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Potsdam-Mittelmark Höchstes Honorar: 25 Jahre Zuchthaus
Lokales Potsdam-Mittelmark Höchstes Honorar: 25 Jahre Zuchthaus
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02:15 18.01.2018
Die Stalin-Karikatur von Karl Holtz erschien 1949 im Schweizer Satire-Blatt „Nebelspalter“ anonym.
Die Stalin-Karikatur von Karl Holtz erschien 1949 im Schweizer Satire-Blatt „Nebelspalter“ anonym. Quelle: Repro/Jahn
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Bergholz-Rehbrücke

Er nahm die Zustände der Welt mit spitzer Feder von links aufs Korn. Ins Zuchthaus brachte ihn indes eine Karikatur, die Stalin bloßstellte. 1949 ist auf dem Titel der Schweizer Satire-Zeitschrift „Nebelspalter“ zu sehen, wie Soldaten politische Folterinstrumente und Streithelme wegschleppen und Stalin Engelsflügel anlegen. An der Wand hängen noch die Bilder von Zaren – Alleinherrscher vom Schlage des roten Despoten.

Die Wandlung des Josef Stalin zum „Friedensengel“ erschien im Schweizer Satire-Blatt anonym, weiß Siegfried Jahn, der sich mit dem Leben von Karl Holtz (1899– 1978) befasst hat und 40 Jahre nach dessen Tod eine Ausstellung organisiert, die am Freitag in der Nuthetaler Gemeindeverwaltung in Bergholz-Rehbrücke eröffnet wird. Der Karikaturist wohnte mehr als 40 Jahre bis zu seinem Tod in Rehbrücke. Die Turbulenzen seines Lebens, von denen er nur wenigen Menschen erzählte, stehen beispielhaft dafür, in welchen Zwiespalt linke Freigeister im vergangenen Jahrhundert geraten sind. Die Karikatur war zuerst für den deutschen „Ulenspiegel“ bestimmt, sagt Siegfried Jahn. In der Redaktion haben sie Bedenken. So bietet Karl Holtz die Stalin-Karikatur dem Schweizer „Nebelspalter“ an. Obwohl sie anonym veröffentlicht wird, kommt der sowjetische Geheimdienst dem Autor auf die Spur. „Er soll denunziert worden sein.“ Dem linken Pressezeichner, der Rosa Luxemburg kannte und 1918/19 bei den Straßenkämpfen der Spartakisten gegen Freikorps-Soldaten dabei war, wird zum Verhängnis, dass er in Rehbrücke und damit im Herrschaftsbereich des roten Despoten lebt. Seinem Freund Wolfgang U. Schütte erzählt er später einmal, er habe für diese Karikatur sein höchstes Honorar bekommen: 25 Jahre Zuchthaus.

Als Student ist der Linke, der sich nie einer Partei anschloss, noch deutsch-national eingestellt. Zum einschneidenden Erlebnis wird das Gemetzel im Ersten Weltkrieg, aus dem Holtz mit einer anderen Weltsicht zurückkehrt. Er schließt sich der Spartakusgruppe an und arbeitet ab November 1918 für deren Zentralorgan „Rote Fahne“. Später setzt er sein Können zunehmend für SPD-nahe Presseorgane ein – bis 1933, als die Nazis die Macht ergreifen. Der Karikaturist, der sich in der Weimarer Republik mit den Nazis anlegte und Hitler karikierte, bekommt Berufsverbot.

„Die Freiheit der Kunst, die in Deutschland in der Weimarer Republik erstmals Verfassungsrang bekam, hatte er verinnerlicht“, so Jahn. Diesem Selbstverständnis blieb Holtz auch im Bautzener Zuchthaus treu, in dem er für seine Stalin-Karikatur von 1949 bis 1956 (eine Amnestie verkürzte die Haftzeit) eingesperrt war. Siegfried Jahn fand in einer Stasi-Akte eine Notiz, die das belegt. Auf die Frage, ob er sich schuldig bekenne, antwortete Holtz: „Ja, insoweit ich die Karikaturen in Ausübung meines Berufes gezeichnet habe. Eine strafbare Handlung kann ich darin nicht erkennen.“ Berufsverbot in der Nazi-Zeit und Gefängnishaft in der Stalin-Ära veränderte aber den Menschen, sagt Jahn: „Seine Verschlossenheit wird Selbstschutz und seine ,spitze Feder’ wird stumpf.“

Von Jens Steglich