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Bad Belzig Lebendig, charmant und natürlich: So ist das Leben in Lütte
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Lebendig, charmant und natürlich: So ist das Leben in Lütte

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11:51 21.11.2021
Ortsvorsteher René Zarbock, Marek Rothe, Jörg Ziehm mit Tochter Elisabeth und Rolande Becker (v.l.) genießen vom Martinsberg aus den Blick auf Lütte.
Ortsvorsteher René Zarbock, Marek Rothe, Jörg Ziehm mit Tochter Elisabeth und Rolande Becker (v.l.) genießen vom Martinsberg aus den Blick auf Lütte. Quelle: Bärbel Kraemer
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Lütte

„Hier oben ist mein Lieblingsplatz. Man kann über ganz Lütte schauen und bis in die Belziger Landschaftswiesen. Dort hinten sind die Brücker Türme zu sehen“, sagt Marek Rothe. Der Vorsitzende des 1. Lütter Feuerwehrvereins lässt, auf dem Martinsberg stehend, den Blick schweifen. Zu seinen Füßen liegt das Dorf Lütte, dass alles andere als lütt ist. „Mit 420 Einwohnern ist Lütte der zweitgrößte Ortsteil der Stadt Bad Belzig“, erklärt Ortsvorsteher René Zarbock.

Mit 420 Einwohnern ist Lütte der zweitgrößte Ortsteil der Stadt Bad Belzig. Quelle: Bärbel Kraemer

Seit 2014 lenkt er die weltlichen Geschicke des Dorfes, dass auf 660 geschichtsträchtige Jahre zurückblicken kann. Kein Lütter, der während dieser Zeit nicht auf den knapp 110 Meter hohen Martinsberg gekraxelt ist und von dort auf das Dorf hinabgeschaut hat. Die B102, die sich durch den Ort zieht, ist weder zu sehen, noch zu hören. „Seitdem die Straße gemacht wurde, ist der Geräuschpegel der durchfahrenden Fahrzeuge kein Problem mehr“ weiß der Ortsvorsteher. Denn nicht nur in die Bundesstraße wurde investiert. Auch die Hausbesitzer haben ihre Häuser schmuck gemacht. Wie auf einer Perlenschnur reihen sie sich aneinander. Und noch einer lebt direkt an der B102, unberührt vom Durchfahrtsverkehr. Seit Jahrzehnten ziehen Rotstrümpfe auf dem Dach der alten Molkerei erfolgreich ihren Nachwuchs auf. Froh ist man in Lütte, dass der Nachwuchs noch ein eigenes Haus hat. Unter dem Dach des Wir e.V. werden die Jüngsten aus Lütte und Umgebung im „Kinderhaus“ am Fuße des Martinsberges betreut. Das frohe Kinderlachen der Mädchen und Jungen ist, wenn man auf dem Martinsberg steht, unüberhörbar.

Lütter Nachwuchs: Die dreijährige Elisabeth mit ihrem Papa Jörg Ziehm. Quelle: Bärbel Kraemer

Eine von ihnen ist die kleine Elisabeth, die wenig später von ihrem Papa Jörg abgeholt wird. Jörg Ziehm ist in Lütte aufgewachsen und fest verwurzelt. Er steuert mit seiner dreijährigen Tochter, bevor es vom Kindergarten nach Hause geht, den Lütter Bäckerladen an. Schon seit 110 Jahren versorgen die Bäckermeister der Familie Albe das Dorf mit frischen Backwaren, die auch über die Ortsgrenzen hinaus beliebt sind. Gegründet wurde die Landbäckerei durch Ernst und Friederike Albe. Neben Brot und Semmeln verkauften sie auch so genannte Materialwaren. Daran hat sich bis heute nichts geändert. In vierter Generation führt mittlerweile Bäckermeister Edgar Albe die kleine Bäckerei, die zugleich Begegnungsort und Nachrichtenzentrale für alle dörflichen Belange ist. „Ich bin so froh, dass wir unsere Bäckerei haben“, sagt René Zarbock.

Oscar und Steffi Laugks beim Einkauf in der Bäckerei Albe. Hinter dem Ladentisch Ulrike Zippan. Quelle: Bärbel Kraemer

Wenn das Dorf noch schläft, beginnt für Edgar Albe der Arbeitstag. Damit Brötchen in zig Sorten pünktlich zur Ladenöffnung in den Auslagen liegen, muss er früh aufstehen. Wenn seine Schwester Ulrike den kleinen Laden öffnet, trudelt bald schon die ersten Kunden ein. Neben dem Guten Morgen oder dem Hallo, wird meist über den Einkauf hinaus ein Wort ausgetauscht. Zur Kaffeezeit herrscht im Laden dann noch einmal Hochbetrieb. „Die schöne Gardine im Fenster hat Rolande gehäkelt“, sagt der Ortsvorsteher und deutet auf das Ladenfenster der Bäckerei. Die junge Frau, die die Kunst des Filethäkelns beherrscht, machte der Bäckerei die Häkelgardine eines Tages zum Geschenk.

Rolande Becker vom Verein „Altes Haus“ im Gespräch mit Lüttes Ortsvorsteher René Zarbock. Quelle: Bärbel Kraemer

Kreative Handarbeiten aus ihrer Hand schmücken auch das Gebäudeensemble des „Alten Hauses“. Die durch den Ort führende B 102 schlängelt sich an ihm vorbei. Der gleichnamige Verein “Altes Haus“ hat des geschichtsträchtige Gebäudeensemble, dass als einziges Anwesen in Lütte vom großen Dorfbrand 1833 verschont blieb, vor dem Verfall bewahrt. Die historische Gebäudesubstanz mit Fachwerkhaus, Schmiede und Scheune wurde aufwendig saniert und kann heute unter anderem für kulturelle Zwecke genutzt werden. Auch Übernachtungen im historischen Ambiente sind möglich. Hier ist Rolande Beckers Lieblingsplatz in Lütte.

Das „Alte Haus“ von Lütte, welches 1833 beim großen Dorfbrand als einziges Gebäude von den Flammen verschont blieb. Quelle: Bärbel Kraemer

Parallel zur Straße Am Lütter Bach, die früher Bahnhofstraße hieß, verläuft ein Feldweg. Er führt an den Bauerngärten vorbei, die die dörfliche Bebauung quasi begrenzen. Frühling, Sommer, Herbst und Winter sorgen in den großen Gärten für jahreszeitlich wechselnden Charme. Nach seinem Lieblingsort im Dorf befragt, antwortet Jörg Ziehm: „Der ist genau hier“. Das ländliche Leben ist ganz nah. Hier gackern Hühner, dort schnattern Gänse. Wieder aus anderen Gärten heraus, werden Vorbeikommende aus großen runden Knopfaugen heraus beobachtet. Die Augenpaare gehören Anden-Kamelen, besser bekannt als Alpakas, die seit einigen Jahren in Lütte zu Hause sind. Die gemütlichen und genügsamen Tiere, die eigentlich in den südamerikanischen Anden beheimatet sind, haben sich in Lütte bestens eingelebt. Gibt es hier doch alles, was sie zum Leben brauchen - viel saftiges, grünes Gras.

Auch diese Alpakas sind in Lütte zuhause. Quelle: Bärbel Kraemer

Zurück geht es über die Straße Am Lütter Bach wieder Richtung B 102. Ortsvorsteher René Zarbock stoppt mal hier, mal dort, für ein kleines Gespräch mit emsigen Lüttern, die aktuell ihre Gärten Winterfest machen. Das viele Obst, dass über den Sommer an den Bäumen entlang der Straße gereift ist, ist längst abgeerntet. Alte und neu gepflanzte Obstgehölze wechselnd einander ab. Es sind hauptsächlich Apfelbäume, aber auch Pflaumen-, Birnen- und einige Kirschbäume.

Obst zur Eigenversorgung

Für die Altvorderen der heutigen Lütter waren die Obstbäume vor dem Haus wichtige Vitaminlieferanten für den Winter und für die Eigenversorgung unverzichtbar. Damit die das Ortsbild prägende Allee aus Obstgehölzen erhalten bleibt, pflegt Ortsvorsteher René Zarbock einen Brauch. Zu runden Geburtstagen ab dem 70. und zu Ehejubiläen ab der Goldenen Hochzeit verschenkt er im Namen des Dorfes anstatt eines Blütengrußes junge Apfelbäumchen. Bei Dorfbewohnern die entlang der Straße Am Lütter Bach wohnen, jeweils verbunden mit der Hoffnung, dass die kleinen Apfelbäumchen entlang der Straße gepflanzt werden.

Ortsvorsteher René Zarbock achtet darauf, dass achte Obstsorten in der Straße am Lütter Bach nachgepflanzt werden. Quelle: Bärbel Kraemer

Jeweils am 1. Mai, ausgebremst nur durch die Coronavirus-Pandemie, verwandelt sich die Straße im Rahmen des Obstblütenfestes zu einer Genießermeile. Jahr für Jahr finden sich dann mehr als tausend Besucher dort ein, um unter blühenden Obstbäumen Kaffee, Kuchen, Bouwle und andere Leckereien zu genießen und miteinander zu plaudern. Der Gemeinschaft gefrönt werden kann auch im schmucken Dorfgemeinschaftshaus mit integriertem Feuerwehrstandort. 2014 konnte es bezogen werden. Ursprünglich war das Haus als Kinderkrippe genutzt worden.

Ortsfeuerwehr wird 2024 100 Jahre alt

Unweit des neuen Feuerwehrstandorts befindet sich das alte Feuerwehrdomizil. Neben den Garagen steht der hölzerne Schlautrockenturm. „Er wurde 1964 gebaut“, erklärt Rothe. Der engagierte Lütter Feuerwehverein 1924 e.V. will den Turm sanieren und erhalten, erklärt der Vereinsvorsitzende. Wer im Zusammenhang mit der Feuerwehr von Lütter spricht, kommt nicht an der Veranstaltung „Im Dunkel der Nacht“ vorbei. Mehr als zwei Dutzend Feuerwehrmannschaften aus nah und fern und hunderte Gäste erleben jeweils im August am Sportfeld an der Hufeiseneiche den Lütter Nachtpokallauf. Pandemiebedingt fand der Wettstreit der Feuerwehrsportler 2019 in 16. Auflage letztmals statt. Der Ortsvorsteher hofft, dass wieder angeknüpft wird.

Die B 102 die sich durch Lütte zieht. Quelle: Bärbel Kraemer

Die vielen Veranstaltungen, die den Lütter Jahreslauf prägen, haben das Dorf belebt. Dafür verantwortlich zeichnen, Hand in Hand, der Feuerwehrverein, der Verein Altes Haus, die Nähgruppe „Liebes Lütte“, die Seniorenwander- und die Sportgruppe, die Jagdgenossenschaft, die Kirchengemeinde und das Netzwerk Flämingkunst e.V. Dass es sich in Lütte gut leben lässt, hat sich verständlicherweise herumgesprochen. Immer wieder erreichen den Ortsvorsteher Anfragen nach Bauland im Dorf. Doch das ist rar. Nach seinem Lieblingsort im Dorf befragt, muss René Zarbock nicht lange überlegen. „Er befindet sich an der Quelle“, verrät der 44-Jährige.

Von Bärbel Kraemer