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Bad Belzig Wendegeschichten: So war der Herbst 1989 im Hohen Fläming
Lokales Potsdam-Mittelmark Bad Belzig Wendegeschichten: So war der Herbst 1989 im Hohen Fläming
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09:38 09.11.2019
Es gab einfach so viel zu sagen: Dialogveranstaltung in der Turnhalle an der Karl-Liebknecht-Straße in Belzig. Quelle: Ingo Henseke
Bad Belzig

„Dialog in großem Rahmen“ haben sich die bewegten Bürger im Herbst 1989 in Belzig gewünscht. „Heraus aus der Lethargie der letzten Jahre“ bekundeten sie ihrerseits die Bereitschaft, „an der aktiven Umgestaltung in unserem Land und damit im Kreis Belzig mitzuwirken“. Was wohl wollend klingt und letztlich genau so gemeint war, hätte vor 30 Jahren noch als Kampfansage gegen die Obrigkeit bewertet werden und erhebliche persönliche Konsequenzen für sie haben können.

Momentaufnahmen: Im Gasthaus Fläminggarten und in der Turnhalle an der Karl-Liebknecht-Straße in Belzig wogten im Herbst 1989 die Emotionen hoch.

„Ich bin an jenem Abend auf der Straße auf- und abgegangen, habe mir dabei immer wieder überlegt, ob der Brief wirklich abgesendet werden soll“, berichtet Frank Friedrich. Er – heute Mitarbeiter im Rathaus der Stadt – hatte das Schreiben mit Brunhilde Wolter, Elke Körner und Peter Klemet damals verfasst und unterzeichnet. Das Quartett forderte Gespräche mit Rat des Kreises und SED-Kreisleitung.

Noch Furcht vor Mächtigen

Doch obwohl Erich Honecker als Partei- und Staatschef der DDR bereits entmachtet war, ließ sich Ende Oktober noch keinesfalls absehen, dass die Macht von SED und Stasi, ja sogar die Deutsche Demokratische Republik, binnen eines Jahres nicht mehr existieren würden. In Verlorenwasser, das wurde erst später offenbar, hätten vielmehr Dissidenten und Quertreiber eingesperrt werden sollen.

„Es gab nicht den einen lokalen Aufreger –wie beispielsweise in Potsdam den Verfall der Innenstadt“, weiß Günter Baaske (SPD) über die Motivation seiner Mitstreiter zu berichten. Sondern die Menschen im Hohen Fläming trieb eine allgemeine Unzufriedenheit an, erinnert sich der Berufspolitiker, der damals erste Erfahrungen gesammelt hat.

Im Herbst 1989 sammelte Günter Baaske (SPD) seine ersten politischen Erfahrungen. Quelle: Ingo Henseke

Um Versammlungs-, Meinungs- und Reisefreiheit ging es ganz vornweg. Die Geheimnisse um militärisch genutzte Objekte wie Truppenübungsplatz Verlorenwasser und „GST-Schule“ (heute das Zegg) in Bad Belzig sollten gelüftet werden. Aber auch Lücken in Handel und Versorgung sowie Umweltthemen standen auf der Agenda. Sie mussten zuerst einmal zur Sprache gebracht werden.

Aufruf noch mit Hand geschrieben

Günter Baaske war selbst als Lehrer gerade in Borkheide tätig und lag mit der Schulaufsicht überkreuz. Zuvor hatte der damals 32-Jährige in Berlin schon Kontakt mit Oppositionellen. Hierzulande waren es Frank Friedrich und Ehefrau Annegret, die den Aufruf des Neuen Forums noch handschriftlich vervielfältigten. „Wir hatten damals keine Kopiermöglichkeit“, so der Protagonist über die pragmatische Herangehensweise.

Nur mit Mundpropaganda erfolgte wohl auch die Einladung zur großen Kundgebung in der Lütter Kirche am 2. November. 500 Leute drängten sich dem Vernehmen nach dennoch in dem kleinen Gotteshaus. Unter anderem weil es keine Handzettel gab, so wird überliefert, waren die hiesigen Spitzel vom Ministerium für Staatssicherheit von der Veranstaltung im Dorf vor den Toren von Belzig weitgehend überrascht worden.

Ergriff das Wort für das Neue Forum: Frank Friedrich beim Austausch im Gasthaus „Fläminggarten“. Quelle: Ingo Henseke

Das persönliche Engagement der Pfarrersleute Edgar und Gertrud Meißner, die in der Zeit an der Spitze der Opposition hier zu Lande standen, war nicht minder von Bedeutung dafür, dass die friedliche Revolution in dem 420-Einwohner-Dorf erstmals augenscheinlich wurde. In Belzig hingegen hatte die Evangelische Gemeinde den kritischen Geistern dem Vernehmen nach kein Asyl gewährt.

Kontakt zu Bärbel Bohley

Gertrud Meißner indes pflegte seit 1987 Kontakte zur Auferstehungsgemeinde in Berlin, wo sie mit Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley in der Initiative „Frauen für den Frieden” wirkte. Edgar Meißner gestaltete die Friedenskunde-Gespräche unter dem Motto „Schwerter zu Pflugscharen” und diskutierte als Jugendpfarrer regelmäßig mit Jugendlichen über Ausreise in den Westen. Erst recht, nachdem am 7. Oktober 1989 noch eine Delegation aus der Partnergemeinde Mülheim/Ruhr zu Gast gewesen war und sich die Lage in der DDR dramatisch zugespitzt hatte.

Edgar Meißner organisierte erst die Kundgebung in Lütte und war dann beim Dialog in der Turnhalle an der Karl-Liebknecht-Straße dabei. Quelle: Ingo Henseke

Nicht zuletzt sollte Martin Gutzeit, später Mitbegründer der hiesigen SPD teilnehmen, doch erwies es sich als schwierig, einen passenden Termin mit ihm zu finden.

Polizeipräsenz an Ortsausgängen

Als die Veranstaltung zu Ende war, haben sich viele als Mitglieder und Unterstützer des oppositionellen Neuen Forums eingetragen. Einige sind noch einmal wieder gekommen und baten unter dem Eindruck der inzwischen aufgezogenen Polizeipräsenz an den Ortsausgängen, aus den Listen gestrichen zu werden. Doch für viele Bürger im Fläming hatte eine neue Zeit begonnen. Sie ließen sich ihre ehrliche Meinung nicht länger verbieten.

Der geforderte Dialog wurde in den folgenden Tagen und Wochen geführt unter anderem mit Veranstaltungen im Gasthaus „Fläminggarten“, in der Turnhalle an der Karl-Liebknecht-Straße und nach einer Demonstration auf dem Platz vor der ehemaligen Erweiterten Oberschule an der Weitzgrunder Straße. Später wurden die Debatten am Runden Tisch im Kino institutionalisiert.

Von René Gaffron

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