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Beelitz Nach einer Stunde ausverkauft: Notschlachter schließt Geschäft
Lokales Potsdam-Mittelmark Beelitz Nach einer Stunde ausverkauft: Notschlachter schließt Geschäft
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00:30 26.05.2019
Die letzten Kunden: Paul Dorr (l.) erhält ein Wurstpaket von Robert König in Beelitz. Dieter Herrmann aus Köthen (r.) bekam noch einmal seine geliebte Topfwurst. Quelle: Gabriele Spiller
Beelitz

„Heute ist der Fleischtag“, sagt die Zugbegleiterin in der RB33. Schon in Wannsee sind mehrere Fahrgäste mit Einkaufsrollern eingestiegen. Die Odeg-Mitarbeiterin ist seit sieben Jahren dabei. „Früher musste man noch herumstreiten, weil sie die Fahrpreise zu hoch fanden.“ Das hat sich inzwischen gelegt. Es ist dasselbe Bild wie jeden Donnerstag, gestern allerdings zum letzten Mal. Die Fleischerei König in Beelitz schließt – nach annähernd 100 Jahren und in der vierten Generation. Sie war eine Institution, vor allem für die afrikanische Community von Berlin.

Letzter Verkaufstag in der Fleischerei in Beelitz. Quelle: Gabriele Spiller

In Potsdam-Rehbrücke steigen zwei senegalesische Frauen ein. Die eine trägt eine Camouflage-Jacke, die andere einen drapierten bunten Kopfschmuck. Mike aus Kenia, ebenfalls mit einem Einkaufsroller ausgerüstet, fragt, wo er jetzt hingehen solle: „Wo kann man sonst so billig Rindfleisch kaufen?“ Diese Frage stellt sich im Moment jeder der König-Stammkunden. Denn Notschlachtereien, früher Freibänke genannt, sterben aus. „Afrikaner essen gerne Fleisch“, erklärt Mike, in der Suppe, als Gulasch oder gegrillt. Sein Einkauf für 50 Euro habe jeweils für drei Monate gereicht. Die Beelitzer Adresse hat er schon vor Jahren im Internet gefunden, da haben sie afrikanische Facebook-Gruppen empfohlen. „Warum wird geschlossen?“, der junge Mann mit dem Basecap und einer wuchtigen Halskette versteht es nicht.

Geheimtipp für Fleischliebhaber

Im Sichenholz beginnt der Endspurt der Einkaufsroller um den besten Platz in der Warteschlange. Dabei waren die ersten Kunden schon ab 7 Uhr da. Das kleine Ladengeschäft ist gerammelt voll. Anfang des Monats kam es zu Tumulten, die gläserne Eingangstür ging zu Bruch. Vor dem Geschäft spielen Kinder und eine Mutter mit kunstvoll geflochtenen Zöpfchen telefoniert, während sie ihr Baby aus dem Glas füttert. Hier Fotos zu machen, entpuppt sich als keine gute Idee. „Nein, ich mag das nicht, ich mag lieber versteckt sein“, ruft eine Frau.

Wartemarken beim letzten Verkaufstag in der Fleischerei in Beelitz. Quelle: Gabriele Spiller

Dieser kann seine Gefühle schwer in Worte fassen, als er nach einer knappen Stunde den ausverkauften Laden schließt, ein Glas Sekt in der Hand. Mit seinen Eltern und seinen „Jungs“ hat er auf die Zukunft angestoßen. Wohin die Reise für ihn geht, weiß er noch nicht, Bewerbungen in der Branche hätten noch nicht gefruchtet. Zum Glück seien alle vier Mitarbeiter schon wieder in Anstellungen, die Eltern befinden sich im Rentenalter.

Vorschriften wurden zu scharf

Dass es schwierig sei, Fachpersonal zu finden, bestätigt ein anderer Fleischer aus Beelitz, Matthias Meissner. Er sei überrascht gewesen, als er hörte, dass König schließen wolle: „Zu unserem Jubiläumsfest war er da und hat nichts gesagt.“ Sein eigener Sohn wurde mit 20 Jahren zur letzten Fleischermeisterklasse zugelassen, die noch in Berlin ausgebildet wurde. Das wird einmal die fünfte Generation seines Geschäfts, hofft er. Das Fleischer-Handwerk ist ganz offensichtlich ein Familienunternehmen. „Er hätte eine Partnerin gebraucht, die mit ihm mitzieht“, meint eine Verkäuferin mit Blick auf König Junior.

Dieses Argument kommt beim Betroffenen nicht vor, aber eine ganze Reihe von Gründen bewegte den 34-Jährigen zum Ausstieg. „Es war eine schwere Entscheidung“, sagt er. Die Marge sei trotz Preisen ab 2,85 Euro pro Kilo Fleischabschnitte vergleichbar mit der von konventionellen Metzgern, die teurer einkaufen müssten. Vielmehr wurden schärfere Hygienevorschriften und das Ware-Holen die Schwierigkeit. „Transportwege und -zeiten dürfen nicht mehr so lang sein, logistisch ist das nicht umsetzbar“, sagt König, „ich schließe die Tür zu, bevor es jemand anders tut.“

Mit Handwagen kamen die Kunden, um so viel Fleisch wie möglich einzukaufen. Quelle: Gabriele Spiller

Die Region stellte sich auf Spargel, Mais und Bioraps um, die Rinderzucht schrumpfte. Weiter als 100 Kilometer musste er zuletzt fahren, um Tiere von Höfen abzuholen. Zur Notschlachtung rückte er aus, wenn ein Tierarzt ein erkranktes Tier nach einer Lebendbeschau freigegeben hatte. Eine Lungenentzündung oder ein Beinbruch können solche Gründe sein. König betäubte das Rind, schlachtete und zerlegte es. Ein Tierarzt untersuchte wiederum das Erzeugnis.

Der Fleischermeister wird nicht müde zu betonen, dass es sich dabei um ein gesundes Lebensmittel handle: „Es ist vergleichbar mit einem Wagen und einem Unfallwagen.“ Bis zu fünf Tonnen Fleisch wurden so pro Verkaufstag in Beelitz umgesetzt. Zum Schluss erscheint noch ein Ehepaar aus Köthen, das regelmäßig bei Königs einkaufte. Dass das Fleisch für die Topfwurst aus ihrer Gegend stammte, hören sie zum ersten Mal. Alles hat ein Ende. Das weiß auch Robert König.

Von Gabriele Spiller

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