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Potsdam-Mittelmark Der fast vergessene Schriftsteller
Lokales Potsdam-Mittelmark Der fast vergessene Schriftsteller
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07:10 03.08.2017
Klaus Nichelmann wahrt das Gedenken an seinen Vater, den Schriftsteller Walter Nichelmann. Quelle: Foto: Th. Wachs
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Schlalach

Walter Nichelmann sucht man im Schriftstellerlexikon und in anderen Nachschlagewerken vergeblich. Der literarisch interessierte Holzschleifer und Milchprüfer, der sich in der zweiten Lebenshälfte in der DDR zum Schriftsteller entwickelte und auch Mitglied des Schriftstellerverbandes der DDR war, konnte jedoch bei seinem Tod vor 25 Jahren auf drei veröffentlichte Prosaschriften verweisen.

Nichelmann thematisierte in seinen Büchern seine Erlebnisse an Wohnhorten der Familie in der Uckermark und im Fläming mit einem hohen Wiedererkennungswert für den Leser. Aber er erreichte trotzdem keine größere überregionale Bekanntheit. Inzwischen ist er in der Broschüre „Schriftsteller des Bezirkes Potsdam“ enthalten. Sein Buch „Ein Krämer kam ins Dorf“, sein Hauptwerk, ist im Internet- Buchhandel im Angebot.

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Der fast vergessene Schriftsteller wurde am 3. März 1911 in Berlin geboren. Sein Vater arbeitete bei der Straßenbahn, erbte dann einen Bauernhof in Schlalach und zog mit seiner Familie auf das Erbe. Fortan stand die Landwirtschaft als Haupterwerb im Mittelpunkt und Sohn Walter musste tüchtig mit zupacken. Aber das war wohl auf Dauer für den jungen Mann keine Perspektive. Er suchte sich im Erwachsenenalter eine Arbeit in einer Polsterfabrik in der Region und wurde 1937 Kontrollassistent des uckermärkischen Herdbuchverbandes mit Sitz in Prenzlau.

Nichelmann war faktisch ein Milchprüfer und hatte nun ein Einkommen, das ihm die Heirat erlaubte. Er arbeitete fleißig, konnte sich in eine Wohnung in der Nähe von Prenzlau leisten und träumte mit seinem literarischen Interesse immer von eigener Prosa. Dazu machte er Aufzeichnungen. Parallel wurden seine beiden Söhne geboren. Dann kam der II. Weltkrieg. Nichelmann wurde Soldat, überlebte in sowjetischer Kriegsgefangenschaft und wurde Ende 1945 entlassen. Nun begann ein neuer Lebensabschnitt.

Nichelmann bekam in Belzig Arbeit, war von dort aus zuständig für die Molkereien der Kreisstadt sowie für die Abgabestellen in Brück, Treuenbrietzen und Wiesenburg. Er holte seine Familie nach und begann in der Freizeit mit dem Schreiben. Nichelmann wollte sich seinen Traum erfüllen. Nachdem er eine alte Schreibmaschine erworben hatte, brachte er oft bis tief in die Nacht seine Texte zu Papier. Das Klappern der Maschine gedieh für die Familie buchstäblich zum Schlaflied. Es war ein mühevoller Prozess, bis der erste Band abgeschlossen werden konnte. 1958 erschien das Buch „Ein Krämer kam ins Dorf“.

Nichelmann verknüpfte real Erlebtes mit fiktiven Überlegungen zu einem stimmungsvollen Roman, der die Verhältnisse auf einem typischen Gutshof mit all seinen Spannungen spiegelt. Der Roman wurde ein Erfolg, erlebte mehrere Auflagen und wurde im Nordosten der DDR bevorzugt gelesen. Ein Jahr später erschien das Buch „Hinter der Rampe“ und 1962 der dritte Roman „Die andere Heimat“ mit Erinnerungen aus Schlalach, wo Nichelmann später im Rentenalter den großen Hof der Eltern bewohnte.

Nichelmann war in den Schriftstellerverband aufgenommen worden, schrieb weitere Prosa, die aber nicht die Qualität des Romanerstlings erreichte. Doch hatte er die Genugtuung, sich seinen Jugendtraum erfüllt zu haben. Der Maler Fritz Laube, ein wichtiger Vertreter der Tiermalerei im 20. Jahrhundert, der auch international ausstellte, schuf von ihm ein Porträt.

Beide wurden in Schlalach Freunde, wo Laube einst die Kirchenmalerei erneuerte. Nichelmann galt nun als Schriftsteller. Wenigstens bis zur politischen Wende. Dann geriet seine Prosa ins Abseits. Darüber starb Nichelmann – schon als Vergessener – Anfang 1992 im Alter von 81 Jahren im Belziger Seniorenheim.

In der Kreiststadt lebt heute noch sein Sohn, Klaus Nichelmann. Der 74-Jährige bewahrt die Erinnerungen an seinen Vater und dessen Werke. Neben den drei Romanen sind es auch Gedichte und Erzählungen. „In vielen sind die Bezüge zum Fläming klar und Orte gut wiedererkennbar“, erzählt der Sohn des fast vergessenen Schriftstellers gegenüber der MAZ.

Von Martin Stolzenau