Nach den Grabräubern beginnt das Aufräumen in der Golzower Rochow-Gruft
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Brück Nach den Grabräubern beginnt das Aufräumen in der Golzower Rochow-Gruft
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13:09 27.08.2019
Ein Sarg aus der Golzower Rochow-Gruft wird vom Staub der Jahrhunderte befreit. Die Wiederherstellung einer würdevollen Totenruhe mit Hilfe von Spenden und Fördermitteln soll im kommenden Jahr abgeschlossen sein. Quelle: Privat
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Golzow

Als Erstes sah der Pfarrer ein Skelett. Oliver Notzke kann sich noch gut an seinen Abstieg in die Kirchengruft erinnern. Särge waren aufgebrochen, einigen Leichnamen hatte man die Köpfe abgetrennt. Im Chaos fanden sich zerrissene Kleider von Kinderleichen. Irgendwer muss sich mit einer Blechschere an einem Kupfersarkophag zu schaffen gemacht haben – ein Wappen ist herausgeschnitten.

Viele Unterstützer gefunden

„Der unwürdige Zustand war schockierend, brachte aber einen Stein ins Rollen“, erinnert sich der für Golzow zuständige Seelsorger. Pfarrer und Kirchengemeinde wollen die würdevolle Totenruhe der Adelsfamilie von Rochow wiederherstellen. „Zum Glück haben wir viele Unterstützer gefunden“, so Notzke. Allein aus dem Denkmalschutz-Sonderprogramm des Bundes bekam die Evangelische Kirchengemeinde Golzow-Planebruch 50 000 Euro. Rückendeckung gibt es für den Erhalt der Grablege auch vom Landesdenkmalamt und der Unteren Denkmalschutzbehörde des Landkreises.

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Dieser Anblick bot sich bei der Erstbegehung der Gruft. Quelle: Forschungsstelle Gruft

Professionelle Hilfe bei der Umsetzung der Pläne holt sich die Kirchengemeinde bei Regina und Andreas Ströbl. Die Kunsthistorikerin und der Archäologe aus Lübeck gehören zu den namhaften Gruftforschern in Deutschland, die zusammen mit Metall- und Holzrestauratoren schon zahlreiche geschundene Ruhestätten wissenschaftlich aufbereitet und würdig präsentiert haben. Vor zahlreichen Zuhörern in der Golzower Kirche zog das Ehepaar ein erstes Fazit über die angelaufenen Rettungsmaßnahmen, die sich noch bis in das kommende Jahr erstrecken werden.

Keine museale Nutzung

Insgesamt geht es um 28 wertvolle Särge des 17. bis 19. Jahrhunderts, die hauptsächlich Ende der 1960er bis Anfang der 1970er-Jahre Vandalismus und Grabräuberei zum Opfer fielen. „An jedem Sarg hängen Tränen. Gemeinsam wollen wir dafür sorgen, dass der Frieden in die Gruft zurückkehrt“, versicherte Andreas Ströbl den Golzowern. Dabei ginge es insbesondere um eine würdige Präsentation der Grablege ohne eine museale Nutzung. Geschlossene Särge würden auch verschlossen bleiben.

Die Golzower Kirche wurde auf einem künstlich aufgeschütteten Hügel errichtet und 1752 eingeweiht. 28 Särge der Familie von Rochow befinden sich in der Gruft unter dem Kirchenboden. Quelle: Frank Bürstenbinder

Soweit überliefert, sollen sich Schüler vor rund 50 Jahren an der letzten Ruhestätte der Rochows vergangen haben. „Wir können und wollen heute niemanden für die Untaten belangen“, sagte Archäologe Ströbl. Sein Aufruf an die Golzower: „Wer Sargbeigaben, Beschläge oder Skelettreste in seinem Besitz hat, möge diese Dinge zurückbringen.“ Pfarrer Notzke kündigte die Aufstellung einer Kiste im Pfarrhaus an, wo mögliche „Fundstücke“ anonym abgelegt werden können.

Die Kirchenstifter Friedrich Wilhelm von Rochow und Henriette Sophia von Rochow geb. Katte sind mit Gemälden an der Patronatsloge verewigt. Quelle: Frank Bürstenbinder

Mittlerweile wurden erste Särge von Helfern wie Dieter Krause und Fritz Krüger, um nur einige Männer zu nennen, aus der Gruft geborgen und vom Staub der Jahrhunderte befreit. Außerdem gab es eine Aufräumaktion, um das Durcheinander in der Gruft zu beenden, und eine wissenschaftliche Aufarbeitung zu ermöglichen. „Alle offen herumliegenden Skelettteile werden ihren nach Zeitepochen geordneten Särgen zugeordnet“, berichtete Kunsthistorikerin Regina Ströbl. Gearbeitet wird nur mit Atemmaske, denn lebensgefährliche Pilze könne in Grüften zu einer lebensbedrohlichen Gefahr werden.

Helfer aus Golzow helfen bei den Aufräumarbeiten. Quelle: Forschungsstelle Gruft

Beim Start in die Sanierung der Gruft wurden einige interessante Entdeckungen gemacht. Diese reichen vom Werkzeug, das beim Aufbrechen der Särge zurückgeblieben war, über Schachteln von der in der DDR vertriebenen Zigarettensorte „BT“, bis hin zu einem Hühnerei. Historisch interessanter sind jedoch die erstaunlich gut erhaltenen Sargbeschläge, von denen einige den Ornamenten an herrschaftlichen Särgen derer von Schulendorf und Schlabrendorf im Brandenburger Dom gleichen. Für Archäologe Ströbl ein frühes Beispiel von „Reihenproduktion“, weil offenbar die selben Stanzen verwendet wurden.

Sarg des Daniel von Rochow. Quelle: Forschungsstelle Gruft

Besonders reich mit Ruhmeszeichen verziert ist der Sarg von Daniel von Rochow (1684-1735). Harnisch, Trommel und Fahne schmücken seine Ruhestätte. Aus einer Vorgängergruft stammt offensichtlich ein Zinn-Bleisarg, der nicht in die Zeit der Barockkirche passt. Aufgebrochen war auch ein Sarg mit einem weiblichen Leichnam, der in ein prachtvolles Kleid (um 1730) gehüllt ist. Erwähnenswert ist ebenso eine Mütze aus rotem Samt, die mit Silberfäden bestickt ist. Gefunden wurde ein Handglöckchen, das vielleicht vor einer Scheintod-Bestattung schützen sollte.

Andreas und Regina Ströbl koordinieren die Wiederherstellung der Golzower Rochow-Gruft. Quelle: Forschungsstelle Gruft

Auch die Stifter der Kirche wurden in der Gruft beigesetzt: Friedrich Wilhelm von Rochow und Henriette Sophia von Rochow. Er starb 1759 nur elf Tage nach ihr. Übersehen haben Grabräuber ein Eisernes Kreutz am sogenannten Nichtkämpferband, dass die Fachleute Rochus von Rochow (1762-1828), der krankheitsbedingt nicht an den Befreiungskriegen in der Franzosenzeit teilnehmen konnte, zuordnen.

Viele Fragen sind noch zu klären: Einige Geheimnisse der Gruft, die sich unter dem Kirchenboden befindet, werden wohl nie gelüftet. Beim Tag des offenen Denkmals 2020 soll sich die Öffentlichkeit selbst ein Bild vom sanierten Zustand der Rochowschen Ruhestätte machen können.

Von Frank Bürstenbinder