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Beelitz Mit dem U-Boot nach Wittbrietzen
Lokales Potsdam-Mittelmark Beelitz Mit dem U-Boot nach Wittbrietzen
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20:30 21.12.2018
Gerhard Rynkowski (l.) mit Reinhard Küster und seinem Enkel Oskar, die in Nemo II sitzen. Das Mini-U-Boot liegt auf einem Anhänger.
Gerhard Rynkowski (l.) mit Reinhard Küster und seinem Enkel Oskar, die in Nemo II sitzen. Das Mini-U-Boot liegt auf einem Anhänger. Quelle: Jens Steglich
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Wittbrietzen

Als Reinhard Küster aus der Luke schaut, grüßen sie ihn alle – die Treckerfahrer, die gerade auf der Buchholzer Straße in Wittbrietzen unterwegs sind und an ihm vorbeifahren. Wenn sie nicht die Hände am Lenkrad hätten, würden sie sich wohl die Augen reiben. Am Straßenrand mitten im kleinen Dorf steht ein Unterseeboot – gebaut von Reinhard Küster, der oben herausguckt. Der 68-Jährige aus Potsdam-Eiche hatte sich nach Wittbrietzen auf den Weg gemacht, um Nemo II, so heißt sein neues U-Boot, einem Mann zu zeigen, der sich damit auskennt – Gerhard Rynkowski. Er war in seinem früheren Leben Matrose auf dem U-Boot 313 und gehört zu den letzten Zeitzeugen des brutalen Seekriegs, der in den 1940er Jahren in den Weltmeeren tobte. Hobby-U-Boot-Bauer Reinhard Küster hatte in der MAZ über den 93-Jährigen gelesen, der heute in Wittbrietzen lebt.

Tauchgang in der Kiesgrube

Die beiden verbindet ein Erlebnis im Jahr 2006 – eine gemeinsame Tauchfahrt in Küsters erstem U-Boot Nemo. In einer Kiesgrube tauchten sie unter und wieder auf. Rynkowski, der als junger Mann mit seiner Mannschaft im U-Boot 313 in Tiefen von bis zu 200 Metern abtauchen musste, um englischen Zerstörern zu entkommen, kann sich noch an die Schlingpflanzen in der Kiesgrube in vier Metern Tiefe erinnern. Als er die Schlingpflanzen sah und an die freiliegenden Heckpropeller am Zwei-Mann-U-Boot dachte, sagte er: „Meister, ich glaube, wir müssen auftauchen.“ Das kleine Unterseeboot der Marke Eigenbau verfing sich nicht in den Pflanzen, die U-Boot-Kapitäne kamen wieder heil nach oben und ernteten Applaus von Schaulustigen am Ufer.

Blick durch die gewölbte Frontscheibe: Viel Platz ist in Nemo II nicht. Quelle: Jens Steglich

Der Tauchgang in der Kiesgrube ist jetzt zwölf Jahre her. Nemo ist Geschichte, Reinhard Küster kam jetzt mit seiner neuen Entwicklung nach Wittbrietzen. U-Boot Nemo II hat vor allem einen Vorteil: „Es hat vorn eine große Scheibe – die größte U-Boot-Frontscheibe Deutschlands“, sagt der Erbauer. Wenn er jetzt mit Nemo II abtaucht, „ist das wie im 3-D-Kino“, erzählt er. „Es schwimmen Teilchen vorbei und Fische.“ In einem Steinbruchsee bei Leipzig ist er einmal einem Stör in Schleichfahrt gefolgt. „Das macht Spaß, wenn der Fisch sich dann umschaut, als würde er fragen: ’Was wollt ihr hier?’“

Ähnliche Fragen stellen sich, wenn man ein U-Boot und seinen Erbauer in Wittbrietzen erblickt. Wie kommt man überhaupt auf die Idee, ein U-Boot zu bauen? Reinhard Küster erzählt die Geschichte so: „Mein großer Sohn hat von mir die Gerüstbaufirma in Eiche übernommen und dem Vater gesagt: ’Lass es jetzt mal mit dem Gerüsteschleppen’.“

Seine Konstruktion testet der Tüftler im Swimmingpool

Dann sitzt der Vater im Garten und denkt: „Jetzt hast du es geschafft.“ Irgendwann aber wird dem Gerüstbau-Unternehmer im Ruhestand die Zeit zu lang. Küster braucht neue Herausforderungen und fängt 2004 an, ein kleines U-Boot zu bauen. Der Tüftler, der Taucherfahrungen in einer Tauchsportschule sammelte, testet seine Konstruktion, die er Nemo nennt, im heimischen Swimmingpool. Bei der Namensgebung hat Küster nicht Kapitän Nemo im Kopf, die Romanfigur in Jules Vernes Werk „20 000 Meilen unter dem Meer“. Er denkt an den Fisch im US-amerikanischen Animationsfilm „Findet Nemo“.

Und was ist aus seinem U-Boot Nemo geworden? „Meine Frau hat mir zwei U-Boote verboten: ’Du darfst erst ein neues bauen, wenn das alte weg ist’, hat sie gesagt.“ Küster verkaufte den ersten Nemo in den Westen – das U-Boot gehört jetzt einem Mann, der in einem Dorf in der Nähe des Nürburgringes lebt.

Das U-Boot hat sogar ein amtliches Kennzeichen

Nemo II bietet ebenfalls Platz für zwei Leute, wiegt 1495 Kilogramm, hat insgesamt drei Pferdestärken und ist ein Öko-U-Boot im besten Sinne des Wortes. Es hat Batterien und wird elektrisch von vier Steuermotoren angetrieben. „Solarzellen kommen auch noch drauf“, sagt Küster. Wenn die Sonne scheint und das U-Boot an der Wasseroberfläche fährt, kann er dann von Elektro- auf Solarbetrieb umstellen. Zum Lenken hat der U-Boot-Kapitän einen Joystick in der Hand. Das schnellste Tempo unter Wasser entspricht etwa der Geschwindigkeit eines Radfahrers, der gemütlich auf dem Land unterwegs ist. Im Normalgang bewegt sich Nemo II im Tempo eines Spaziergängers. „Schnelligkeit ist bei Tauchfahrten Quatsch. Da sieht man ja nichts“, sagt Küster. Nemo II hätte er auch Yellow Submarine nennen können – nach dem berühmten Studioalbum der Beatles, die ein gelbes Unterseeboot besangen. Leuchtend gelb ist Küsters Mini-U-Boot, damit es beim Auftauchen wie eine Boje aussieht und gut sichtbar ist.

Das kleine Unterseeboot hat sogar ein amtliches Kennzeichen. Das brauchte der U-Boot-Bauer, „als wir mit Nemo II auf dem Anhänger nach Kroatien fahren wollten“. Es ist ein Nummernschild, das eigentlich für Sportboote gedacht ist. „Es war nicht einfach, es zu bekommen“, sagt Küster. Nicht alle glaubten ihm, wenn er erzählte: „Ich brauche das Kennzeichen für ein U-Boot.“

Gerhard Rynkowski - der Matrose vom U-Boot 313

Gerhard Rynkowski wurde 1942 mit 17 Jahren zur deutschen Kriegsmarine eingezogen und ist einer der letzten Zeitzeugen eines brutalen Seekriegs.

Über seine Kriegserlebnisse, die ihn zum Friedensfreund machten, ist Mitte 2018 ein Buch erschienen. Titel: „U 313 Bordgeschichten – vom Stapellauf bis zur Operation Deadlight“.

Gerhard Rynkowsky fährt heute einen Wartburg mit dem Kennzeichen PM-RU 313. Am 11. Januar wird er 94 Jahre alt.

Von Jens Steglich

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21.12.2018