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Bad Belzig Alkohol, Drogen, Spielsucht: „Die Abhängigkeit bleibt ein Leben lang“
Lokales Potsdam-Mittelmark Bad Belzig Alkohol, Drogen, Spielsucht: „Die Abhängigkeit bleibt ein Leben lang“
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21:14 27.03.2019
Vertrauensvolles Miteinander: Awo-Suchtberaterin Susanne Lüthke im Gespräch mit Markus. Quelle: Jan Russezki
Bad Belzig

Alkohol, Canabis, Crystal Meth, Weinbrandpralinen: All das kostete Markus (Name geändert) aus Potsdam-Mittelmark die Freundin, den Job, die Wohnung. Drei Jahre lang versuchte er nüchtern zu werden. Immer wieder wurde er rückfällig – bis er sich an eine Suchtberaterin in Bad Belzig wandte.

„Ich hatte kein nüchternes Umfeld. Alle meine Freunde haben Drogen genommen“, erzählt Markus. Er hat schon als 13-Jähriger mit Alkohol und Partydrogen angefangen und ist dann in die Szene reingeschlittert. „Es hat Spaß gemacht und ich habe es immer hingekriegt zu feiern und zu arbeiten“, sagt der ehemalige Schlosser. Als dann doch die Probleme kamen, hat er sie verdrängt.

Absoluter Kontrollverlust

Stress mit der Freundin führt zum Rausch. Hat Markus wegen eines durchgemachten Wochenendes die Arbeit verschlafen und verloren, führt das zum Rausch. Besorgte Eltern: Rausch. Obdachlosigkeit: Rausch.

„Ich bin mit emotionalem Stress schlecht klar gekommen“, erklärt Markus. Als er auf Drogen mit seinem Auto in eine Leitplanke kracht, fährt er weiter. Bis er an einer roten Ampel von der Polizei geweckt wird und den Führerschein verliert. Absoluter Kontrollverlust. Mit Liquid Ecstasy völlig egal.

„Manche erreichen den Tag X und merken, dass es so nicht mehr weitergehen kann“, sagt Susanne Lüthke, Suchttherapeutin. Dieser Tag kam für Markus erst nach 20 Jahren Konsum. „Man redet sich das schön“, sagt er. „2014 habe ich gemerkt, dass ich aufhören muss. Ich war in einem desolaten Zustand. Aber es ist ein langer Prozess.“

Schwelle zum Beratungszimmer

Für viele ist der erste Schritt der Schwerste. „Die Schwelle zum Beratungszimmer zu übertreten, bedeutet auch, das Problem anzuerkennen“, sagt Lüthke. „Ich hatte keine Scham, weil ich es eingesehen habe und mein Leidensdruck so groß war“, erzählt Markus, der vor einem Jahr seine vierte Therapie begonnen hat.

Ihm hat der Gedanke geholfen, dass die Mitarbeiter ihren Job machen und Süchtige schon kennen. „Aber es gibt auch andere“, sagt Heike Köhr-Krüger. Auch sie ist Suchttherapeutin bei der Awo in Bad Belzig. „In der Kleinstadt kennt man sich und viele fragen nach einem Hintereingang, weil sie Angst haben erkannt zu werden“, erzählt sie.

Im letzten Jahr half die Suchtberatung der Awo in Bad Belzig 200 Personen. Gerade mal drei Mitarbeiter kümmern sich um die größtenteils Alkoholsüchtigen. Etwa acht Prozent davon sind cannabisabhängig, etwa sechs Prozent sind dem Glücksspiel verfallen. Auch das Internet ist ein immer größeres Suchtmittel. Die Dunkelziffer der Abhängigen sei laut Awo vermutlich deutlich höher.

Reden für das Vertrauen

„Die meisten kommen auf uns zu“, sagt Lüthke. Das Internet und Ärzte seien die wichtigsten Informationsquellen. Dann brauche es erst mal mehrere Gespräche um Vertrauen und ein Arbeitsbündnis aufzubauen. „Wir verschaffen uns einen Überblick und schauen, wie wir vorgehen und ob es zum Beispiel eine Entgiftungsklinik braucht“, erzählt sie.

„Es ist schon gut, dass man hier seine Probleme mal besprechen kann“, sagt Markus. Seit einem Jahr ist Markus trocken, sauber und zwei Mal die Woche zum Gespräch in der Awo-Beratungstelle, weil er in Bad Belzig niemanden kennt. Es soll ein Neuanfang werden. Mit Susanne Lüthkes Unterstützung baut er sich sein Leben wieder auf. Er bereitet sich auf die medizinisch-psychologische Untersuchung vor, um seinen Führerschein zurückzubekommen und hat voraussichtlich ab April wieder Arbeit.

„Die Abstinenz ist das oberste Ziel“

Viele suchen ein neues Leben, aber „das oberste Ziel ist die Aufrechterhaltung der Abstinenz“, sagt Lüthke. Denn ein Leben aufzubauen braucht Zeit: Der körperliche und psychische Zustand muss oft verbessert werden, die finanzielle Situation und Beziehungsprobleme geklärt werden. „Es gibt viele Veränderungen im ersten Jahr. Darauf müssen sich auch die Angehörigen einstellen. Auch die Leere, die durch die Abstinenz entsteht, muss mit Hobbys gefüllt werden“, erklärt Lüthke.

Gerade dann ist es schwierig: „Wenn man dann wieder eine Wohnung und den Führerschein hat, denkt man, man kann doch noch ein Bier trinken. Ich habe Leute gesehen, die nach 16 Jahren wieder süchtig waren“, erzählt Markus. Auch er hatte mit der Leere und Lustlosigkeit zu kämpfen. Sport und ein neuer Freundeskreis haben ihm geholfen, auch ohne Alkohol und Drogen das Leben zu feiern.

Abhängig, ein Leben lang

„Die Abhängigkeit bleibt ein Leben lang“, sagt die Suchtberaterin Heike Köhr-Krüger. Ihre Arbeit endet nicht, wenn ein neues Leben aufgebaut ist. Es gilt, das Leben auch zu halten. Verbände wie die Awo sorgen sich um die Langzeitbetreuung. „Derzeit wird alle drei Jahre unter anderem die Suchtberatung im Landkreis europaweit neu ausgeschrieben“, sagt Daniel Zeis, Leiter der Awo-Suchtberatung Potsdam-Mittelmark. „Dann müssen wir alle drei Jahre gucken, wie wir weitermachen können. Die Suchterkrankungen aber bleiben“, sagt er.

Von Jan Russezki

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