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Potsdam-Mittelmark Der Ausstellungsmacher
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12:43 01.02.2018
Siegfried Jahn ist auch Sammler von Werken von Malern, die in Bergholz-Rehbrücke lebten. Im Hintergrund sind Bilder von Magda Langenstraß-Uhlig zu sehen.
Siegfried Jahn ist auch Sammler von Werken von Malern, die in Bergholz-Rehbrücke lebten. Im Hintergrund sind Bilder von Magda Langenstraß-Uhlig zu sehen. Quelle: Jens Steglich
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Bergholz-Rehbrücke

Angefangen hat alles mit einem alten Berliner Telefonbuch, das ihm zufällig in die Hände fiel. Im Telefonbuch aus den 1930er Jahren gab es auch zwei Abschnitte zu Potsdam und Bergholz-Rehbrücke. Kunstfreund Siegfried Jahn schaute den Bergholz-Rehbrücker Teil durch und entdeckte eine Menge Maler, Schriftsteller und Wissenschaftler, die in seinem Heimatort gelebt haben. Egbert Patzig zum Beispiel, der realistische Expressionist, oder der Landarzt und Maler Walther Partke, der unter anderem mehr als 1000 Skizzen und Zeichnungen aus der Zeit des Ersten Weltkriegs hinterließ.

Im alten Telefonbuch standen auch die Bauhausabsolventin Magda Langenstraß-Uhlig und der begnadete linke Karikaturist Karl Holtz. Gäbe es heute ein Buch, in dem Bergholz-Rehbrückes Kunstausstellungen der vergangenen 20 Jahre aufgeführt sind, dann würde man schnell merken: Die Künstler, die im besagten Telefonbuch zu finden waren, haben später fast alle eine Ausstellung in ihrem einstigen Wohnort bekommen.

Zu verdanken ist das zum großen Teil Siegfried Jahn, auch wenn er das selbst nie so sagen würde. Der 69-Jährige ist der Ausstellungsmacher von Bergholz-Rehbrücke. Er hat seinen Anteil daran, dass seine Heimat ein kulturvoller Ort ist, redet aber nicht groß darüber. Siegfried Jahn gehört zu jenen selten gewordenen Zeitgenossen, die das Rampenlicht meiden und gern im Hintergrund agieren. Bei der Vernissage mag er das Gespräch danach mehr als die Eröffnungsrede.

Bergholz-Rehbrücke ist eher zufällig seine Heimat geworden. Mutter und Vater heiraten 1944 noch in Kriegszeiten und verlieren sich danach aus den Augen. Der Vater gerät in britische Kriegsgefangenschaft, die Mutter lässt ihren Mann nach dem Krieg vom Deutschen Roten Kreuz suchen und findet ihn in Bergholz-Rehbrücke wieder.

So kommt es, dass aus Siegfried Jahn ein Bergholz-Rehbrücker wird und ein Sammler von Werken von Malern aus seinem Heimatort. In jungen Jahren will er eigentlich Dekorateur werden. Das klappt aber nicht. Der introvertierte junge Mann lernt den Beruf des Gärtners, um danach zu dem Schluss zu kommen, dass es auf Dauer nicht gut für ihn wäre, sich nur mit Pflanzen zu unterhalten. Siegfried Jahn verordnet sich ein Kontrastprogramm und wechselt ins Hotelgewerbe. Er fängt im Hotel Schloss Cecilienhof in Potsdam an und studiert später an der Fachschule für Gaststätten- und Hotelwesen.

Nach seiner Rückkehr wird er Empfangsleiter im Schlosshotel, in dem zu DDR-Zeiten auch West-Promis zu Gast sind – Schauspielerin Lilli Palmer zum Beispiel oder Kurt Waldheim, von 1972 bis 1981 Generalsekräter der Vereinten Nationen und später Bundespräsident Österreichs. Beim Staatsbesuch Waldheims spielte das angestammte Hotelpersonal keine große Rolle. Für Waldheim wurde so etwas wie eine Scheinkulisse aufgebaut. „Im Nachhinein wurde bekannt, dass auch Spaziergänger Stasileute waren“, erzählt Jahn. Abseits der Staatsbesuche wurde das Schlosshotel auch zur Kulturadresse, die für alle offen stand. Unter Hotelchef Werner Wienert boten sie die „Blaue Stunde“ an, die für den Übergang vom Tag zur Nacht steht. Siegfried Jahn organisierte den kulturellen Teil der „Blauen Stunde“, in der es Vorspeise, Hauptmenü, Dessert und vor allem Gespräche mit Schauspielern, Sängern und bildenden Künstlern gab. Der Wechsel aus der Gärtnerei ins Hotelwesen „war, wenn man so will, eine selbstverordnete Therapie“, sagt Siegfried Jahn. Nach dem Sprung ins kalte Wasser zeigt sich schnell: Der zurückhaltende Mann hinterm Hoteltresen ist einer, der mit Menschen zurechtkommt und Gespräche führen kann – einer, der sich in der Kunst- und Kulturszene auskennt und auch in Adelshäusern. Kurzum: Eine Idealbesetzung für den Hotelempfang.

Gleiches kann getrost über seine Rolle als Ausstellungsmacher gesagt werden. Für Bilderausstellungen in Bergholz-Rehbrücke betreibt er großen Aufwand, recherchiert in Archiven und geht auch schon mal auf Reisen. 2001 fährt er nach Süddeutschland, um eine Ausstellung über den Maler und Grafiker Arthur Julius Barth vorzubereiten, der einst in der Königlichen Porzellanmanufaktur Meißen begann und später, 1914, als freier Künstler nach Rehbrücke zog. Siegfried Jahn besucht in Süddeutschland die Nachkommen von Barth. Auf der Rückfahrt sitzt er mit einem Riesenpaket voller Bilder von Arthur Julius Barth im ICE, um den Menschen in Bergholz-Rehbrücke Werke des einstigen Bewohners zeigen zu können.

Früher habe ihn angetrieben, von ihm Erforschtes an die Öffentlichkeit zu bringen, sagt Siegfried Jahn. Und was treibt ihn heute, im beruflichen Ruhestand, an? „Die Furcht, in Müßiggang zu verfallen.“

Aktuelle Ausstellung ist bis Ende Mai zu sehen

Die aktuelle Ausstellung, die Siegfried Jahn organisierte, ist im Nuthetaler Verwaltungshaus in der Arthur-Scheunert-Allee zu sehen.

Gezeigt werden Grafiken und Zeichnungen von Karl Holtz, der von 1932 bis zu seinem Tod im Jahr 1978 in Bergholz-Rehbrücke lebte.

Die Ausstellung kann bis Ende Mai zu den Öffnungszeiten der Gemeindeverwaltung angeschaut werden. Danach wird dort eine Fotoausstellung zu sehen sein – mit Bildern zum 15-jährigen Bestehens der Gemeinde, die Nuthetaler von ihrer Heimatgemeinde geschossen haben.

Siegfried Jahn hatte vor einiger Zeit auch einen Kalender mit eigenen Fotos von Bergholz-Rehbrücke herausgegeben, die es im früheren Schreibwarenladen von Sabine Schultz zu kaufen gab. Er erarbeitet für den Förderverein des Potsdam-Museums auch ein digitales Werksverzeichnis von regionalen Künstlern.

Elvira Schmidt, Vorsitzende der Nuthetaler Gemeindevertretung, sagt über ihn: „Er ist so was von fachkundig. Ich sage ein Wort, worüber ich noch nachdenke, und am nächsten Tag kommt die Mail von Siegfried Jahn und alle Fragen sind beantwortet.

Von Jens Steglich

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