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Bad Belzig Der Fläming als Alternative zur Metropole: Wenn echte Stadtaffen das platte Land erkunden
Lokales Potsdam-Mittelmark Bad Belzig Der Fläming als Alternative zur Metropole: Wenn echte Stadtaffen das platte Land erkunden
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10:18 07.06.2019
Impressionen vom Wochenende im Hohen Fläming. Der Wiesenburger Bürgermeister Marco Beckendorf (die Linke) empfing die interessierten Besucher in der Gärtnerei des Schlossparkes. Quelle: Franka Kohler
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Hagelberg

Für die Familie von Katharina Bedrik stehen wohl Veränderungen an. Sie ist gerade mit dem zweiten Kind in der Elternzeit und will eigentlich dem Großstadt-Trubel in Berlin den Rücken kehren. Doch das ist einfacher gesagt als getan. Denn es geht nicht nur darum, schlicht den Wohnort zu wechseln.

„Auf dem Dorf leben und in der Stadt arbeiten, dabei unterwegs viel Zeit zu vergeuden, stellt auch keine Lebensqualität dar“, hat die 33-Jährige erkannt. Deshalb will die Freiberuflerin sogar die Modebranche verlassen und eine eigene Existenz aufbauen.

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Vielleicht im Hohen Fläming. Denn dort werden junge Leute geradezu erwartet und nun buchstäblich abgeholt. „Die Orte benötigen dringend Zuzug, um weiteren Rückbau der Infrastruktur zu verhindern“, sagt Franka Kohler. Die 33-Jährige ist selbst –nach einem Aufenthalt bei den Coconat-Digitalarbeitern auf dem Gutshof Klein Glien – seit einem Jahr in Mützdorf zu Hause.

Initiatorin des Landwärts-Programms. Franka Kohler lebt jetzt in Mützdorf. privat.

„Wir beobachten eine neue Landlust bei den Städtern. Aber nur wenige wagen den Versuch, ihren Traum zu verwirklichen“, hat sie erkannt. Dabei soll nunmehr ihre Zukunftsschmiede des Ansiedlungs- und Gründungsprogramms „Landwärts“ helfen, die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu schließen.

Hilfreicher Aufenthalt

Ein Dutzend Teilnehmer hatte genau daran Interesse und jetzt ein Wochenende lang buchstäblich Landstrich und Leute intensiver kennen gelernt. Das Coconat-Domizil am Fuß des Hagelberges dient dabei als Anker. „Der Aufenthalt war wirklich hilfreich“, sagt Carmen Stephan.

Die Bildungsreferentin empfand die Gegend attraktiv und Gastgeber freundlich. Dessen ungeachtet muss sie sich als Alleinerziehende auch mit den „realen Hasenfüßen“ des Landlebens verraut machen. „Versorgungs- und Betreuungseinrichtungen sind dann eben fünf Kilometer weit entfernt und nur per Auto zu erreichen“, so die 34-Jährige. Sie will noch abwägen, ob sie ihren Lebensmittelpunkt aus Berlin verlegt. Dann wiederum hätte der Hohe Fläming gute Chancen.

Programm mit Modellcharakter

Die Zukunftsschmiede in Klein Glien war der Anfang. 2020 soll das mehrmonatige Landwärts- Ansiedlungsprogramm in der Modellregion Bad Belzig/Wiesenburg starten. Später könnten die Idee auch anderenorts umgesetzt werden.

Getragen wird sie aktuell von Franka Kohler, die mit einem Jungunternehmerinnen-Stipendium in den Hohen Fläming gewechselt ist. Die 33-Jährige ist facettenreich als Coach und Seminarleiterin im Einsatz.

Unterstützt wird das Anliegen von der Wirtschaftsförderung des Kreises Potsdam-Mittelmark. Sie gibt finanzielle Unterstützung. Außerdem sichert Gründungslotsin Barbara Mangelsdorf vom Techonolgie- und Gründrzentrum „Fläming“ die Fachberatung.

Darüber hinaus zahlen die Teilnehmer jeweils Beiträge ab 150 Euro pro Wochenende. Internet: www.zieh-aufs-land.de

Die Gründe, warum junge Menschen den Schritt aufs Land nicht wagen, seien fast immer die selben, sagt Franka Kohler: Angst vor Vereinsamung, Mangel an attraktiven Jobmöglichkeiten und eine im Vergleich zu den Großstädten suboptimale Infrastruktur.

Mit ihrem Angebot sollen alle drei Hürden überwunden werden. Anstatt allein aufs Land zu ziehen, finden sich bei den Workshops womöglich Gleichgesinnte, die dann gemeinsam begleitet werden, in eine ausgewählte ländlich Modellregion zu ziehen.

Arbeitsplätze selbst kreiieren

Anstatt lediglich auf Arbeitsplatzofferten zu warten, werden die Teilnehmer unterstützt, eine eigene Geschäftsidee zu entwickeln und so einen Arbeitsplatz für sich und idealerweise für weitere Menschen zu kreieren. Und die Interessierten werden bestärkt, innovative Alternativen zu Versorgungslücken zu finden und lokale Strukturen wieder zu beleben.

Vielfache Sehnsucht nach dem Landleben. Eine erste Stippvisite auf dem Gutshof Klein Glien. Quelle: Franka Kohler

Beim „Inspirations- und Mutmach-Abend“ wurden die Protagonisten mit Leuten aus der Region vernetzt, um von Anfang an eine Brücke zwischen Zuziehenden und Eingesessenen zu legen. „Die Landbevölkerung ist spannender ist als ihr Ruf in der Metropole“, weiß Franka Kohler. Bei der „Dorf-Safari“ wurde gemeinsam mit Bürgermeister Marco Beckendorf (die Linke) erkundet, wo es Leerstand in den Orten gibt und wo beispielsweise Neues wie das Ko-Dorf am Bahnhof entstehen soll.

Gründerlotsin macht Mut

Anna Röhrig kennt Bad Belzig und Umgebung schon von Ausflügen während ihrer Kindheit, denn sie ist in Stahnsdorf aufgewachsen. Gleichwohl hat sie nochmals eine neue Perspektive kennen gelernt.

Sie war immerhin weltweit für die nachhaltige Tourismusbranche tätig und zuletzt schon zur Probe im märkischen Nordosten für ein paar Monate gelebt und gearbeitet.

Dass sie bald ihr Quartier in Berlin-Neukölln aufgeben wird, steht für sie fest. „Bestärkt hat mich insbesondere die Gründerberatung an dem Wochenende“, sagt die 31-Jährige.

Sie ist Single und räumt ein, dass es je nach Interpretation deshalb gerade besonders leicht oder schwer ist, auf dem Land Fuß zu fassen. Im Hohen Fläming hat sie zumindest jetzt ein paar gute Bekannte.

Von René Gaffron