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Beelitz Als sich alles um Kohle drehte
Lokales Potsdam-Mittelmark Beelitz Als sich alles um Kohle drehte
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18:42 16.07.2018
Mittagspause: Vorher wurde hart gearbeitet, wie der Kohlestaub im Gesicht zeigt.
Mittagspause: Vorher wurde hart gearbeitet, wie der Kohlestaub im Gesicht zeigt. Quelle: Privat
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Fichtenwalde

Es gibt Stammkundinnen, die stricken Socken für ihn und seine Mitarbeiter oder sie geben selbst gemachte Marmelade mit, wenn der Tank wieder gefüllt wurde. Und einige warten das ganze Jahr darauf, „dass er vorbeikommt und Heizöl bringt“, erzählt Jacqueline Geigert, die Frau im Büro. „Er ist ja auch charmant“, sagt Stefanie Gugat, die Tochter. Sven Gugat, von dem die Rede ist, ist ein Firmeninhaber, der Kunden Heizöl bringt und manchmal auch Glühbirnen wechselt oder andere Sachen in Ordnung bringt. „Bei liebeswürdigen älteren Damen wird er schwach und kann dann den Wunsch, die Glühbirne zu wechseln, nicht mehr ausschlagen“, sagt die Tochter.

Der Vater hat mit Familie und den Mitarbeitern gerade ein Doppeljubiläum gefeiert: Er wurde 50, die Familienfirma 40 Jahre alt. Seit 2014 lenkt er die Geschicke des Unternehmens, das in der Region rund um Fichtenwalde seit 1978 einen Namen hat: Brennstoffhandel Gugat. An der Geschichte des Familienbetriebes ist einiges abzulesen – der Wandel in der Energiewirtschaft zum Beispiel und die Erkenntnis, dass Menschen, die zusammenhalten, viel erreichen und schwere Zeiten überstehen können.

Wie vor 40 Jahren alles angefangen hat, kann am besten Waltraud Gugat (73) erzählen – die Oma. Im Grunde begann es mit einer Bitte der Fichtenwalder Bürgermeisterin. Der lokale Kommissionshändler für Kohle hörte aus Altersgründen auf und Familie Gugat bekam die Frage gestellt, ob sie den Kohlehandel übernehmen könnte. „Wir haben lange überlegt und am 7.7. 1977 fiel die Entscheidung“, sagt Waltraud Gugat und verrät die Gründe, die sie und ihren Mann Walter dazu bewegten, ja zu sagen: „Wir dachten, wir hätten dann mehr Zeit für die Kinder. Das Gegenteil war der Fall.“

Der Zentner Kohle kostete 1,85 DDR-Mark

Aber das wussten sie ja noch nicht, als am 10. Januar 1978 der Startschuss für den Brennstoffhandel Gugat fiel. „Wir hatten anfangs vom Tuten und Blasen keine Ahnung“, sagt sie. Was kein Wunder ist: Sie arbeitete vorher im Schreibwarenladen in Beelitz, er war Kraftfahrer. Der Start ins neue Berufsleben „hat Nerven gekostet, aber wir haben es hingekriegt“, sagt sie. Damals drehte sich noch alles um Kohle, weil fast alle mit den schwarzen Briketts heizten. Der Zentner Kohle kostete nur 1,85 DDR-Mark, die Tonne 37 Mark, weil der Staat den Brennstoff subventionierte. In Spitzenzeiten lieferte der Betrieb zwei Eisenbahnwaggons – 50 Tonnen – pro Tag aus. Vorher musste die Kohle selbst aus den Waggons geholt werden: Erst mit Kohlegabel, später erleichterte ein Förderband zwischen Waggon und Lastwagen die harte Arbeit.

Vereint vor dem Tankwagen: Stefanie, Sven, Waltraud, Sandro, und Sabine Gugat mit Jacqueline Geigert (v.l.) Quelle: Jens Steglich

Der Kohle-Bedarf ist rapide gesunken, aber es gibt sie noch – Menschen, die mit Briketts heizen. „Im vergangenen Jahr haben wir 72 Tonnen lose Kohlen und 72 Tonnen gebündelte Kohle geliefert“, sagt Jacqueline Geigert. Die Kohle-Flaute kam schlagartig 1989/90, als die Subventionierung auslief und die Leute schnell noch Kohle bunkerten. Erst war es Schwerstarbeit, allen Bestellungen nachzukommen, „dann haben die Kunden keine Kohle mehr gekauft“.

Als der Kohleabsatz einbrach, kaufte die Familie einen Tankwagen

Der Umsatzeinbruch war so heftig, dass das Gründerpaar nebenher arbeiten musste, um über die Runden zu kommen. Sie arbeitete im Supermarkt, er trug nachts Zeitungen aus. Die Gugats reagierten danach aber schnell auf neue Zeiten und die steigende Nachfrage nach Heizöl. Die Familie kaufte 1990 den ersten Tankwagen, um Heizöl auszuliefern. Später bot der Brennstoffhandel Flüssiggas an, lieferte Diesel etwa für die Landmaschinen der Bauern und kann heute auch mit Kaminholz und Pellets dienen. Inzwischen gibt es sogar einen Containerdienst für Gartenabfälle, den Sven Gugat 2016 ins Leben rief, nachdem er beobachtete, wie Leute im Ort Gartenabfälle verbrannten. Jetzt wird aus dem weggeworfenen Grünzeug Komposterde gemacht.

Dass der Firmeninhaber ursprünglich das Tischler- und Zimmermannshandwerk gelernt hat, ist im Büro zu sehen. Aus Paletten, auf denen einst Kohlebündel oder Holzscheite lagen, hat er originelle Bürotische und Schränke gezimmert. Den Brennstoffhandel übernahm er, als die Familie die bitterste zeit erlebte. 2014 war sein Bruder Dirk Gugat, der seit 2004 den betrieb führte, völlig unerwartet gestorben. Kurz danach verstarb auch der Vater und Firmengründer. „Es war schwer. Da war die Familie gefragt“, sagt Stefanie Gugat, die Enkelin des Firmengründers.

Von Jens Steglich

04.07.2018
04.07.2018