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Bad Belzig Eine, die anpackt: Neue Psychologin für Asylunterkunft
Lokales Potsdam-Mittelmark Bad Belzig Eine, die anpackt: Neue Psychologin für Asylunterkunft
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14:46 20.02.2020
Die Psychologin Anna Moussa ist für die vom Verein Soziale Arbeit Mittelmark getragenen Asylunterkünfte tätig Quelle: Johanna Apel
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Kuhlowitz

Donnerstagmorgen in den Räumlichkeiten des Vereins „Soziale Arbeit Mittelmark“. Anna Moussa gießt vorsichtig Kaffee ein, holt tief Luft und beginnt zu erzählen. Von ihrer Arbeit und den täglichen Herausforderungen. Und von ihrer Motivation, hier zu arbeiten. Hier, das ist in Kuhlowitz. Seit Anfang Februar ist die Psychologin in der Asylunterkunft am Rande des kleinen Ortes tätig.

Die Menschen, die sie betreut, bringen mehr mit als ihre Habseligkeiten und ihre Hoffnungen auf ein besseres Leben. Mit im Gepäck sind oftmals auch psychische Belastungen und traumatische Erfahrungen.

Stelle ist ein Novum

Und genau da setzt die Arbeit der 36-Jährigen an. Sie bietet Einzelgespräche an und stellt psychopathologische Befunde aus. „Wenn etwa den Sozialarbeitern auffällt, dass sich ein Bewohner anders verhält als sonst, erfasse ich die Symptome, trete in Kontakt mit ihm und biete einen Überblick über seinen psychischen Zustand“, erklärt sie.

Ihre Stelle ist eine Besonderheit – normalerweise setzt man in Asylunterkünften auf pädagogisches Personal, erklärt ihr Arbeitgeber Martin Klumpp. Der Bereichsleiter für Asyl und Migration des für die Unterkunft zuständigen Vereins: „In der Regel werden keine Psychologen für die Betreuung von Geflüchteten in den Wohnheimen eingesetzt, obwohl dies in vielen Fällen Sinn ergeben würde.“

Schwerpunkt im Migrationsbereich

Die fehlende psychologische Betreuung in den Unterkünften –eine Lücke, die Anna Moussa schließen will. Die Berlinerin hat klinische Psychologie und Psychotherapie studiert, war vorher zwei Jahre in der Familien- und Jugendhilfe aktiv. Ihr Schwerpunkt: Die Arbeit mit Menschen mit Asyl- und Migrationsbiografie. Und sie kennt sich aus: Anna Moussa hat selbst einen Migrationshintergrund, als sie sechs Jahre alt war, beantragten ihre Eltern in Deutschland Asyl.

„Aufgrund meiner eigenen Erfahrungen kann ich sehr viel nachvollziehen“, sagt sie. Sie wählt ihre Worte bedacht, ihre Stimme ist sanft. Und doch ist sie eine, die zupacken kann. Die „Powerfrau“, wie Martin Klumpp sie beschreibt, geht Probleme an.

Bewohner haben schweres Gepäck

Über ihre Motivation, diese Stelle anzunehmen, sagt sie: „Oft fehlt es in den Einrichtungen am Verständnis für psychologische Symptome.“ Anna Moussa hört zu, kümmert sich, führt Gespräche, stellt Befunde aus, sensibilisiert ihre Kollegen. Die wiederum machen sie darauf aufmerksam, wenn ein Bewohner sich anders verhält. Und fügt hinzu: „Das haben wir gerade.“

Zu dem schweren Gepäck, das viele Bewohner mitbringen, kommt etwas, das allgemein als „Lagerkoller“ verstanden wird. Kaum Privatsphäre, zunehmende Perspektivlosigkeit und fehlende Anbindungen, sozial wie infrastrukturell. „Die Lage ist nicht sehr optimal“, fasst Martin Klumpp zusammen.

Perspektivlosigkeit und keine Privatsphäre

Das Bedürfnis nach Privatsphäre ist subjektiv. In Kuhlowitz hat sie jedoch eine feste Größe: sechs Quadratmeter. So viel Privatsphäre steht jedem Bewohner theoretisch zu Verfügung. Auch fehle einigen Bewohnern eine Perspektive, so Klumpp. Viele haben keinen geklärten Aufenthaltsstatus, verfügen nur über eine Duldung oder stecken in laufenden Verfahren. „Manche Verwaltungsakte gehen nur sehr langsam voran.“ Das steigere das Gefühl der Perspektivlosigkeit.

Asylunterkunft in Kuhlowitz am 20.02.2020 Quelle: Johanna Apel

23. Januar, ein Notruf geht ein, in der Unterkunft brennt im Waschraum ein Mülleimer. Eine Woche später rücken Einsatzkräfte erneut an, wieder brennt ein Mülleimer. In der darauf folgenden Tagen müssen weitere zwei Brände gelöscht werden.

Vorfälle nicht alleiniger Grund für die Stelle

Die Vorfälle häufen sich, verunsichern. Angesichts der Vorfälle – aber nicht nur deswegen – stellt der Landkreis Potsdam Mittelmark eine Psychologin an. „Wir haben sie in Zuge der Ereignisse eingestellt“, berichtet Klumpp. Die brennenden Mülleimer seien zwar Stein des Anstoßes gewesen, die Idee sei aber schon vorher gereift.

„Es gab vorher schon Unruhe, besonders nachdem klar wurde, dass der Standort länger in Betrieb bleiben wird“, sagt Fabian Gunkel, Geschäftsführer des Vereins Soziale Arbeit Mittelmark (SAM). Ursprünglich war vorgesehen, dass die als Provisorium gedachte Asylunterkunft zum Ende 2019 geschlossen werden sollte. Eine überraschende Verlängerung um ein Jahr steigerte das Frustationslevel.

Positive Resonanz der Bewohner

Der Landkreis Potsdam-Mittelmark reagierte und stellte Anfang Februar eine Psychologin für die drei vom SAM getragenen Unterkünfte ein – Anna Moussa. Zwar ist sie hauptsächlich in Kuhlowitz, fährt bei Bedarf aber auch nach Bad Belzig oder Michendorf. Von Anfang an sei die Resonanz positiv gewesen, sagt sie. „Ich finde es schön, wie offen die Bewohner auf mich zugehen und mit mir sprechen wollen.“ Manchmal gehe es einfach nur darum, „da zu sein und zuzuhören“, sagt sie. Und genau das wird sie nun tun. Sie trinkt aus und verabschiedet sich höflich, denn sie muss los. Der nächste Bewohner mit Gesprächsbedarf wartet nämlich bereits auf sie.

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Von Johanna Apel

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