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Potsdam-Mittelmark „Beide haben kommen sehen, was da passiert“
Lokales Potsdam-Mittelmark „Beide haben kommen sehen, was da passiert“
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09:19 19.01.2018
Frontal und ungebremst raste der Wagen gegen den Baum. Quelle: Julian Stähle
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Saarmund

Ein Auto, ein Baum, zwei Menschen, denen bis zum Aufprall noch zwei Sekunden bleiben, vielleicht weniger. Beide haben den Sicherheitsgurt angelegt. Beide stemmen sich im letzten Augenblick mit den Händen aufs Armaturenbrett, als könnte sie den Stoß abfangen. Die Airbags lösen aus. Knochen brechen. Auf dem Beifahrersitz hört ein Herz auf zu schlagen.

Wie schmal der Grat zwischen Leben und Tod ist, zeigt der Unfall, der sich am ersten Weihnachtstag 2015 auf der L 77 zwischen Güterfelde und Saarmund zugetragen hat und nun das Potsdamer Landgericht beschäftigt. Den fünften Verhandlungstag bestimmen zwei Expertisen. Rechtsmediziner Jörg Semmler stellt die Ergebnisse der Obduktion des Leichnams von Anna A. (57) vor. Der Kfz-Sachverständige Karsten Laudien rekonstruiert den Unfallhergang, über den der wegen Mordes angeklagte Michael A. nicht viel sagen kann – außer dass er unmittelbar vor dem Crash eine Bewusstseinsstörung gehabt und gesehen habe, wie drei Feuervögel auf das Auto zufliegen. Einer der Vögel habe ihm mitteilen wollen, dass er bremsen müsse. Vielleicht, so A., habe das aber in Wahrheit ja seine Frau neben ihm gesagt.

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Experte schließt Bewusstlosigkeit und Sekundenschlaf aus

„Du musst bremsen!“ – auch Jörg Semmler sagt diesen Satz. „Etwa zwei Sekunden braucht man dafür.“ An die vier Jahrzehnte arbeitet Semmler nun schon als Rechtsmediziner. Die Verletzungen, die Anna A.s Körper zeigte, seien typisch für „eine Kollision mit einem Baum – ein Fall wie wir ihn sehr häufig haben in unseren Obduktionssälen“. Die Brüche und Verletzungen an Händen und Unterarmen, die ähnlich auch Michael A. davongetragen habe, seien aufs Abstützen vor dem Aufprall zurückzuführen. Semmler ist sicher: „Beide haben kommen sehen, was da passiert. Jeder, der bei Bewusstsein ist, würde so reagieren – diese Verletzungen wären beim Angeklagten nicht entstanden, wenn er bewusstlos gewesen wäre. Auch nicht bei Sekundenschlaf. Bewusstlosigkeit heißt immer totale Erschlaffung. Der Körper hat dann auch seine Schutzreflexe verloren.“

Wie in so vielen Fällen traf es die Beifahrerin schwerer: Anna A. erlitt Rippen-, Brustbein- und Brustwirbelsäulenbrüche und innere Verletzungen, die auf die Gewalt zurückzuführen sind, mit der sie abrupt in den Gurt gepresst wurde. Sie sei so schwer verletzt gewesen, dass kein Arzt der Welt sie hätte retten können. „Aber es gibt das Gegenbeispiel“, sagt Semmler, „den Fahrer.“ Auch Michael A. habe schwere Verletzungen davongetragen, etwa eine Herzprellung. „Er hätte durchaus sterben können: Wäre sein Herzmuskel im Moment des Aufpralls angespannt gewesen, wäre das Herz einfach geplatzt.“

Keine ruckartigen Lenkbewegungen – kein Ausweichmanöver

Ob Michael A. bei vollem Bewusstsein war, als er das Auto gegen den Baum fuhr, kann Karsten Laudien, Sachverständiger zur Aufklärung von Verkehrsunfällen, nicht sagen. Aber er macht die Unfallursache „in einem Reaktionsausfall des Fahrers“ aus. „Er hat nichts getan, das dem Abkommen von der Fahrbahn entgegenwirkt, er hat die oft instinktive Lenkkorrektur zum Halten der Fahrbahn nicht eingeleitet.“ Ungebremst und nahezu frontal sei das Auto mit 90 bis 100 Stundenkilometern auf den Baum geprallt. Ruckartige Lenkbewegungen – wie etwa beim Ausweichmanöver bei einem plötzlich auftretenden Hindernis – schließt der Gutachter aus: „Das Fahrzeug ist ganz allmählich von der Fahrbahn abgekommen – an welchem Punkt das begann, ist nicht zu sagen, da keine Spuren vorhanden sind.“ Er schätze, dass das Auto 30 bis 50 Meter vor dem Baum die gerade Bahn verließ. Aufs Tempo gerechnet dauerte es demnach bis zum Crash etwa anderthalb bis zwei Sekunden.

Die leicht geneigte Böschung rechts neben der Straße mag den Kurs des Autos zwar begünstigt haben. „Der Fahrer hätte das Gefälle durch Gegenlenken aber locker ausgleichen können.“ Auch technische Probleme schließt der Experte aus. Die Erstzulassung des Kleinwagens datiert auf den 23. Dezember 2014 – das Auto war also gerade einmal ein Jahr in Betrieb, sein technischer Zustand gut.

Die Verhandlung wird am Dienstag, 23. Januar fortgesetzt.

Von Nadine Fabian