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Potsdam-Mittelmark Ermyas Mulugeta aus Borkheide ist vielseitig engagiert
Lokales Potsdam-Mittelmark Ermyas Mulugeta aus Borkheide ist vielseitig engagiert
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13:31 23.12.2018
Ermyas Mulugeta. Quelle: Andreas Trunschke
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Borkheide

Ermyas Mulugeta interessiert immer, was hinter einer Sache steckt. „Ich muss meinen Kopf aktiv halten“, sagt er. Deshalb wollte er schon als Junge studieren. Zunächst wurde er Diplomagronom, später studierte er Agrarwissenschaften. Als ihm die Wende dazwischen kam, wechselte Mulugeta zu den Umweltingenieurwissenschaften und promovierte mit Schwerpunkt Wasserwirtschaft.

Ab 2001 arbeitete er in einem BMBF-Projekt am Institut für Agrartechnik in Potsdam-Bornim, eine Professorenstelle an der Universität fest im Blick. „Ein vorbildlicher Deutscher“, titelte eine Zeitung über ihn. Doch dann passierte 2006 „der Übergriff“, wie er es heute nennt. In der Nacht zum Ostersonntag wurde der damals 37-Jährige aus rassistischen Gründen von einem Unbekannten niedergeschlagen und lebensgefährlich verletzt.

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Ruhe finden im Glauben

Am schlimmsten ist heute für Ermyas Mulugeta – neben den Narben – die Ungewissheit über die Täter. Zwei Verdächtige wurden freigesprochen, weil letzte Zweifel an ihrer Schuld nicht ausgeräumt werden konnten.

Seitdem ist „den Kopf aktiv halten“ für Mulugeta mehr als Neugier auf das Leben. Für ihn ist es überlebensnotwendige Therapie. Letztlich ist er auch deshalb nach Borkheide gezogen. „Ich wollte Ruhe finden, der Rest war Zufall.“ Eine andere große Hilfe ist ihm sein fester Glaube. „Gott zeigt mir den Weg, ich muss nur richtig denken“, sagt er.

Mit Stipendium ausgezeichnet

Gegenwärtig arbeitet Mulugeta den rassistischen Überfall in einem Buch auf. Seit zwei Jahren strebt er eine freiberufliche Tätigkeit in den Bereichen Planung für Abwasserreinigung, Trinkwasseraufbereitung und zum Landschaftswasserhaushalt an.

Ursprünglich stammt Mulugeta aus Äthiopien. Sein Vater war Pilot, seine Mutter lebte lange in den USA. Er hat fünf Schwestern. Nach seinem ersten Studium war er für acht landwirtschaftliche Genossenschaften gleichzeitig zuständig und wird 1988 Bester von über 2000 Mitarbeitern im Ministerium. Als Auszeichnung darf er noch im selben Jahr im Rahmen eines Stipendiums in die DDR, um weiter zu studieren.

Engagement in Äthiopien

Er kennt verschiedene Welten und kann vergleichen. „Was ich sehe, ist Ungleichheit und Ungerechtigkeit, ich bin verpflichtet, etwas dagegen zu tun“, sagt der Borkheider. In Äthiopien kümmert er sich seit Jahren um ein Umweltprojekt. Gegenwärtig baut er Strukturen auf und bemüht sich um topografische Daten, damit die Trinkwasserbrunnen auch an den richtigen Stellen angelegt werden können.

Über seinen eigenen Verein „Loewenherz“ sammelt er Geld für Projekte in drei Distrikten des nord-westlichen Zentralmassivs Äthiopiens. In Deutschland will er für die Gemeindevertretung Borkheide und für den Kreistag Potsdam-Mittelmark parteilos für die Wahlliste „Die Parteipiraten“ kandidieren.

Lesen, Joggen und Fußball

Im kommenden Jahr wird er zudem innerhalb seines Projektes „Wer bist Du? – Wie lebst Du?“ an drei Schulen in Potsdam-Mittelmark mit Schülern diskutieren. Er hilft ehrenamtlich anderen Neuangekommenen. Für ihn sind es nicht Flüchtlinge, sondern „Menschen mit anderen Erfahrungen und Kompetenzen“.

In seiner Freizeit liest Ermyas Mulugeta gern, vor allem Fachliteratur. Außerdem joggt er gern und spielt in seiner Freizeit Fußball beim BSV 90. „Ich muss immer in Bewegung bleiben“, ist sein Motto. Ein anderes ist: „Ich muss Position beziehen.“

Von Andreas Trunschke