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Beelitz Fichtenwalde verliert natürlichen Lärmschutz
Lokales Potsdam-Mittelmark Beelitz Fichtenwalde verliert natürlichen Lärmschutz
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20:20 20.09.2018
Die ersten Bäume an der A 9 sind bereits gefällt worden. Förster Martin Schmitt an einem Stamm, der schon von Schädlingen befallen ist. Quelle: Jens Steglich
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Fichtenwalde

Der große Waldbrand Ende Juli, der gerade noch vor Fichtenwalde durch tapfere Feuerwehrleute gestoppt werden konnte, hat dramatische Spätfolgen. Im Waldbrandgebiet ist ein Baumfriedhof entstanden, der zur Gefahr für benachbarte Forstflächen werden kann, die eigentlich vom Feuer verschont geblieben sind. „Die Zeit ist knapp, weil durch die Größe der betroffenen Fläche ein Hotspot von hungrigen Käfern entsteht, die ab einer bestimmten Populationsgröße Nachbarbestände angreifen können“, sagt der Beelitzer Stadtförster Martin Schmitt. Schädlinge wie der Bockkäfer oder der Kiefernprachtkäfer sind längst im Waldbrandgebiet zwischen der Autobahn 9 und Fichtenwalde angekommen. Wie Aasfresser machen sie sich über tote oder geschwächte Bäume her und geben ihnen den Rest. Zu sehen ist das an abgeplatzter Rinde.

Um ein Übergreifen auf intakte Waldbestände zu verhindern, werden die verbrannten Bäume jetzt abgeholzt und zu Hackschnitzeln für Heizkraftwerke verarbeitet. Fichtenwalde verliert damit einen großen Teil seines natürliches Lärmschutzes, der den Krach der Autobahn bisher gedämpft hat. Etwa 30 bis 35 Hektar Wald müssen gerodet werden, sagt Schmitt. Die ersten Fällungen haben bereits begonnen. Fichtenwalde und die Autobahn wird nach den Rodungen nur noch ein schmaler Waldstreifen, den das Feuer nicht erreichte, trennen. „Es rufen bereits jetzt Fichtenwalder an, die sagen, der Autobahnlärm hätte zugenommen“, erzählt Schmitt.

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Toter Wald im Waldbrandgebiet Fichtenwalde: Diese Bäume leben nicht mehr und müssen gerodet werden, bevor eine Schädlingsinvasion einsetzt. Quelle: Jens Steglich

Die Bäume, die direkt im Waldbrandgebiet stehen, sind tot. „Der Boden wurde über zwei Tage bei Temperaturen zwischen 300 und 400 Grad regelrecht gekocht und mit ihm Feinwurzeln und Kambium“, sagt der Förster und fügt hinzu: „Die Bäume sterben flächendeckend von unten her ab, auch wenn die Kronen teilweise noch grün sind.“ Das Kambium ist die Wachstumsschicht im Baum, die Zellen produziert, erklärt er. Man könnte auch sagen: Es ist der lebendige Teil des Baumes.

Experten unter anderem aus der Landesforschungsstelle Forst in Eberswalde haben mit Waldbesitzern und Revierförstern Ende August das Waldbrandgebiet zwischen Autobahn und Fichtenwalde in Augenschein genommen. „Untersucht wurde das Kambium, das auch bei Bäumen mit grünen Kronen braun war“, so Schmitt. Das ist ein klares Todessignal. Vitales Kambium müsste weiß sein.

Direkt an der A 9 ist bereits eine große Waldfläche gerodet worden, Quelle: Jens Steglich

Die Experten sind sich einig, dass nach den Rodungen vor allem wieder Kiefern neu angepflanzt werden, auch wenn sich viele einen Laubwald wünschen würden. Weil der Boden kochte und der Humus zu Asche geworden ist, „haben wir es mit einem wasser- und nährstoffarmen Rohboden zu tun, der jetzt jeglicher Strahlung ausgesetzt ist“. Auf solchen Böden wachsen erst einmal nur Pionierbaumarten, sagt Schmitt. Da ist er sich mit den Wissenschaftlern einig. Pionierbäume – Birke und Kiefer gehören dazu – sind anspruchslose Arten, die solche Rohböden besiedeln und dann über viele Jahrzehnte dafür sorgen, dass sich wertvolle, nährstoffreiche Böden bilden. „Wenn in diesem Gebiet hier junge Bäume überleben, dann sind es Kiefern“, sagt Schmitt. Um den Forst bei Fichtenwalde in Zukunft brandsicherer zu machen, sollen aber an den Außenbereichen und innen Laubwaldstreifen gepflanzt werden. Schmitt geht von einem Anteil von 70 Prozent Kiefern und 30 Prozent Laubwald aus.

Die verbrannten Bäume werden abgeknipst. Quelle: Jens Steglich

Geplant ist, mit dem Aufforsten des Waldbrandgebietes im Frühjahr 2019 zu beginnen. Bis der Wald allerdings wieder die Dichte und Höhe erreicht hat, um seine alte Lärmschutzfunktion erfüllen zu können, werden 25 bis 30 Jahre vergehen, schätzt der Förster.

Auf verbrannte Bäume spezialisierte Schädlinge

Laut dem Beelitzer Stadtförster Martin Schmitt waren schon kurz nach dem Waldbrand Ende Juli die ersten Nester diverser Bock- und Prachtkäfer und des Waldgärtners, einem Rüsselkäfer, zu sehen. Solche Schadinsekten sind auf geschwächte und verbrannte Bäume spezialisiert.

Der schwarze Prachtkäfer zum Beispiel ist durch seine Feuerliebe bekannt geworden. Diese Käfer sollen Waldbrände in vielen Kilometern Entfernung spüren. Ihre Larven können sich in der Rinde von Bäumen entwickeln, die durch Feuer abgestorben sind. Diese Bäume haben keine natürliche Abwehrreaktion mehr, vitale Bäume wehren sich zum Beispiel mit Harz gegen die Larven.

Von Jens Steglich