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Beelitz Hitze und Schädlinge: So schlecht geht es Brandenburgs Wäldern
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09:33 15.08.2019
Links Umbaufläche, rechts Kiefernplantage: Martin Schmitt mit seinen Hunden im Wald bei Fichtenwalde. Quelle: Jens Steglich
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Beelitz

Förster Martin Schmitt arbeitet für private Waldbesitzer, ist Stadtförster von Beelitz und Ameisenschutzwart. Gebiete, um die er sich kümmert, sorgten zuletzt durch einen Rechtsstreit um den Insektizid-Einsatz gegen den Nonnenbefall für Schlagzeilen. Mit der MAZ sprach er über den aktuellen Zustand der Bäume.

Wie geht es dem Wald in der Region?

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Martin Schmitt: Durch die Dürre im vergangenen Jahr ist der Boden immer noch bis in Tiefen von zwei Metern ausgetrocknet. Aus 2018 fehlen uns bis zu 300 Liter pro Quadratmeter Regen. Hauptwaffe der Bäume gegen Schädlinge ist der Harz. Wenn aber kein Wasser da ist, fließt auch kein Harz. Die Schädlinge haben deshalb leichte Beute. Die Lage in den Regionen ist aber sehr unterschiedlich. Beelitz und Fichtenwalde waren schon immer trockene Standorte. Dort haben die Bäume tiefere Wurzeln gebildet. Das Havelland und die Prignitz sind grundwassernahe Standorte. Die Bäume dort haben keine tiefen Wurzeln, weil sie diesen Trockenstress nicht kennen. Dort schlagen Dürre und Schädlinge richtig zu.

War die Lage schon mal so brenzlig?

Wir hatten auch 2003 einen Jahrhundertsommer. Neu ist, dass mehrere Dinge zusammenkommen, die sich in ihrer Wirkung potenzieren. Es ging 2016 und 2017 mit Sturmschäden los, dann kamen Dürre und Schädlinge. Das hatten wir in der Kombination noch nicht. In den vergangenen zehn Jahren lagen auch die Wärmerekorde seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Uns sind viele Kulturen vertrocknet. Windwurf und Waldbrände sind Folgeerscheinungen des Klimawandels. Es entsteht das Gefühl, dass uns die Zeit davon läuft. Der Wald ist ein träges System, die Anpassungsgeschwindigkeit ist sehr langsam.

Zu mehr als 470 Waldbränden mussten Brandenburgs Feuerwehrleute 2018 ausrücken. Die größten Einsätze im Überblick.

Gibt es eigene Versäumnisse?

Die Kiefern-Monokulturen werden gern den Förstern in die Schuhe geschoben. Knapp 40 Prozent der Monokulturen sind noch Teil der Geschichte des Zweiten Weltkriegs. Damals hat keiner an Waldumbau gedacht. Da ging es darum, uns mit Holz zu versorgen und kahlgeschlagene Flächen wieder aufzuforsten. Kahlgeschlagen wurden sie für Reparationsleistungen und für den Wiederaufbau Berlins. Hinzu kommt die Bodenreinertragslehre in der DDR. Es sollte so viel wie möglich Holz auf der Fläche produziert werden. Das sind Gründe, warum wir in Brandenburg so einen hohen Anteil an Kiefernplantagen haben.

Es gab heftige Auseinandersetzungen zum Einsatz des Insektizides Karate Forst gegen den Nonnenbefall. Ein Gericht stoppte den Einsatz. Wie ist die Lage in den unbesprühten Gebieten?

Es scheint so zu kommen, dass die großen Schäden nicht eintreten werden. Bis Anfang Juli spitzte sich die Lage zu, ab Mitte Juli schwächte sich der Fraß der Nonnenraupen ab. Es gab in der Zeit Hitze und schwere Gewitter. Inwieweit das Wetter, natürliche Feinde oder Virenbefall eine Rolle spielen, kann noch nicht gesagt werden. Man kann für 2019 sagen, dass die prognostizierten Schäden im zweistelligen Millionenbereich für die 2500 Hektar, die nicht beflogen wurden, nicht eintreten. Die Schäden werden im einstelligen Millionenbereich liegen. Der Kahlfraß, wie er befürchtet wurde, wird 2019 auch nicht mehr stattfinden. Wir kommen dieses Jahr mit einem blauen Auge davon. Wie es 2020 wird, weiß jetzt noch keiner

Waldpädagoge und Ameisenschutzwart

Förster Martin Schmitt ist auch zertifizierter Waldpädagoge und Ameisenschutzwart. Als Beelitzer Stadtförster widmet er sich zudem der Aufgabe, jungen Leuten den Wald und das Leben dort nahe zu bringen und organisiert die Beelitzer Waldjugendspiele.

Als Ameisenschutzwart wird er gerufen, wenn ein Waldameisen-Staat umgesetzt werden muss, weil er etwa dem Bau eines Radweges oder eines Wohnhauses im Wege steht. Ameisenschutzwarte in Brandenburg absolvieren einen Kurs in der Landesforschungsanstalt Eberswalde.

Umsiedlungen von Waldameisen werden im Frühjahr durchgeführt, damit sie es schaffen, vor dem Winter ihre Hügel wieder aufzubauen.

Waldameisen gehören zu den geschützten Arten, auf ihrer Speisekarte steht auch die Nonne, ein Kiefernschädling.

Alle Welt redet vom Insektensterben: Kann Karate Forst noch das richtige Mittel sein?

Die Aussagen zum Nonnenbefall waren zu 100 Prozent klar. Wenn wir 2000 Hektar abgestorbene Kiefernbestände bekommen hätten, würden wir nicht so ruhig hier sitzen. 2020 würde ich mich wahrscheinlich gegen den Einsatz aussprechen, weil es anscheinend Faktoren gibt, die diese Massenvermehrung abbremsen. Im Grunde können alle glücklich sein, dass es nicht so schlimm gekommen ist. Es ist nicht der Zeitpunkt für Schuldvorwürfe. Alle Protagonisten sollten sich an einen Tisch setzen und nachdenken, wie es weiter gehen kann. Die tolle Entwicklung daran ist, dass sich viele Menschen wieder mit dem Wald befassen, weil er eine elementare Bedeutung für den Klimaschutz hat.

Waldbesitzer Karl Tempel, der die Protestlawine auslöste, wollte Insekten, Vögel und Ameisen in seinem Wald nicht besprühen lassen. Die geschützten Waldameisen haben Sie dorthin gebracht. Hätte es Ihnen nicht wehgetan, wenn diese Ameisenstaaten durch Karate Forst getötet worden wären?

Die Ameisenstaaten wären wohl zu einem Drittel abgestorben, weil der Einsatz den Baumkronen gegolten hätte und Königin und Eier sich unter der Erde befinden. Die Prognosen, der Wald würde ohne Sprüheinsatz komplett absterben, war für mich das schlimmere Szenario. In dem Fall wären die Waldameisen komplett drauf gegangen, weil sie Habitate brauchen, die nicht direkt der Sonne ausgeliefert sein dürfen.

Wie sind Sie zum Ameisenfan und Ameisenschutzwart geworden?

Ich hatte als Forststudent ein Schlüsselerlebnis. In der Schorfheide hatte die Nonne 30.000 Hektar Wald kahlgefressen. Auf Luftbildern sah man grüne Inseln. Dort, wo Waldameisen lebten, blieben die Bäume grün.

Waldameisen, die Nonnen fressen und Bäume schützen, zeigen doch, dass die Natur eigene Kräfte hat?

Wenn Massenvermehrungen ausbrechen, hinken die natürlichen Feinde der Schädlinge der Entwicklung eine Zeit lang hinterher. Was 2019 dazu führte, dass der Kahlfraß ausblieb, wissen wir noch nicht

Kränkt es einen Förster, von Bürgerinitiativen Umweltfrevel vorgeworfen zu bekommen? Die Förster sind ja die Erfinder des Begriffs Nachhaltigkeit.

Jeder Förster hat ein grünes Herz. Es macht auch keinem Förster Spaß, in einer Kiefernplantage zu arbeiten. Wir können aber nur in dem arbeiten, was uns hinterlassen wurde und das Beste daraus machen. Wir arbeiten seit 300 Jahren nachhaltig. Uns wird vorgeworfen, dass es eine rein stoffliche, auf die Holzproduktion konzentrierte Nachhaltigkeit ist und andere Leistungen des Waldes nicht honoriert werden.

Ist das nicht ein gesellschaftliches Problem? Der Markt versagt, weil er nur Dinge ernst nehmen kann, die sich in Preisen ausdrücken lassen. Waldbesitzer bekommen den Holzpreis. Die großen Leistungen des Waldes hat keiner auf der Rechnung.

Wald dient der Erholung, sorgt für saubere Luft, bindet Staub und speichert Kohlendioxid. Förster und Waldbesitzer sollen das mit gewährleisten, ohne dass es honoriert wird.

Holz müsste teurer sein?

Es ist ein hohes Gut, dass jeder durch den Wald laufen kann, ob zur Erholung oder um Sport zu treiben. Trotzdem: Wenn man diese Leistungen einrechnen würde, müsste der Holzpreis höher sein. Derzeit ist das Gegenteil der Fall. Die Preise sind im Keller. Das ist auch nicht gut für den Waldumbau, der Geld kostet.

Wie sieht der Wald der Zukunft aus und welche Bäume wachsen dort?

Wir müssen weg von den Monokulturen. Der Wald der Zukunft ist mindestens mit 30 Prozent Laubbäumen angereichert, um Massenvermehrungen von Schädlingen gar nicht erst entstehen zu lassen. Die Traubeneiche spielt bei der Schädlingsbekämpfung die entscheidende Rolle. Sie ist Lebensraum für die Gegenspieler der Schädlinge. Mischwälder helfen bei der Grundwasserneubildung und vermindern die Waldbrandgefahr. Vielfalt macht den Wald stark. Auch für die Kiefer ist es nicht gut, allein zu sein. Die Kiefer brauchen wir weiter, weil Waldbesitzer auch Geld verdienen müssen.

Was ist notwendig, um den Waldumbau zu beschleunigen?

Mehr Forstpersonal und bessere Förderbedingungen, damit sich auch kleine Waldbesitzer den Waldumbau leisten können. Wir müssen mehr Waldumbau betreiben, bekommen fürs Holz aber kaum noch Geld, um ihn zu finanzieren. Auch der Personalabbau im Forstbereich führte dazu, dass der Waldumbau ins Stocken geriet. In Kombination mit einer Flächenförderung sollte der Waldumbau für alle Waldbesitzer gesetzlich verpflichtend werden.

Gibt es auch gute Nachrichten an der Waldfront?

Die Waldbrandfläche bei Fichtenwalde entwickelt sich vielfältiger und schneller als erwartet. Vier Baumarten wachsen dort schon wieder: Kiefern, Pappeln, Birken und Robinien. Das Pflügen gerodeter Flächen hat die Samen hochgeholt, der Anteil der Naturverjüngung ist dort dadurch wesentlich höher.

Haben beim Waldbrandschutz alle ihre Hausaufgaben gemacht?

Wir sind in Beelitz mit dem Anlegen von Schutzstreifen und neuen Löschbrunnen Vorbild und hoffen, dass andere Waldbesitzer nachziehen. Wir haben 2018 in Fichtenwalde unsere Erfahrungen gemacht. Wir wissen, was passieren kann.

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Von Jens Steglich