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Beelitz Wo der Maschinist aus alten Zeiten erzählt
Lokales Potsdam-Mittelmark Beelitz Wo der Maschinist aus alten Zeiten erzählt
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20:05 24.04.2019
Elke Seidel mit dem Maschinisten im Maschinensaal des alten Heizkraftwerkes von Beelitz-Heilstätten.
Elke Seidel mit dem Maschinisten im Maschinensaal des alten Heizkraftwerkes von Beelitz-Heilstätten. Quelle: Jens Steglich
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Beelitz-Heilstätten

Wer zum Saisonstart am Freitag das alte Heizkraftwerk in Beelitz-Heilstätten besucht, wird am Eingang von einem Vorstandsmitglied der Landesversicherungsanstalt Berlin begrüßt. „Schön, dass wir uns treffen“, sagt er und rät: „Gucken Sie sich um. Das haben wir damals auch getan und dieses große zusammenhängende Waldgebiet bei Beelitz ausgewählt, um für unsere Versicherten, Arbeiter und Angestellten Sanatorien zu errichten.“ Die Worte haben ihm freilich Mitstreiter des Fördervereins in den Mund gelegt, der sich seit 23 Jahren um das Heizkraftwerk Süd in Heilstätten kümmert. Der Mann von der Landesversicherungsanstalt schwärmt denn auch von diesem einzigartigen technische Denkmal, das einst, als es noch in Betrieb war, über unterirdische Kanäle ganz Beelitz-Heilstätten mit Strom, Wärme und Wasser versorgte. Er ist nicht die einzige historische Figur, die Besuchern bei den Führungen durch die „heiligen Hallen“ begegnen wird, wie es Fördervereinschefin Elke Seidel ausdrückt.

Der Verein hat auch noch den Wassermann, den Maschinisten, den Koch und zwei Industriearbeiter aufzubieten. Alles Figuren, die vor 100 Jahren in Beelitz-Heilstätten eine große Rolle gespielt haben und nun in der Neuzeit wieder auftauchen – als Pappfiguren, die viel zu erzählen haben.

Auch der Koch hat was zu erzählen: „Täglich kochen wir Essen für 1600 Personen. Der Kartoffelverbrauch liegt pro Woche bei ungefähr 250 Zentnern...“ Quelle: Jens Steglich

Ab sofort zeigt der Verein im Heizkraftwerk auch eine historische Rarität – den „Blauen Heinrich“. So wurde ein kleines, blaues Fläschchen genannt, das Patienten neben gutem Essen, Ruhe und Licht in Beelitz-Heilstätten verordnet bekamen. „Es sollte die Ansteckungsgefahr vermindern“, sagt Elke Seidel. Im Grunde ist es ein verschließbarer Spucknapf in Flaschenform, der bequem in der Jackentasche getragen werden konnte. „Ein großer Sprungdeckel erlaubt es, unauffällig hineinzuspucken und das Sekret sicher zu verschließen.“ Der praktische Hygiene-Artikel für Hustende verminderte die Ansteckung durch Tröpfcheninfektion drastisch. Den „Blauen Heinrich“, der in Thomas Manns Roman „Der Zauberberg“ Berühmtheit erlangte, nannte man in der Umgangssprache deshalb auch den Lebensretter.

Gerettet werden soll auch das alte Heizkraftwerk, ein Zeugnis besonderer Ingenieurskunst, das sich den Namen „Öko-Kraftwerk aus Urgroßvaters Zeiten“ verdient hätte. Die Erbauer setzten auf Kraft-Wärmekopplung, bei der mit Einsatz eines Brennstoffes zwei Produkte entstehen – Wärme und Strom. Was in Zukunft aus dem technischen Denkmal wird, ist ungewiss. Der Förderverein hat sich in den vergangenen 23 Jahren um den Ort gekümmert und dafür gesorgt, dass sich jährlich bis zu 3000 Besucher das Heizkraftwerk anschauten. Für den großen Wurf aber ist der Verein zu klein. „Wir brauchen einen starken Partner, der erkennt, dass das Heizkraftwerk das Herz von Beelitz-Heilstätten war und wieder ein Zentrum dieses besonderen Ortes werden sollte“, sagt Vereinsvorsitzende Elke Seidel. Sie und ihre Mitstreiter hoffen, dass der Investor, der in Heilstätten ein neues Ortszentrum bauen will, „das auch so sieht“.

Der „Blaue Heinrich“ ist ein kleines Fläschchen, das an die Patienten verteilt wurde, um die Ansteckungsgefahr durch sogenannte Tröpfcheninfektion zu vermindern. Quelle: Jens Steglich

Das Heizkraftwerk mit den Maschinen- und Kesselhallen wäre für Seidel der richtige Platz, an dem die große Geschichte und die kleinen Geschichten anschaulich gemacht und erzählt werden können. „Der Besucher kommt nebenan am Bahnhof an und will dann etwas über diesen Ort sehen und hören. Und das sollte im Heizkraftwerk passieren“, sagt sie. Das gut begehbare Denkmal soll zentraler Geschichtsort von Beelitz-Heilstätten werden und am besten noch Potsdam-Mittelmarks Energiezentrum, so ihre Vision. „Das Herz von Heilstätten muss wieder schlagen“, sagt Seidel.

Der Verein tut das ihm mögliche, um Besucher anzulocken und mit neuen Führungen ab Freitag auf diesen Ort und sein Potenzial aufmerksam zu machen. So lassen die Vereinsmitglieder den Wassermann im Kesselhaus erzählen, wie Beelitz-Heilstätten einst autark mit Wasser aus einer Tiefe von 45 Metern versorgt wurde und es sogar eine eigene Brauerei gab und eine Selterwasserfabrik, die 325 580 Flaschen Selters und 70 650 Flaschen Brauselimonade herstellte. Der Verein hat auch dafür eine Vision: „Warum nicht einen Brunnen bohren und das Wasser wie einst aus der Tiefe holen, um es als Beelitzer Heilwasser zu verkaufen. Die Qualität dafür hat es“, sagt die Vereinschefin.

Führungen und die Jauersche Wurst

Der Förderverein „Heiz-Kraft-Werk Beelitz-Heilstätten“ bietet von April bis September Führungen durch die Anlage an. Sie finden immer am letzten Freitag des Monats um 14 Uhr statt.

Die erste Führung in der neuen Saison beginnt am 26. April, 14 Uhr. Anmeldungen sind nicht erforderlich. Treffpunkt: Innenhof des Heizwerkes.

Ein Höhepunkt der Saison ist am 8. September, wenn die Hallen des Heizkraftwerkes zum Tag des offenen Denkmals von 11 bis 17 Uhr für Besucher geöffnet werden.

Dann kann der Besucher auch die Jauersche Wurst kosten und kaufen. Sie war die meist produzierte Wurst in Beelitz-Heilstätten und besonders fetthaltig, damit die abgemagerten Patienten zunahmen.

Die Fleischerei stellte 1926 etwa 9675 Kilogramm Jauersche Wurst her. Das Rezept für die Jauersche Wurst hat ein Landfleischer aus Salzbrunn wiederentdeckt. Der Förderverein bietet die Wurst – nicht mehr so fettig wie damals – immer zum Tag des offenen Denkmals an.

Von Jens Steglich

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