Corona-Krise: Buchholzer kämpft um sein Busunternehmen
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Beelitz „Vergesst uns nicht“: Buchholzer kämpft um sein Busunternehmen
Lokales Potsdam-Mittelmark Beelitz „Vergesst uns nicht“: Buchholzer kämpft um sein Busunternehmen
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08:02 23.05.2020
Leere Sitze und leere Kassen: Christian Sommer aus Buchholz im Reisebus, den sich der Betrieb kurz vor der Corona-Krise gekauft hatte. Quelle: Jens Steglich
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Buchholz

Normalerweise würde Christian Sommer jetzt täglich im Bus sitzen und Schulklassen in die Biosphäre nach Potsdam oder ins Erzgebirge fahren oder mit den Senioren der freiwilligen Feuerwehr eine Ausflugstour unternehmen. Der Busunternehmer aus Buchholz aber sitzt im Büro und an der Wand hängt ein Kalender mit den Tour-Terminen, in dem die Tage seit Mitte März bis Mitte Juni tief rot markiert sind. „Das sind alles Stornierungen“, sagt er. Christian Sommer saß am 12. März das letzte Mal mit Passagieren im Bus, dann kam die Corona-Krise und die Verordnungen zur Eindämmung der Pandemie und trafen das kleine Familienunternehmen, das Vater Rainer Sommer 1996 gegründet hat, mit voller Wucht. Der Sohn stieg 2002 mit ein, die Sommer Tours GbR wurde gegründet, um mit vollen Bussen mit den Leuten durch Europa und Deutschland zu fahren.

Jetzt steht alles auf dem Spiel, was sich die Familie erarbeitet hat

Jetzt ist alles anders, jetzt steht alles auf dem Spiel, was die Familie sich erarbeitet hat. Der kleine und der große Bus dürfen nicht in die Ferne und auch nicht durchs eigene Land rollen. Bis 24. Mai gilt immer noch ein Verbot für Reisebusreisen. Aber auch danach wird die Welt der kleinen Busunternehmer nicht wieder in Ordnung sein. Im Gegenteil: Bis mindestens 5. Juni gelten die Kontaktbeschränkungen, die es Sommer unmöglich machen, mit Fahrgästen in den Bus zu steigen und loszufahren. „Wegen der Kontaktbeschränkungen dürfen nur Menschen von zwei unterschiedlichen Haushalten im Bus Platz nehmen und wenn wir die Abstandsregeln einhalten, ist der Bus nicht einmal halb voll. Da brauchen wir gar nicht erst losfahren“, sagt Sommer.

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Der Betrieb verliert pro Tag, an dem der Bus stillsteht, fast 100 Euro

Am 6. Februar 2020, kurz bevor die Corona-Tragödie mit ihren vielen Dramen begann, hatten sie sich einen neuen Reisebus angeschafft. „Ich konnte sechs Wochen damit fahren, danach war Schluss“, sagt Sommer. Jetzt verliert der Betrieb pro Tag, an dem der Bus stillsteht, fast 100 Euro, weil die Kosten weiterlaufen. Die Einnahmen aber sind komplett weggebrochen. Für drei Monate hat Sommer einen Umsatzverlust von 55 000 Euro ausgerechnet. „Und wir sind ein kleines Unternehmen. Das Geld fehlt, das holt man nicht mehr rein“, sagt er. Dabei hatte sich der Betrieb einen Geld-Puffer erarbeitet, nachdem der Vorgängerbus abbezahlt war. „Was jetzt passiert, empfinde ich als Enteignung“, sagt Sommer. Das Polster löst sich auf. Er verwendet das Bild von einem Waschbecken voller Wasser, aus dem einer den Stöpsel gezogen hat und man tatenlos zuschauen muss, wie alles verschwindet. „Wir sind nicht in der Lage, den Abfluss der Mittel zu stoppen.“

„Wir brauchen vor allem Planungssicherheit“

Die 9000 Euro Soforthilfe für Kleinunternehmer haben sie bekommen. „Die Soforthilfe ist für die Banken und Versicherungen, damit werden die laufenden Kosten beglichen. Wir selbst haben nichts davon“, sagt der Busunternehmer und fügt doch hinzu: „Wir sind wirklich dankbar für diese Hilfe. Als sie kam, hätte ich fast feuchte Augen bekommen.“ Was das Unternehmen jetzt dringend brauche, „ist vor allem Planungssicherheit“ und eine klare, deutschlandweit geltende Ansage der Behörden, „was einzuhalten ist, um wieder fahren zu können“. Ein Hygienekonzept hat die Reisebusbranche bereits erarbeitet. Das Konzept sieht unter anderem vor, dass Maske getragen wird, wenn die 1,50 Meter Abstand nicht eingehalten werden können. Im Bus sind etwa Türgriffe zu desinfizieren und die erste Sitzreihe hat frei zu bleiben – zum Schutz des Fahrers. „Es ist alles etwa wie beim ÖPNV, mehr verlangen wir gar nicht“, sagt Sommer, der jüngst bei einer Demo der Busunternehmer in Berlin mit dabei war, weil er das Gefühl hat, „dass wir als eines der umweltfreundlichsten Verkehrsmittel irgendwie kein Thema sind“. Er sagt in Richtung Politik: „Bitte vergesst uns nicht!“

Auch die Zukunft ist vage geworden

Die Zukunft ist auch vage geworden, weil keiner so richtig einschätzen kann, ob die Leute nach der Corona-Pandemie wieder so gern in Reisebusse einsteigen wie früher. „Wir werden alles dafür tun, um das Vertrauen wieder aufzubauen. Dafür brauchen wir aber die richtigen Rahmenbedingungen“, sagt Sommer. Die Option, den neuen Bus zu verkaufen, gibt es nicht, weil viele Busse derzeit stillstehen. Der Bus kostet 210 000 Euro brutto und ist schon jetzt nichts mehr wert. „Es gibt ein Überangebot an Bussen und eine Nachfrage, die gegen null geht“, erklärt er. Selbst wenn es ginge: Sommer will den Bus gar nicht verkaufen. Er wird um den Familienbetrieb kämpfen. „Wir machen das alles aus Leidenschaft“, sagt er. Was gerade passiere, „tut finanziell und emotional richtig weh“.

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„Der Fortbestand eines der umweltfreundlichsten Verkehrsmittel steht auf der Kippe. Gut geführte und finanziell gesunde Unternehmen sind plötzlich von der Insolvenz bedroht“, sagt IHK-Präsident Peter Heydenblut. Auch wenn Busse ab 25. Mai wieder rollen dürfen, werde das wegen der Abstandsregelung und halb voller Busse mit Wirtschaftlichkeit nichts zu tun haben.

Von Jens Steglich

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