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Beelitz Der grüne Landwirt
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17:49 13.05.2018
Jürgen Frenzel bei einer Rinderherde der Landgut Hennickendorf GmbH. Er versucht nun zu regeln, dass sein Großneffe die Nachfolge antreten kann.
Jürgen Frenzel bei einer Rinderherde der Landgut Hennickendorf GmbH. Er versucht nun zu regeln, dass sein Großneffe die Nachfolge antreten kann. Quelle: Jens Steglich
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Jürgen Frenzel ist ein feinfühliger Mensch. Wenn es zwei Wochen nicht regnet und die Natur und die Saat unter der Trockenheit leiden, leidet er mit. Der Landwirt findet dann keinen richtigen Schlaf mehr. „Setzt ein durchdringender Regen ein, geht es mir besser“, sagt er. So ein Landregen ist wie eine Befreiung. Danach kann er sogar am Schreibtisch einschlafen. Diese innere Ruhe hat er in den vergangenen Jahren nicht oft gefunden, was selten am Wetter lag. Nachts wach zu werden, ist für ihn Alltag.

Frenzel ist ein leidenschaftlicher Landwirt, der Anfang der 1990er Jahre mit Partner Jörg Schmidt aus Teilen der alten LPG die Agrar GbR Wittbrietzen gründet und später einen insolventen Betrieb im Nachbardorf übernimmt und die Landgut Hennickendorf GmbH daraus formt. Er trägt als Geschäftsführer Verantwortung für Mitarbeiter, fürs Getreide und für die Rinder. Deshalb hat er die schönsten Urlaube verpasst. Im Sommer ist seine Frau mit den Kindern in die Ferien gefahren. Er hat gearbeitet. Seit 27 Jahren hat Frenzel keinen Sommerurlaub mehr gemacht. „Nur einmal im Jahr, wenn die Herbstbestellung durch ist, fahre ich mit meiner Frau eine Woche weg“, sagt der gebürtige Elsholzer, der jetzt die Last der Verantwortung loswerden will. Er will aufhören!

„Bis heute habe ich Angst davor, der Betrieb könnte in die Knie gehen“

„Der Entschluss steht fest“, sagt er und fügt hinzu: „Hier muss einer sitzen, der mehr schafft als ich.“ Seine Leistungsfähigkeit habe abgenommen. Derzeit ist der 65-Jährige dabei, die Nachfolge zu regeln. Man könnte es aber auch so ausdrücken: Der Landwirt will den Kopf frei bekommen und die Zeit hinter sich lassen, in der Pflichtgefühl und die Bilanzen des Betriebes ihn nicht schlafen ließen, weil er sie wachliegend im Kopf hin und her rechnete, als könnte diese nächtliche Beschäftigung sie irgendwie aufbessern helfen. „Bis zum heutigen Tag habe ich Angst davor, der Betrieb könnte in die Knie gehen“, sagt er. Dass es dazu nie gekommen ist, hat viel mit ihm zu tun. Frenzel hat es geschafft, den Betrieb heil durch Turbulenzen zu bringen. Er ist heute einer der bekanntesten Landwirte der Region und einer der angesehensten.

Als Landwirt war er ein Frühstarter. Mit sieben Jahren lernt er auf dem Hof des Großvaters in Elsholz das Melken, mit 14 macht er die Trecker-Fahrerlaubnis und 1972 wird Frenzel beim Lehrlingswettbewerb DDR-Meister im Melken. Damals interviewt ihn eine Radio-Reporterin vom Jugendsender DT 64. Sie rät zwischendurch: „Freuen Sie sich doch mal!“ Frenzel zweifelt da noch, ob er überhaupt gewonnen hat. Für Zweifel gab es keinen Grund. Der DDR-Melkmeister darf sich ein Lied wünschen. DT 64 spielt „Alt wie ein Baum“ von den Puhdys für ihn. Für Frenzel ein Song, der nahe legt, sich im Leben an etwas zu halten – eine kleine Hymne auf Beständigkeit.

„Die Familie hat geheult, als die Kühe aus dem Stall geholt wurden“

In seinem Leben spiegeln sich die ganzen Facetten der Landwirtschaft der letzten Jahrzehnte wider. Als kleiner Junge bekommt er noch mit, wie sein großer Bruder, der den Hof des Großvaters übernahm, sich dagegen wehrt, Teil einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) zu werden. „Die Familie hat geheult, als die Kühe aus dem Stall geholt wurden.“ In einem Schulaufsatz schreibt er später, dass sein Bruder danach das erste Mal in den Urlaub fahren konnte. Frenzel, der begnadete Melker, lernt den Beruf des Agro-Technikers und studiert an der Berliner Humboldt-Universität Pflanzenproduktion. Nach dem Studium fängt er 1978 in der LPG in Beelitz an, die nach der Wende zerfällt.

Ende 1991 gründet er mit Partner Jörg Schmidt die Agrar GbR Wittbrietzen. Der LPG-Liquidator verlangt für Teile der LPG, die übernommen werden, 778 000 Mark. Später nimmt er eine Neubewertung vor und will 1,8 Millionen haben – für Genossenschaftsmitglieder, die das Geld ausgezahlt haben wollten. „Der Betrieb hatte sich gefestigt. Wir empfanden das als unfair. Elf Jahre haben wir gebraucht, um die Raten abzuzahlen.“

Aktivisten des Blühstreifen-Vereins nennen ihn einen „grünen Landwirt“

Heute hat Frenzel mit dem öffentlichen Image seines Berufs zu kämpfen. „Wir sind diejenigen, die Umwelt verschmutzen, Tiere quälen, Subventionen verschlingen und Landschaft verschandeln.“ Unfaire Pauschalurteile regen in auf, halten den Landwirt, der als erster in der Region Flächen für Blühstreifen zur Verfügung stellte, nicht davon ab, selbstkritisch nach eigenen Fehlern zu schauen. „Das Schlimmste, was in meiner Lebenszeit passiert ist: Dass die Moorflächen kaputt gegangen sind.“ Sie wurden entwässert und verloren ihre Fruchtbarkeit. „Diesen Fehler gut zu machen, dauert eine Weile“, so Frenzel, den die Aktivisten vom Blühstreifen-Verein Beelitz respektvoll einen „grünen Landwirt“ nennen.

Gehalten hat ihn bis heute jene Zufriedenheit, die sich bei ihm einstellt, wenn die Rinder gesund sind, die Pflanzen gut wachsen und die Mitarbeiter und Verpächter ihr Geld pünktlich aufs Konto bekommen. Das war das kleine Glück des Landwirts. Und was wäre großes Glück? „Ohne die Last der Verantwortung mit meiner Frau und den Kindern in den Sommerurlaub fahren.“

Biogasanlage und Blühstreifen

In Wittbrietzen, wo der Betrieb von einer GbR in eine Kommanditgesellschaft umgewandelt wurde, wird auch eine Biogasanlage betrieben.

Die Anlage verwertet Gülle und Reststoffe des Betriebes, um Gas und Wärme zu erzeugen – zum Heizen sowie zum Trocknen von Getreide, Saatgut und Holz.

Jürgen Frenzel ist auch Kooperationspartner des Vereins Blühstreifen Beelitz, der im Spargelland Blühwiesen als Lebensraum für Insekten schaffen will. Er gehörte zu den ersten Landwirten in der Region, die sich an der Aktion gegen das Insektensterben beteiligte und Flächen für Blühstreifen zur Verfügung stellte.

Aktuell hat er ein Förderprojekt für die Erzeugung von Biokohle mit initiiert. Sie soll aus Gärresten der Biogasanlage und Holzschnitzeln gewonnen werden. Die organische Biokohle kann als Einstreu genutzt werden. Ihre feinen Bestandteile würden auf den Äckern auch die Fruchtbarkeit erhöhen.

Von Jens Steglich