeld von Bad Belzig gibt es nur Bergulmen und nur eine einzelne Feldulme“, erzählt Uwe Fleschner, Revierförster von Wiesenburg. Obwohl mit 58.200 Exemplaren Brandenburg mit Abstand die meisten Flatterulmen besitzt, stehen im Hohen Fläming nur wenige. Auf den 1,1 Millionen Hektar Wald in der Mark steht der „Baum des Jahres“ nur auf 300 Hektar.

Alleebaum der Zukunft

Fleschner nimmt seinen Bildungsauftrag ernst. Er erzählt von der Rekordflatterulme in Gülitz, die um die 450 Jahre alt ist und zehn Meter Umfang hat. Genau wie alle anderen Flatterulmen verdankt sie ihren Namen den Blüten an vier Zentimeter langen Zweigen, die im „Wind flattern“.

Fast schwärmt er schon von den Vorteilen der Flatterulme. Sie sei robust und, auch wenn sie bei der Verarbeitung stinke, ein edles Holz. Zum Schluss seiner Rede scheint er der Rede von Christian Stein zuzustimmen. Die Flatterulme eigne sich perfekt in der Stadt und ist als „Baum des Jahres“ der „Alleebaum“ der Zukunft – wenn auch einer weit entfernten. Sie wächst nämlich nur 30 Zentimeter im Jahr.

Heimatkunde

Ob das wirklich umgesetzt wird, kann Bürgermeister Roland Leisegang nicht sagen. „Das entscheiden die Experten von der Försterei. Aber ich fände eine Mischung sehr gut“, sagt er. Und die hat der Wald um Bad Belzig tatsächlich zu bieten. Fichten, Kiefern, ein paar Ulmen und sogar ein Ginkgo als „Baum des Jahrhunderts“ steht am Kurpark.

Bei der Wanderung können auch die Geschichten der Wanderer erkundet werden. „Für mich ist das auch Heimatkunde“, sagt Leisegang. Er will die Bad Belziger kennenlernen und lernt dabei auch etwas über den Wald. Ein Zweig wird durch die Reihen gereicht. „Das ist Holunder für den Holundersekt“, ruft Leisegang. Christel Nispel erklärt ihm, dass es sich um eine Vogelbeere handelt.

Wanderung durch die Geschichte

Wer nicht so gern redet, kann den Wald erzählen lassen. Wenn Stamann mit den Wanderern durch den Wald läuft, blickt er gerne zurück. „Eine Waldwanderung ist immer eine durch die Geschichte“, sagt er. Es ließe sich viel am Wald ablesen. „Vor Kriegen wird gefällt, während des Krieges brennt der Wald nieder und später wird zum Aufbau wieder gefällt“, fasst er zusammen. Die Mischung des Waldes komme durch die Aufforstung in besseren Zeiten zustande.

„Die Route ist jedes Jahr eine andere“, sagt Stamann. Jeder „Baum des Jahres“ brauche einen anderen Ort. So führt diese Wanderung an Resten einer Munitionsfabrik des Zweiten Weltkriegs vorbei und auch an einem Grab eines verunfallten Holzarbeiters. Sogar die letzten Wanderungen sind sichtbar: Auf dem Weg stehen Rosskastanien von 2005, ein vier Jahre jüngerer Berg-Ahorn und die Ess-Kastanie vom letzten Jahr.

Mehr zum Thema:

Als die Wandergruppe „Flinke Füße“ mit dem Leiter des Reviers Lutz Hausig und dem Bürgermeister die drei Flatterulmen pflanzen, setzen sie Bäume, die die Geschichte des Forsts weitererzählen. Noch sind die Flatterulmen am Anglerteich an der Steintherme nur etwas über einen Meter groß, aber schon jetzt sind sie die Alleebäume der Zukunft.

Von Jan Russezki