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Potsdam-Mittelmark Film liefert Aufklärung für Afrikaner
Lokales Potsdam-Mittelmark Film liefert Aufklärung für Afrikaner
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00:19 01.12.2017
Der Bad Belziger Verein „Cagintua“ dreht auch im örtlichen Übergangswohnheim ein Video über die Lebenssituation von Flüchtlingen in Deutschland. Als Schauspieler agieren Susan Wansiru, Akwaja Ujummadu und Rose Wansiku (v.l.n.r.) vor der Kamera von Burkhard Pranke.  Quelle: Thomas Wachs
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Bad Belzig

Akwaja Ujummadu ist ratlos. Eben hat der Nigerianer einen Brief von deutschen Behörden aus seinem Postkasten gezogen. Vor der Holzbaracke im Bad Belziger Übergangswohnheim für Asylbewerber trifft der Akrikaner auf Rose Wansiku und Susan Wansiru. Auch die beiden jungen Frauen aus Kenia können mit dem ausschließlich in deutscher Sprache verfassten Schreiben nichts anfangen. Gemeinsam geht es ins Büro der Heimleitung. Dort wird das Schreiben übersetzt, in dem Akwaja Ujummadu die Ablehnung für Asyl in Deutschland verkündet wird.

Wieder und wieder spulen die drei als Schauspieler tätigen Asylbewerber die Szene ab, die Burkhard Pranke aus Bad Belzig mit seiner Kamera festhält. Nach verschiedenen Einstellungen sind der Projekt-Koordinator Pranke sowie Obiri Mokini vom Verein „Cagintua“ mit der Filmsequenz zufrieden. Sie wird ein wesentlicher Teil eines Kurzfilmes, den der Verein für sein Projekt Save Migration Dialogue (SAMDIA) – zu deutsch: sicherer Migrations-Dialog – aktuell an drei Orten dreht. Weitere Stationen sind ein Flüchtlingsheim in Potsdam sowie ein Frisiersalon in der Stadt Ibadan in Nigeria.

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Dort in Afrika soll der gut zehn Minuten lange Film dann ab Jahresende auch ausgestrahlt werden über das Internet und soziale Netzwerke.

„Wir wollen damit über die wirkliche Lebenssituation von Flüchtlingen in Deutschland informieren und davon abraten, ohne wirkliche Aussicht auf Asyl den teuren und gefährlichen illegalen Weg nach Europa zu gehen“, erzählt Obiri Mokini. Er kam 1996 selbst aus Nigeria nach Deutschland und wohnte einige Jahre im Bad Belziger Flüchtlingsheim am Weitzgrunder Weg. Inzwischen ist er von Potsdam aus in der Flüchtlingshilfe tätig und hat 2007 sein Buch „Die Brandenburger Brücke“ geschrieben mit Innensichten zur Situation von Asylbewerbern.

Verein zeigt andere Wege auf

Der Verein „Cagintua“ wurde im Jahr 2007 von afrikanischen Flüchtlingen in Bad Belzig gegründet.

Der Verein setzt sich dafür ein, vorwiegend afrikanische Menschen in Afrika darüber aufzuklären, was die (illegale) Flucht aus ihrer Heimat bedeutet, insbesondere welche Belastungen und Gefahren diese nach sich ziehen kann.

Verschrieben hat sich der Verein zudem der Verminderung von Flucht und der Beseitigung von Fluchtursachen in Afrika.

Der Verein arbeitet mit anderen Organisationen zusammen, die sich mit der Entwicklung in Afrika, vor allem auch der Entwicklung der Demokratie beschäftigen.

Dazu wollen die Akteure den Menschen in Afrika andere Wege aufzeigen, aus der Not herauszukommen, und ihnen vermitteln, dass eine Flucht kein Ausweg ist. Beispiele dieser Zusammenarbeit sind Bildungsmaßnahmen und Kulturaustausch.

„In Afrika ist die Ansicht weit verbreitet, dass Flüchtlinge in Deutschland leicht Arbeit und Wohnung finden“, erklärt der Journalist und Theaterautor Mokini gegenüber der MAZ. Dieses Gerücht werde durch Menschenschlepper noch gestärkt. „Dass aber die meisten Flüchtlinge aus Afrika nicht einmal ein Bleiberecht in Deutschland und damit einen erschwerten Zugang zum Arbeitsmarkt haben, verschweigen diese“, erzählt der Nigerianer zum Hintergrund für das neue Filmprojekt. Es ergänzt eine Radiosendung, die von Deutschland aus bereits regelmäßig zum gleichen Thema läuft.

Aufklärung müsse vor allem in Afrika selbst geleistet werden, erklärt Burkhard Pranke. Denn Menschen, die sich zur Flucht entscheiden, verkaufen oft Hab und Gut oder leihen sich Geld von Freunden oder der Familie. Menschenschlepper, zu bestechende Beamte, gefälschte Papiere und die meist illegale Reise durch die Sahara und über das Mittelmeer sind teuer – und gefährlich.

„Flüchtlinge, die diese lange Reise überlebt haben, berichten, dass in der Sahara mehr Menschen sterben als im Mittelmeer“, so Pranke. Nachdem sie es durch die Sahara geschafft haben, landen viele Flüchtlinge jedoch in der Prostitution oder auf einem Sklavenmarkt in Libyen. „Aber auch wer all dem entronnen ist, den erwarten neben Langeweile, Perspektivlosigkeit und endlosem Papierkrieg auch Ausländerhass und Rassismus in der neuen Heimat Deutschland“, erzählt der Akteur vom Verein Cagintua.

Die meisten Flüchtlinge würden aus falschem Stolz oder anderen Gründen ihren Familien und Freunden berichten, dass sie in ihrer neuen Heimat Arbeit gefunden haben und Geld verdienen. „Was in den meisten Fällen jedoch nicht der Wahrheit entspricht“, weiß auch Obiri Mokini.

Der im Jahr 2007 von afrikanischen Flüchtlingen in Bad Belzig gegründete Verein wolle mit seinem Video einen Beitrag leisten, „um in Afrika diesen Teufelskreis zu durchbrechen“, sagt Burkhard Pranke.

Von Thomas Wachs