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Beelitz Warum sich Bergleute in Ost und West so gut verstehen
Lokales Potsdam-Mittelmark Beelitz Warum sich Bergleute in Ost und West so gut verstehen
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20:38 15.10.2019
Hans-Jürgen Schmidt vor seinem Haus in Fichtenwalde. Die Bergmannstracht schneiderte ihm eine Beelitzerin. Quelle:   Jens Steglich
Fichtenwalde

Am 27. Juli 1992 steht ein Saarländer im sächsischen Annaberg-Buchholz am Straßenrand und muss weinen. Bergleute biegen gerade um die Ecke und stimmen das Steigerlied an. Bei der Liedzeile „Glück auf, Glück auf, der Steiger kommt...“ kommen dem Wessi mitten im Osten die Tränen. „Es hat mich richtig ergriffen. Ich hatte Gänsehaut“, sagt Hans-Jürgen Schmidt. Der gebürtige Saarländer, der seit 2000 in Fichtenwalde lebt, war selbst Bergmann. Bei der Bergparade in Annaberg erlebt er den Moment, der sofort Nähe herstellt zu Menschen, die er vorher nie gesehen hat. Menschen, die wie er unter Tage gearbeitet haben und die mit ihm durch ein seltsames Band verbunden sind, das sie zu Gleichgesinnten macht, obwohl auch sie bis zum Mauerfall 1989 keine Ahnung voneinander hatten. Kein Zweifel: Während sich Ossis und Wessis bis heute manchmal einfach nicht verstehen können, verbindet Bergleute in Ost und West von Anfang an eine gemeinsame Sprache und ein gemeinsamer Gruß. Sie sagen: Glück auf!

Die Bildtafeln hängen bei Hans-Jürgen Schmidt im Wohnhaus in Fichtenwalde. Im Original befinden sich die Bildtafeln des spätgotischen Malers Hans Hesse auf dem Annaberger Bergaltar in der St. Annenkirche. Quelle: Jens Steglich

Im Erzgebirge, in den Straßen von Annaberg-Buchholz, empfangen den Saarländer sogar die Kinder mit dem Bergmannsgruß, obwohl er keine Bergmannstracht trägt. Als sich Hans-Jürgen Schmidt wieder gefasst hat, stellt er sich die Frage: „Warum stehe ich am Rande und laufe nicht mit?“ Er ist das letzte Mal in der Zuschauerrolle, besorgt sich die Bergmannstracht und ist fortan immer dabei – bei den Bergparaden in Annaberg und später in Brandenburg auch. Zu der Zeit weiß Schmidt freilich noch nicht, dass er eines Tages zum Begründer der Bergparaden im Land Brandenburg wird.

Später holt er die Bergparade nach Brandenburg

Nach seiner Zeit als aktiver Bergmann kommt er als Gewerkschafter der IG Bergbau in den Osten Deutschlands. In Fichtenwalde findet er mit seiner Frau ein Haus und eine neue Heimat. Damals sind in der Gegend die meisten Spuren alter Bergbau-Tradition verschwunden. In allen Revieren in Deutschland gibt es bergmannsche Landesverbände, nur in Brandenburg nicht. Schmidt ändert das und wird 2002 zum Mitbegründer des Landesverbandes Brandenburg-Berlin der Bergmanns-, Hütten- und Knappenvereine, seit 2008 ist er der Vorsitzende. Inspiriert von den Paraden im Erzgebirge holt er auch dieses Brauchtum in die Mark. Zu besonderen Anlässen gibt es seit 2010 Landesbergparaden. Und seit 2011 wird in Brandenburg, in Baruth-Glashütte, Bergmannsweihnacht gefeiert.

Ein Blick in die Steigerstube, die Hans-Jürgen Schmidt im Keller seines Hauses in Fichtenwalde eingerichtet hat. Quelle: Jens Steglich

„Wenn Bergleute sich begegnen, müssen sie nicht viel sagen. Die Bergmannstugenden gelten in allen Revieren“, sagt Schmidt und nennt die wichtigsten: „Kameradschaft, Verlässlichkeit und Solidarität.“ Entstanden sind sie durch die schwere und gefährliche Arbeit unter Tage. „Dort spielte es keine Rolle, wo jemand herkommt, welcher Religion er angehört oder welche Partei er wählt“, sagt Schmidt. Wichtig war nur: „Man muss sich auf den anderen verlassen können!“ Das ist für ihn auch ein Schlüssel zum Geheimnis, warum sich Ost- und West-Bergleute sofort verstanden haben. Dass dies so ist, merkt er schon beim ersten Besuch im Osten. Am 24. Dezember 1989 fährt er nach Thüringen. Gleich hinter der Grenze sieht er den Schriftzug: „Wir grüßen die Kali-Kumpel im Westen.“ In der Kantine trinkt er Kaffee mit Kali-Kumpeln aus dem Osten.

In der Steigerstube findet man auch eine Flasche des hochprozentigen Branntweins, der als Deputatlohn an Bergleute in der DDR ausgegeben und auch Kumpeltod genannt wurde. Quelle: Jens Steglich

An seinem Haus in Fichtenwalde ist schon außen zu sehen: Dort wohnt ein Bergmann. Über der Tür steht der Bergmannsgruß „Glück auf“, ein Metallguss aus Eibenstock im Erzgebirge. Im Vorgarten liegt eine Baggerschaufel aus dem Braunkohletagebau. Die hat er zum 60. Geburtstag geschenkt bekommen. Er musste eine Granitplatte drunter legen, damit die 850 Kilo schwere Schaufel nicht im märkischen Sand versinkt.

In Fichtenwalde richtet er eine Steigerstube ein

Der 65-Jährige hat in seinem neuen Heimatort Fichtenwalde schon einige bergmännische Spuren gesetzt. Man muss sich nur den Keller im Haus anschauen. Dort hat Hans-Jürgen-Schmidt seine Steigerstube eingerichtet. Zu sehen ist fast alles rund um den Bergbau: Grubenlampen, Bergmannsfiguren, Mineralien wie Eisenerz, Zink oder Steinkohle und bergmännisches Werkzeug wie einen Abbauhammer. „Wer mit dem Hammer gearbeitet hat, brauchte kein Fitnessstudio“, sagt er. Zum Fichtenwalder Sommerfest öffnet er seit zwei Jahren die Steigerstube für Besucher. Und in der Grundschule hat er bei einem Projekt, das sie „Schätze der Erde“ nannten, den Kindern erklärt, warum es ohne Bergleute keine Handys gebe. Schließlich holen sie Rohstoffe wie Kupfer oder Seltene Erden aus dem Boden. Die Kinder haben ihm im Gegenzug ein „Ehrenarschleder“ mit ihren Autogrammen geschenkt. „Arschleder“ schützten den Hosenboden des Bergmanns und ihn vor Nässe und Kälte. Das Fichtenwalder Exemplar mit den Kinderautogrammen hängt jetzt auch in der Steigerstube.

In der Steigerstube sind die Regale voll mit allem, was es rund um den Bergbau so gibt. Quelle: Jens Steglich

Als Schmidt nach Fichtenwalde zog, hatte er nicht erwartet, Bergleute zu treffen. Der Zufall wollte es anders: „Der erste Zeitungsausträger, der uns die MAZ ins Haus brachte, war ein ehemaliger Bergmann aus dem Erzgebirge.“

„Bergmänner sind bodenständige Leute, die Small-Talk nicht mögen“, so Schmidt. Treffen sich zwei, löst sich aber jede Scheu vor dem Unbekannten in Luft auf. Schmidt ist 2001 bei der Verabschiedung eines Betriebsratsvorsitzenden zufällig Bernd Schröder begegnet. Wie sich herausstellte, war der Trainer des Frauenfußballteams von Turbine Potsdam früher selbst Bergmann. Schmidt wollte nicht lange bleiben. „Allein das Gespräch mit Schröder dauerte dann eine Stunde“, erzählt er.

Bergmannsweihnacht in Brandenburg

Zum neunten Mal findet am 1. Dezember ab 12 Uhr im Land Brandenburg eine Bergmannsweihnacht statt.

Schauplatz ist jedes Jahr Baruth-Glashütte. Zur noch jungen Tradition in der Mark gehört auch immer eine Bergparade, zu der etwa 150 Bergleute erwartet werden.

Es gibt zudem ein Bühnenprogramm und es wird gesungen – zum Beispiel das Steigerlied.

„Seit Einführung der Bergmannsweihnacht 2011 haben wir jedes Jahr mehr Besucher“, sagt Hans-Jürgen Schmidt.

Von Jens Steglich

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