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Potsdam-Mittelmark Ein Gottesdienst voller Emotionen
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15:52 01.01.2017
Theatralischer Gottesdienst: Christian Klischat in der Lehniner Winterkirche
Theatralischer Gottesdienst: Christian Klischat in der Lehniner Winterkirche Quelle: Christine Lummert
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Lehnin

Der erste Gottesdienst im neuen Jahr in der Winterkirche auf dem Lehniner Klostergelände stand unter einem besonderen Motto. Pfarrerin Andrea Richter, die in der Evangelischen Kirche Berlin Brandenburg Schlesische Oberlausitz (EKBO) als Beauftragte für Spiritualität tätig ist, gab den Anstoß, einen „Gottesdienst in anderer Gestalt“ zu feiern.

Die Kirche war voll und nicht nur Lehniner waren gekommen. „Über das Silvesterwochenende waren 20 Besucher im spirituellen Zentrum auf dem Klostergelände zu Gast, die den Jahreswechsel in stiller Einkehr bei uns verbracht haben“, erklärte Richter.

Ein dickes Buch als einziges Requisit

Orgelmusik von Kirchenmusiker Andreas Behrendt und ein gemeinsames Lied zur Jahreswende aus dem Gesangbuch leiteten den Gottesdienst normal ein, doch dann trat statt der Pfarrerin der Schauspieler Christian Klischat vor die versammelte Gemeinde. Symbolisch ein dickes Buch als einziges Requisit in den Händen haltend, schlug er es aber nicht auf, sondern nahm seine Zuhörer rezitierend mit auf eine Reise durch die Psalmen-Texte.

Klischat war unter anderem am Potsdamer Hans-Otto-Theater und am Deutschen Nationaltheater in Weimar engagiert und spielte in verschiedenen Filmen und Fernsehserien. Er bot eine Collage aus den Psalmen, wie sie in der Luther-Übersetzung zu finden sind, und Bearbeitungen dieser Texte aus der Feder verschiedenster Autoren, von Hanns-Dieter Hüsch über Arnold Stadler bis zu Jörg Zink. Damit erreichte er sein Publikum noch viel unmittelbarer, als eine Bibellesung es gewöhnlich leisten kann.

Buchstäblich über Tisch und Bänke

Er stellte sich stellvertretend für die Gottesdienstbesucher vor Gott und zeigte, welches Leben den einzelnen Psalmen innewohnt. Dabei spielte er auf der gesamten Gefühlsklaviatur, zu der ein Mensch fähig ist. Christian Klischat raste durch den Raum und schrie, er stand in einer Ecke und flehte, ging buchstäblich über Tisch und Bänke, war mitten unter seinem Publikum und lachte, und versteckte sich auch unter dem Altar.

Zwischen den einzelnen Abschnitten spielte Andreas Behrendt kleine Melodien auf dem Klavier und verschaffte den mitgerissenen Gottesdienstbesuchern kleine Atempausen und manchen die Möglichkeit, die eben aufgebrochenen Gefühle mit dem Taschentuch trocken zu tupfen.

Die verschiedensten Lebensphasen wurden angesprochen. Alte und Junge konnten sich verstanden fühlen mit ihren Fragen nach und an ihren Gott. Glück, Fröhlichkeit und Nächstenliebe, in der sich jeder aufgehoben fühlt, kamen ebenso auf Tisch wie die Angst vor Leid, Krieg und dem Abschiednehmen. Und zwischendrin brachte Klischat den Psalm vom guten Hirten zum Swingen. Der wilde Ritt ins neue Jahr wohl bei vielen Gottesdienstbesuchern noch nachwirken.

Von Christine Lummert