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Potsdam-Mittelmark Hund und Reh: Ziemlich beste tierische Freunde
Lokales Potsdam-Mittelmark Hund und Reh: Ziemlich beste tierische Freunde
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00:20 28.01.2018
Achim Liesecke (60) und Hündin Floh kümmern sich seit über vier Jahren um „Hansi“. Quelle: Christiane Sommer
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Brück-Ausbau

„Hansi, Hansi komm“, ruft Achim Liesecke in seinen weitläufigen Garten am Stadtrand von Brück hinein. Kaum dass seine Worte verklungen sind, tritt aus dem bewaldeten Gartenteil ein Reh heraus. Der unbekannte Besuch wird mit scheuen Blick gemustert. „Hansi, Hansi nun komm doch“, sagt der 60-Jährige abermals und schon steht das Reh an seiner Seite. Und an der Seite von Floh, Lieseckes zehnjähriger Hündin.

„Da, unter der Eiche hat er gelegen“, erzählt der Brücker und zeigt auf einen Straßenbaum vor dem Haus. Hund und Reh krault er dabei abwechselnd die Rücken. Vor viereinhalb Jahren kam es genau an dieser Stelle zu einem Wildunfall – eine Konfrontation mit Folgen. Ein angefahrenes Reh flüchtete in den angrenzenden Wald. Liegen blieb, unter der Eiche direkt an der Straße vor dem Haus von Achim Liesecke, ein Rehkitz.

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Jenen 27. Mai 2013 hat Achim Liesecke seitdem nicht mehr vergessen. Mit dem hinzu gerufenen Weidmann hoffte er anfangs noch, dass die Verletzungen der Ricke nicht so schwer waren und sie ihren Nachwuchs bald holen würde. Doch am nächsten Morgen lag das Kitz noch immer am Straßenrand. Sein Leben hing am seidenen Faden. Fast glich es einem Wunder, dass Füchse und Kolkraben sich an dem höchstens zwei Tage alten Tier nicht schon gütlich getan hatten.

„Er hat seinen eigenen Wald, in den er sich jederzeit zurückziehen kann“, erzählt Tierfreund Achim Liesecke. Quelle: Christiane Sommer

Also kam es, wie es kommen musste: Achim Liesecke war bereits damals bekannt dafür für seine Aufzucht tierischer Findelkinder. „Wenn das Kitz einer durchkriegt, dann Du“, waren die Worte, die in dieser Folge an sein Ohr drangen und an seinem Herzen rüttelten. Liesecke nahm das Findelkind schließlich in seine Obhut. Dann geschah, womit niemand gerechnet hatte: Floh, die damals sechsjährige Mischlingshündin, nahm sich des unverhofften Familienzuwachses an. Genau so, wie sie es einige Jahre zuvor bereits getan hatte, als ein verwaistes Lämmchen auf Lieseckes Hof nach einer Adoptivmama rief.

In Sachen Ernährung suchte der Brücker Rat bei Tiermedizinern, Weidmännern und Naturschützen. „Ich bekam viele Tipps und gute Ratschläge“, sagt er heute. Doch nicht alle erschienen ihm für seinen Schützling geeignet. Deshalb entschloss sich der Brücker, einfach seinem Gefühl zu vertrauen und rette dem zwei Tage alten Kitz damit das Leben.

Achim Liesecke fütterte weder Kindernahrung noch Welpenmilch. Er erzählt: „Ich machte mir so meine Gedanken und überlegte, welches Tier ihm vom Körperbau am ähnlichsten ist. Dabei fielen mir Zicklein ein“. Also entschied er sich für Ziegenmilch. Die Suche nach dem passenden Sauger für das Fläschchen erforderte wiederum zwei Anläufe. Als auch diese Hürde genommen war, konnte die Aufzucht endlich beginnen.

Während Ziehvater Liesecke fortan für die Fütterung des Rehkitzes zuständig war, übernahm Hofhund Floh die Körperpflege und beaufsichtigte das neue Familienmitglied rund um die Uhr.

Der Brücker Achim Liesecke (60) und seine Hündin haben nicht zum ersten Mal Tiere gerettet. Auch ein Dutzend Hasen leben auf dem Hof. Quelle: Christiane Sommer

Die Bilder aus jener Zeit, als der Neuzugang noch Flecken auf dem Rücken trug und auf die Flasche angewiesen war, liegen bis heute bei Achim Liesecke im Schrank. Seitdem hat sich Hansi prächtig entwickelt. In freier Wildbahn wird er jedoch nie leben können. „Aber dafür ist er am Leben. Und er hat seinen eigenen Wald, in den er sich jederzeit zurückziehen kann“, sagt der Tierfreund aus Brück-Ausbau. Die Tür zum Gehege hält er immer offen, so dass Hansi und Floh auf dem gesamten Grundstück unterwegs sein können.

Während Achim Liesecke die Geschichte von Hansi erzählt, kommen die ungleichen Freunde immer wieder auf einen kurzen Besuch vorbei. Sie holen sich Streicheleinheiten ab, um danach wieder zu verschwinden. „So soll es auch sein. Hansi ist und bleibt ein Wildtier“, bemerkt Ziehvater Liesecke.

Von Christiane Sommer