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Potsdam-Mittelmark „Die schönsten Beeren hängen unten“
Lokales Potsdam-Mittelmark „Die schönsten Beeren hängen unten“
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20:06 18.08.2017
Selbstpflücke als Event: Renate Krengel (l.) und Karin Polewacz kamen aus Berlin. Aus den Aroniabeeren machen sie Marmelade. Quelle: Jens Steglich
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Beelitz

„Daraus wird eine Marmelade, die sie nicht in jedem Laden kaufen können.“ Renate Krengel kommt mit einem gut gefüllten Fünf-Liter-Eimer aus der Aroniabeeren-Plantage. „Die Beeren sind herb, deshalb verarbeiten wir sie mit anderen Früchten zu Marmelade“, sagt Karin Polewacz, ihre Freundin. Die beiden Berlinerinnen sind extra raus aufs Land gefahren, um die herbe Beere, die schon Indianer als Heilpflanze kannten, mit eigenen Händen zu ernten. Gemischt mit süßeren Früchten wie Blaubeeren werden bestimmt 20 Gläser daraus, sagen sie. „Unsere Marmeladen sind schöne Geschenke für Freunde und Bekannte. Wir essen sie aber auch selbst.“

Die selbstgepflückte Menge sollen sie auch selbst schätzen: Sieben Kilo sind es ungefähr, für die sie 15 Euro in die Kasse stecken. Das ist ein Euro Trinkgeld für den Beelitzer Landwirt Gerhard Jochen, der seit Dienstag seine Aroniabeeren-Plantage an der B 246 zwischen Beelitz und Zauchwitz für Menschen wie die beiden Berlinerinnen geöffnet hat, die aus so einem Ausflug gern ein Event machen: „Wenn wir nicht noch Männer hätten, die auf uns warten, wären wir den ganzen Tag hier draußen.“

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Jochen, der einzige Aronia-Bauer in der Region, stellte dieses Jahr aus wirtschaftlichen Gründen komplett auf Selbstpflücke um und hat damit Erfolg. Täglich von neun bis 18 Uhr können die Aroniabeeren gepflückt werden. Ein Kilo kostet zwei Euro, die in eine Kasse des Vertrauens zu stecken sind, die auf dem Anhänger am roten Trecker steht. „Für dieses Wochenende bis Sonntag reichen die Beeren noch. Danach wird fast alles abgepflückt sein“, schätzt er. Die komplette Umstellung auf Selbsternte ist eine Reaktion auf die Erfahrungen aus seinem bisher besten Erntejahr, als 2014 drei Tonnen Aroniabeeren zusammenkamen. Jochen hatte in dem Jahr fünf Erntehelfer fürs Beerenpflücken. „Die 5000 Euro an Erlös sind komplett drauf gegangen, um die Erntehelfer zu bezahlen“, sagt er. Das Problem: „Handgepflückte Beeren bekommen sie nicht zu den gebührenden Preisen los, die noch Erlöse bringen. Den Verarbeitern der Beeren ist das zu teuer.“ Jetzt machen Aroniabeeren-Fans die Arbeit selbst und haben Freude dabei. Er holt jeden Abend nach 18 Uhr den Trecker mit der Kasse nach Hause und leert sie. Neun Uhr morgens steht alles wieder an seinem Platz an der zwei Hektar großen Fläche, die Jochen 2010 angepflanzt hat. Er gab damals den Spargelanbau auf, stieg um aufs Nischenprodukt, investierte 20 000 Euro, von denen er 6000 Pflanzen kaufte und auf seinen Feldern zwischen Beelitz und Zauchwitz in die Erde setzte.

„Der Regen kam zu spät.“ Landwirt Gerhard Jochen auf seiner Aroniabeeren-Plantage zwischen Beelitz und Zauchwitz. Quelle: Jens Steglich

Dieses Jahr sind die Aroniabeeren zwar knackig und nicht wie 2015 am Strauch vertrocknet, aber ein gutes Erntejahr ist 2017 trotzdem nicht. „Der Regen kam zu spät. Im April und Mai war es noch extrem trocken.“ Die Aroniapflanze ist ein Flachwurzler, der Sandböden nicht so sehr mag. „Ich muss aber das Land nehmen, was ich zur Verfügung habe“, so Jochen. Den Ernteertrag schätzt er dieses Jahr auf bis zu 500 Kilogramm. Vor den Staren, die sich gern bedienen, hat er aber noch Ruhe. „Die Stare kommen erst, wenn bei meinem Neffen die Blaubeeren alle sind.“ Sein Neffe ist der Zauchwitzer Landwirt Thomas Syring, der unter anderem Blaubeeren anbaut, die süßer sind und deshalb bei Vögeln weiter oben auf dem Speiseplan stehen.

Mit den Erlösen aus der Aroniabeeren-Selbstpflücke ist Jochen zufrieden. Die Kasse des Vertrauens funktioniere. „Wenn man den Kunden Vertrauen schenkt, geben sie manchmal erst recht Trinkgeld dazu“, glaubt der Landwirt mit der sozialen Ader, der als Spargelbauer bei guten Erträgen den Erntehelfern schnell mal eine Sonderprämie zahlte. In der Nähe der Aroniabeeren-Plantage hat er Nachtkerzen gepflanzt – als Futter für Fledermäuse. In den Anfängen der 2010 angebrochenen Aroniabeeren-Zeit hatte er auch Möhren nebenan auf dem Feld – „wegen der Schwalbenschwanzschmetterlinge“, erzählt seine Frau. Die Raupen der Schmetterlinge fressen das Möhrenkraut.

Die komplette Umstellung auf Selbstpflücke „ist eine tolle Erfindung, ich muss mich da selbst loben“, sagt Jochen, der seine Worte gern mit ironischen Untertönen garniert. Den beiden Berlinerinnen hat der Erntetag Spaß gemacht, auch wenn „die schönsten Beeren immer unten hängen“, so Renate Krengel. „Wir wollen aber nicht zu viel Reklame machen, sonst kommen noch mehr Leute und wir kriegen keine Beeren mehr ab“, sagt sie.

Wandervögel schützen ihre Zellen mit der Beere

Die Aroniabeere hat ihren Ursprung in Nordamerika. Dort wurde sie schon von den Indianern wegen ihrer heilenden Wirkung geschätzt.

Ein russischer Botaniker entdeckte die Aronia Anfang des 20. Jahrhunderts in Amerika, brachte sie nach Russland und züchtete Sorten, die sogar das sibirische Klima vertragen.

Aroniabeeren schmecken unverarbeitet nicht besonders gut, sind aber reich an Vitaminen A und C und an Antioxidantien und gelten deshalb auch als Heilpflanzen.

US-Forscher haben herausgefunden, dass auch Wandervögel ihre Zellen mit Aroniabeeren schützen.

Die robusten Sträucher können auf entsprechenden Böden bis zu drei Meter hoch werden.

Die Pflanze wird auch als Schwarze Apfelbeere bezeichnet. Ihr Saft ist 200-mal farbintensiver als Rotwein. Deshalb wurde die Aronia früher auch zur Gewinnung von Farbstoffen genutzt.

Die Beeren werden im Spätsommer geerntet.

Von Jens Steglich