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Potsdam-Mittelmark Das fordern die Landfrauen von der Politik
Lokales Potsdam-Mittelmark Das fordern die Landfrauen von der Politik
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11:51 16.08.2019
Silvia Wernitz und Petra Müller (r.) von den Kreislandfrauen Potsdam-Mittelmark. Quelle: Marion von Imhoff
Ragösen

Landfrauen kochen Marmelade und häkeln Topflappen. So ist das Klischee. Tatsächlich aber sind die Kreislandfrauen von Potsdam-Mittelmark längst eine politische Größe in der Region. Von den 296 Mitgliedern haben 15 Frauen in diesem Jahr für unterschiedliche Parteien um ein politisches Mandat kandidiert. Was fordern die Landfrauen von Politikern? Das berichten die Vorsitzende Petra Müller und Silvia Wernitz.

MAZ: Wann haben die Landfrauen begonnen, sich aktiv in die Politik einzumischen?

Petra Müller: Als sich die Landfrauen vor 27 Jahren gegründet haben, ging es darum, arbeitslose Frauen aus der Landwirtschaft aufzufangen. Wir dachten, wir könnten sie über Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen beschäftigen und schulen, aber dafür waren wir zu klein. Eigentlich haben wir uns aber immer politisch geäußert.

Gegen Schließung Geburtsstation

Silvia Wernitz: Auf Kreisebene auf jeden Fall. Etwa als 2015 die Geburtsstation in Bad Belzig geschlossen wurde. Dagegen haben wir uns positioniert.

Was fordern Sie?

Müller: Es klingt wie eine Floskel, aber darum geht es: gleichwertige Lebensbedingungen in Stadt und Land. Da muss nicht jede Stunde ein Bus fahren, es fahren ja nur wenige mit. Aber es sollten Ideen entwickelt werden, die das Leben auf dem Lande für alle lebenswert machen. Da ist es einfach wichtig, dass die Politiker mit den Menschen vor Ort reden. Und zwar nicht nur im Wahljahr.

Petra Müller (r.) bei einem Forum der Landfrauen im Schloss Reckahn mit Politikerinnen aus dem Landkreis Potsdam-Mittelmark. Quelle: HEIKE SCHULZE

Wernitz: Breitbandausbau, Daseinsvorsorge. Ein Ort wie Golzow mit Schule, Kita, Ärzten und Geschäften zeigt, es gibt keinen Wegzug. Wir fordern von unseren Politikern, dass sie den ländlichen Raum im Fokus haben.

Mehr Geld für ländliche Schulen

Was meinen Sie konkret?

Wernitz: Ich war 2018 Mitglied im Bildungsausschuss. Wenn ich mir eine Schule in Kleinmachnow anschaue und dann die Golzower, ist ein großer Unterschied zu sehen. In Kleinmachnow ist für Schulen viel mehr Geld da. Das bedeutet auch einen Unterschied in den Lebensverhältnissen.

Golzow lebt mit Haushaltssicherungskonzept, jede Investition in die Schule kostet die Gemeinde viel Kraft. Weiterführende Schulen in Kleinmachnow etwa werden vom Landkreis betrieben.

Wernitz: Man muss die Kommunen, die Schulträger sind, stärken. Es muss mehr Geld in den ländlichen Raum fließen.

Für das Ehrenamt mehr Rente

Müller: Wichtig wären Zuschüsse für Fahrten Ehrenamtlicher. Außerdem müsste die Arbeit unbürokratischer werden. Es muss für Ehrenamtliche machbar sein, die Anträge zu stellen. Gleitarbeitszeit für Ehrenamtliche wäre gut, dass sie an Veranstaltungen abends mit langen Anfahrtswegen teilnehmen können. Und das Ehrenamt muss besser gewürdigt werden. Kostenlose Busfahrten nutzen wenig, wenn abends keine Busse mehr fahren. Für das nachgewiesene Ehrenamt könnte es einen Rentenpunkt mehr geben. Wir fordern auch die Anerkennung der Erziehungszeiten bei der Rente unabhängig von den Geburtsjahren der Kinder.

Die Landfrauen von Potsdam-Mittelmark

Die Landfrauen setzen sich für Bildung, soziales Engagement, Jugendliche, gesundheitliche Aufklärung, finanzielle Vorsorge, Altenpflege, Kultur und Sport ein. In der Geschäftsstelle in Ragösen gibt es mit Kornelia Hurttig eine ehrenamtliche Geschäftsführerin.

Die Landfrauen Potsdam-Mittelmark haben sich 1992 gegründet. Es gibt 13 Ortsgruppen. Zu den fast 300 Mitgliedern gehören auch rund 20 Männer. Der Verein trommelt regelmäßig Politiker zu Diskussionsforen zusammen. Das Motto des Brandenburger Landfrauenverbandes lautet: „Ehrenamtlich. Politisch. Engagiert.“

Petra Müller ist 63 Jahre alt Diplom-Agraringenieurin und lebt seit 1984 in Reckahn. Sie ist Vorsitzende des Kreislandfrauenverbandes Potsdam-Mittelmark.

Silvia Wernitz ist Geschäftsführerin des Kreisbauernverbandes Potsdam-Mittelmark. Die 59-Jährige lebt in Cammer und ist Diplom-Agraringenieurin.

Wie geht es älteren Menschen auf dem Land?

Wernitz: In einigen Dörfern stehen die Menschen zusammen und helfen so Älteren, nicht zu vereinsamen. Dahinter stehen Ehrenamtler, die sich kümmern. Viele Kommunen haben das erkannt, schaffen kleine Zentren als Orte der Begegnung.

Landesweiter Tag der Vereine

Müller: Die gemeinnützige Vereinen kostenlos nutzen können. In Golzow ist das Bürgerhaus fertig. Das wurde mit öffentlichem Geld gebaut. Es kostet uns Landfrauen 20 Euro, uns dort zu treffen. Das ist nicht die Welt, aber es kann so etwas erschweren. Aber ich bin dankbar, dass wir dort hineindürfen. Man könnte doch landesweit auch einen Tag der Vereine schaffen, um sich auszutauschen, etwa wie man eine erfolgreiche Öffentlichkeitsarbeit macht.

Silvia Wernitz ist Expertin für Landwirtschaft in Potsdam-Mittelmark. Quelle: Marion von Imhoff

Dorfkümmerer für ganz Brandenburg

Wernitz: Es müsste einen Dorfkümmerer auf Landesebene geben.

Müller: Ein Traum von mir wäre Seniorenbetreuung auf Dorfebene, damit ältere Menschen nicht in die Stadt ziehen müssen. Betreutes Wohnen in kleinen Einheiten auf den Dörfern. Man sieht da vier, fünf Pflegedienste durch das Dorf fahren morgens und abends.

Wernitz: In vielen Dörfern gibt es leer stehende Gaststätten. Da könnte man etwas draus machen über Fördermittel und Leute finden, die den Mut haben, diesen Schritt zu stehen. Warum kriegt man keine Wohngemeinschaft hin, wo der Dienst in eine Wohnung fährt, statt zu vier Menschen in vier Häusern. Das wäre für die Kassen auch günstiger.

Müller: Gemeindeschwestern wären gut. Jetzt sind Altenpfleger ja mehr auf der Straße unterwegs als bei ihren Klienten.

Seniorentreffs als Pflichtaufgabe

Sollten solche Begegnungsorte für Senioren Pflichtaufgaben werden für Kommunen?

Müller: Man kann es mit Kitas vergleichen, die ja Pflichtaufgaben sind. Wenn eine berufstätige Frau sich auch um ihre pflegebedürftigen Eltern kümmern muss, für die wäre das auch eine unwahrscheinliche Erleichterung.

Es gibt ein Dorf in Potsdam-Mittelmark, in dem in einer Straße in jedem Haus mittlerweile eine verwitwete Frau ganz allein lebt. Es ist wie eine Straße der Witwen.

Wernitz: Wenn sie nicht so mobil ist, kommt sie dann vielleicht nicht mehr heraus. Es ist eine Vereinsamung da.

AfD will Frauenrechte beschneiden

Müller: Man kann es nicht verordnen und manches ist über Nachbarschaftshilfe organisiert.

Was sagen die Landfrauen zum Zulauf der Rechtspopulisten?

Müller: Ich glaube, die AfD wird aus Protest gewählt. Die meisten kennen deren Wahlprogramm gar nicht. Da stehen auch frauenfeindliche Positionen drin, wenn es um gleichgeschlechtliche Ehen geht oder Abtreibung. (Die AfD wendet sich in ihrem Wahlprogramm gegen Abtreibung und will das Recht dazu deutlich einschränken als „absolute Ausnahme“, Anm. d. Red.) Das sind Rechte, die alle selbstverständlich sind heutzutage, aber wenn die AfD das Sagen kriegen würde, geht doch einiges gegen die Selbstbestimmung der Frauen.

Wie ist die Lebenssituation 30 Jahre nach der Wende auf dem Land?

An die Adresse der Politiker

Müller: Wir sind ja fast schon Speckgürtel, hier sind nicht so viele weggegangen. Da sieht es in der Uckermark anders aus. Wir sind gut dran. Unsere Kinder können wählen, ob sie nach Brandenburg, Bad Belzig oder Lehnin zur Schule gehen. Und der Landkreis übernimmt die Fahrtkosten. Bei uns muss man mit den Lebensverhältnissen nicht unzufrieden sein, aber wir müssen auch dafür sorgen, dass es so bleibt. Und das sage ich an die Adresse der Politiker.

Wernitz: Es ist ein Auf und Ab zu spüren. Beispiel Niemegk: Es war nach der Wende dort besser geworden, jetzt geht es wieder zurück. Das liegt daran, dass wir nicht genug Menschen finden, die bereit sind, dort Handwerksbetriebe und Geschäfte weiterzuführen. Fachkräftemangel spiegelt sich hier auch in Lebensqualität wieder. Man kriegt kein Bauunternehmen mehr. Und das ist erst der Anfang, es wird noch schlimmer. Da hat man schon etwas verschlafen. Politik könnte da vielleicht steuern. Tariferhöhungen im Öffentlichen Dienst machen es für die Unternehmen am Markt schwieriger. Der Öffentliche Dienst hat mehr Geld, mehr Urlaub, was die freie Wirtschaft nicht bieten kann, schon gar nicht, wenn Leute fehlen.

Betriebe auf Dörfern gefährdet

Wird es die wirtschaftliche Vielfalt auf dem Land in zehn Jahren noch geben?

Wernitz: Jetzt kommen einige wieder zurück in ihre Dörfer, doch wenn Betriebe aufhören, geht es auch wieder rückwärts. Das ist das Auf und Ab. Menschen und Betriebe würden sich ansiedeln, wenn schnelles Internet da wäre, genügend Bauland. Es gibt viele innovative Sachen, die man auch im ländlichen Raum machen könnte, nicht nur von Berlin und Potsdam aus.

Wie kann man da gegensteuern? Ist der Landesentwicklungsplan zu starr, der Neubauflächen beschränkt?

Mehr Bauland auf dem Land

Wernitz: Wenn man sieht, in einem Ort könnte sich etwas Gutes entwickeln, wäre es wichtig, dies nicht zu blockieren und Vorgaben nicht zu restriktiv umzusetzen.

Im Moment baut, wer kann. Was bedeutet das für Dörfer? Haben Sie das Nachsehen, wenn sie kein Bauland mehr schaffen dürfen?

Müller: Nach Falkensee sind zu viele Menschen gezogen, 20 Kilometer weiter ist das Bauland günstiger und die Infrastruktur und die Schulen könnten Zuzug es vielleicht besser verkraften.

Gibt es eine Wahlempfehlung von den Landfrauen?

Müller: Nein, aber den Aufruf, demokratische Parteien zu wählen und überhaupt zur Wahl zu gehen. Und zu schauen, wer tritt für die Interessen der Frauen und des ländlichen Raumes ein. Ich kann nicht sagen, wählt SPD, wählt CDU oder die Grünen. Ich sage auch nicht, wählt nicht AfD, aber überlegt es euch. Ich habe mich tierisch gefreut, als mir zwei Frauen erzählt haben, sie seien nach Jahren wieder zu einer Wahl gegangen. Gut, mein Dorf Reckahn hat immer noch eine niedrige Wahlbeteiligung. Ich sage gern, nehmt jemanden mit, dann verdoppelt sich die Wahlbeteiligung.

Wenige Frauen in der Politik

In Potsdam-Mittelmark und in der Stadt Brandenburg gibt es drei Mal so viele Männer bei den Direktkandidaten für die Landtagswahl als Frauen. Warum gibt es so wenig Frauen in der Politik?

Wernitz: Die, die ehrenamtlich aktiv sind, engagieren sich meist nicht an einer Front, sondern haben gleich mehrere ehrenamtliche Aufgaben, sodass man dann sagt, irgendwann muss ich Zeit für die Familie haben.

Müller: Die meisten Frauen sind doppelt belastet mit Job, Familie und vielleicht pflegebedürftigen Eltern und haben einfach nicht die Zeit. Zudem sind Frauen häufig bescheidener als Männer, drängeln sich nicht so, sind zurückhaltender.

Von Marion von Imhoff

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