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Beelitz Silvester 1989: In Beelitz rebellieren NVA-Soldaten – weil sie keinen Sekt bekommen
Lokales Potsdam-Mittelmark Beelitz Silvester 1989: In Beelitz rebellieren NVA-Soldaten – weil sie keinen Sekt bekommen
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16:12 31.12.2019
Am Silvesterabend 1989 begann in der Beelitzer Friedrich-Wolf-Kaserne ein Soldatenstreik. Quelle: MAZ-Archiv/Michael Hübner
Beelitz

Nicht einmal ein winziges Schlückchen wird den Soldaten am Silvesterabend 1989 im Beelitzer Panzerregiment gegönnt – während die Offiziere im Kasino der „Friedrich-Wolf-Kaserne“ feiern, wird die Bitte, ausnahmsweise mit einem Glas Sekt anstoßen zu dürfen abgelehnt. Zugleich feiern Menschen aus Ost und West im ehemaligen Todesstreifen am Brandenburger Tor die wohl emotionalste Silvesterfeier, die es in diesem Land je gegeben hat.

Der nichtige Anlass führte vor 30 Jahren zum ersten Streik in der NVA

Doch davon ist in Beelitz und in der Nationalen Volksarmee (NVA) nichts zu spüren. Bei den Offizieren wird das westdeutsche Feindbild gepflegt. Der beinahe nichtige Anlass des Sektverbots führte vor 30 Jahren zum ersten Streik von Soldaten der NVA.

„Ein Soldatenstreik, eine Meuterei, die nach der Militärgerichtsordnung der NVA mit Freiheitsstrafe bis zu acht Jahren geahndet wurde“, sei es gewesen schreibt Klaus Storkmann, der Oberstleutnant der Bundeswehr ist und am Zentrum für Militär- und Sozialgeschichte der Bundeswehr in Potsdam forscht. Die deutsche Militärgeschichte nach 1945 ist sein Fachgebiet.

Vor der Kaserne campieren die Soldaten – das Bild stammt vom 3. Januar 1990. Quelle: Märkische Allgemeine/Michael Hübner

„Die Kluft zwischen dem revolutionären Erwachen auf den Straßen und der alten Ordnung in den Kasernen wurde von Tag zu Tag deutlicher und brach sich am Silvesterabend Bahn“, formuliert Storkmann in der aktuellen Ausgabe von „Militärgeschichte. Zeitschrift für historische Bildung“, die vom Potsdamer Bundeswehr-Institut herausgegeben wird.

Die Demokratie dürfe nicht vor den Kasernentoren haltmachen

Mit Bettlaken und Pappschildern treten die Soldaten vor das Kasernentor, blockieren die Zufahrt. „Sie forderten, die Demokratie dürfe nicht vor den Kasernentoren haltmachen“, so Storkmann. Auf den Transparenten und Schildern stand: „Wir sind auch Menschen!“ oder „Wir wollen in unsere Betriebe zurück“. Unter märkischen Kiefern campiert die Truppe am nächsten Tag an Lagerfeuern.

Entspannte Truppe – sie harrten am Panzerdenkmal vor der Kaserne aus – das war zwar Meuterei, doch bestraft wurden die Soldaten nicht. Quelle: Märkische Allgemeine/Michael Hübner

Ein „Streikaufruf“ macht die Runde, sodass sich die Proteste auf rund 40 Kasernen und Dienststellen im Land ausweiten, wie damals die Medien berichten. Es werden Soldatenräte gebildet. In der Armeeführung wird von vielen ein hartes Durchgreifen empfohlen. Stattdessen wird in Beelitz schließlich höchstrangig vermittelt.

Der Verteidigungsminister gibt zwei Tage später den Forderungen nach

Der neue Verteidigungsminister, Admiral Theodor Hoffmann, reist am 2. Januar an und führt persönliche Gespräche mit Soldaten und Wehrpflichtigen, die seit Wochen in der Kaserne eingesperrt sind, während draußen Geschichte geschrieben wird. Admiral Hoffmann weist am 3. Januar die Offiziere zu Erleichterungen für die einfachen Soldaten an und erfüllt viele Forderungen.

Soldatendemo am 3. Januar 1990 in Beelitz. Quelle: Märkische Allgemeine/Michael Hübner

„Die ständige Einsatzbereitschaft durch Präsenzpflicht ist von 85 auf 50 Prozent gesenkt worden, die wöchentliche Dienstzeit auf 45 Stunden, was der Fünf-Tage-Woche entsprach. Ausgang in Zivil und auch außerhalb des Standortes wurden erlaubt, die bislang eingezogenen Personalausweise den Soldaten ausgehändigt. Den Soldaten erlaubte dies am Wochenende oder im Urlaub freies Reisen in den Westen“, zählt Storkmann auf.

Die Presse ist bei dem Konflikt zwischen Soldaten und Offizieren dabei. Quelle: Märkische Allgemeine/Michael Hübner

Kurz darauf bringt der Verteidigungsminister weitere Reformen auf den Weg. „Den Streikenden war nach Abschluss der Ausbildung die Versetzung in heimatnahe Standorte zugesagt worden. Der Grundwehrdienst wurde von 18 auf zwölf Monate, die Verpflichtungszeit der Unteroffiziere von drei auf zwei Jahre reduziert“, schreibt Storkmann.

Dass die NVA mit der deutschen Wiedervereinigung nur zehn Monate später völlig zu existieren aufhört, ahnt zum Beginn des Jahres 1990 noch niemand. Feindbild und Kadavergehorsam sind zwei Monate nach dem Mauerfall aber dahin.

Info: Der Beelitzer Heimatverein widmet sich dem Soldatenstreik am 10. Januar um 19 Uhr, im Nebenraum des Tiedemann-Hauses in der Clara-Zetkin-Straße 17, 14547 Beelitz

Von Peter Degener

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