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Potsdam-Mittelmark Jäger behalten Wölfe im Visier
Lokales Potsdam-Mittelmark Jäger behalten Wölfe im Visier
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00:38 07.06.2014
Im Jahr 2000 kamen die erste Wölfe zurück nach Brandenburg. Deutschlandweit gibt es 25 Rudel. Quelle: P. Geisler

MAZ: Täuscht es, oder ist der Wolf derzeit eines der wichtigsten Themen unter den Jägern der Region?

Hubertus Fischer: Vor fünf Jahren etwa war das noch ein theoretisches Thema. Weil es immer mehr Wölfe gibt, wird es immer aktueller. Nicht nur Jäger haben Bedenken dagegen, dass der Wolf Vollschutz und Schonung zum Nach-teil anderer Arten erfährt und sich hemmungslos ausbreiten soll.

Stefan Meyer: Durch die Medien ist das Thema derzeit sehr präsent. Die Fixierung des Wolfs im Anhang der FFH-Richtlinie als streng geschützte Art sehen viele Jäger kritisch.

Bislang ist noch kein einziger Wolf im Raum Rathenow nachgewiesen. Auch rund um Brandenburg gibt es nur wenige Tiere. Warum ist die Aufregung trotzdem so groß?

Fischer: Nach meinem Wissen sind die offiziellen Bestandszahlen zu niedrig. Demnach soll es für den Bereich Zauche nur ein Rudel mit sechs Tieren geben. Mir wurde aber berichtet, dass allein auf dem Truppenübungsplatz Lehnin vierzehn Wölfe, also offenbar zwei Rudel, gleichzeitig auf einem Übungsgelände dort gezählt wurden. Ich glaube, dass die tatsächliche Zahl der Wölfe deutlich über der offiziell angegebenen liegt. Wir benötigen unbedingt verlässliche Zahlen.

Meyer: Für den Altkreis Rathenow sind noch keine Wölfe nachgewiesen. Aber die Zahl der Sichtungen nimmt zu. In jüngster Zeit wurden unter anderem einzelne Tiere bei Jerchel, Bahnitz und Großwudicke gesehen. Auf dem Truppenübungsplatz Klietz würden Wölfe ideale Bedingungen vorfinden. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis sich das erste Rudel bildet.

Fürchten die Jäger die Konkurrenz der Wölfe?

Meyer: Als Fleischfresser greift der Wolf unweigerlich in die Wildbestände ein. Davon sind natürlich auch die Jäger betroffen. In Gebieten mit Wölfen verändert sich nachweislich das Raum-Zeit-Verhalten des Schalenwildes. Damit sind die Schalenwildarten schwerer zu bejagen. Die Jäger befürchten, dass sie dadurch ihren Auftrag der Wildschadensvermeidung nicht mehr richtig erfüllen können.
Fischer: Das Nebeneinander mit den Wölfen ist nicht als Konkurrenz zu bezeichnen. Im Gegensatz zum Großräuber Wolf achten die Jäger wie alle Naturnutzer auf Nachhaltigkeit. Würden Sie sprichwörtlich den Ast absägen, auf dem Sie sitzen? Der Widerstand wird früher oder später von den Bewohnern solcher Orte kommen, bei denen die Wölfe am helllichten Tag umherstreifen: Damsdorf und Merzdorf sind Beispiele dafür. Weitere werden vermutlich bald folgen. Und Protest kommt selbstverständlich von den mit betroffenen Nutztierhaltern und Tierzüchtern.

In der Diskussion um den Wolf ist immer wieder zu hören, er würde das Wild ausrotten. Was sagen Sie dazu?

Fischer: Im Bereich der Zauche sind Wildbestände schon jetzt durch die Wölfe stark dezimiert worden. Das wird von der behördlichen Jagdstatistik belegt. Muffelwild steht in den entsprechenden Regionen vor der Ausrottung durch die Wölfe. Beachtet werden muss auch, dass die einfache Rechnung soundso viele Wölfe fressen soundso viele Wildtiere nicht stimmt, weil hierbei noch andere wildbiologische Faktoren zusätzlich negativ wirken. Bekannt ist, dass ein Wolfsrudel hier pro Jahr 400 Rehe, 65 Stücke Damwild und 100 Sauen als Beute benötigt. Als Jäger und Naturschützer sehe ich das natürlich sorgenvoll, was da geschieht.

Meyer: Schalenwild wird flächendeckend durch den Wolf sicher nicht ausgerottet. Die Population der Wölfe sollte dennoch begrenzt werden können. Und zwar bei Bedarf ausschließlich von den Jägern, die anerkannt ausgebildet sind. Da der Wolf dem Naturschutzrecht, nicht dem Jagdrecht unterliegt, können solche Eingriffe derzeit gerade nicht von Jägern, sondern nur von irgendwelchen ortsfremden Tierärzten mit Narkosegewehren und Fangnetzen durchgeführt werden.

Was sind die konkreten Bedenken der Jäger?

Meyer: Die Konkurrenz durch den Mitjäger „Wolf“ ist in der Jägerschaft gegenwärtig. Die Jagd ist gesetzlicher Auftrag und nicht ausschließlich Hobby. Jede Jagdpacht hat einen gewissen Jagdwert. Der Jagdwert kann regional stark sinken, Jagderfolg kann wegen der Wölfe häufig ausbleiben. Der Gegenwert für die Jagdpacht steht dann oft in Frage. Allerdings muss letztendlich der Jäger für Wildschaden zahlen. Weil das scheue und wegen des Wolfes unstete Wild nicht mehr effektiv bejagt werden kann, ist die Wildschadensvermeidung problematisch. Auch dass ganze Wildtierbestände wie beim Muffelwild, das seit Hunderten von Jahren bei uns vorkommt, wahrscheinlich ausgerottet wird, sehen wir kritisch. Dass einige angebliche Naturschützer dies billigend in Kauf nehmen ebenfalls.

Fischer: Bedenklich ist die derzeitige politische Zielvorstellung, die Wolfspopulationen ungehemmt und mit allen Mitteln zu vergrößern. Sechsundzwanzig derzeit offiziell registrierte Rudel mit durchschnittlich acht Individuen vermehren sich jährlich um dreißig Prozent, das heißt von 26 auf 34, dann 44 auf 57 Rudel und so weiter – in drei Jahren also bereits auf rund 450 Wölfe. Wer beantwortet uns, wo das enden soll? Wenn die Nahrungsquelle Wildtier stark zurückgeht, werden die Probleme mit dem Wolf zunehmen.

Was muss ihrer Ansicht nach passieren, damit Mensch und Wolf friedlich nebeneinander leben können?

Meyer: Wir sollten die Rückkehr der Wölfe nicht überbewerten, sondern als gegeben hinnehmen. Keinesfalls sollte der Wolf durch unvertretbar hohen finanziellen Aufwand künstlich geschützt werden, aber genau das geschieht derzeit. Meiner Meinung nach gehört der Wolf in einen gelockerten Schutzstatus der FFH-Richtlinie. Eine Bejagung von Wölfen sollte in Ausnahmefällen möglich sein. Und das ausschließlich durch die Jäger. Dieses Vertrauen müssen der Staat und die Gesellschaft in die nach strengen Normen und Regeln ausgebildeten Jäger investieren. Der derzeit bestehende brandenburgische Managementplan zum Wolf ist als Arbeitsinstrument für die Jägerschaft untauglich. Da müssen einzelne Punkte noch genau konkretisiert werden, insbesondere der Zielbestand. Ein Zusammenleben mit dem Wolf ist grundsätzlich möglich.

Fischer: Die Akzeptanz des Wolfes in der Gesamtbevölkerung wird umso größer, je mehr Einflussmöglichkeiten es für die Jäger zur Populationsbegrenzung gibt. Das wird bewiesen in den Ländern, in denen die Wölfe schon länger heimisch sind und dort auch bejagt werden.

Interview: Ralf Stork

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