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09:45 30.07.2013
Warum Rainer Buchwald ins Heim kam, weiß er bis heute nicht wirklich.
Warum Rainer Buchwald ins Heim kam, weiß er bis heute nicht wirklich. Quelle: dpa
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Brück

Anpassen oder rebellieren? Als Rainer Buchwald mit elf Jahren zum ersten Mal in ein Heim eingewiesen wurde, hatte er diese Frage für sich selbst noch gar nicht erörtert. Nur so viel war ihm klar, dass der Bau der Mauer, die in der Schule als antiimperialistischer Schutzwall gepriesen wurde, nicht rechtens sein könne.

Den ausschlaggebenden Grund für die Einweisung sucht er bis heute. Womöglich hatte sein Opa, der Junge wuchs bei den Großeltern auf, zu laut den "Rias" gehört. Oder das verweigerte blaue Pionierhalstuch rückte den Schüler in das Visier der SED-Obrigkeit.

Da in der sozialistischen Republik jedoch keiner "zurückgelassen" und alle "Minderjährigen, die sich fehl entwickeln", mit staatlicher Rechtfertigung umerzogen werden sollten, war Buchwalds weitere Entwicklung früh besiegelt. Er kam in ein Kinderheim, mit vergitterten Fenstern.

Seine Schilderungen machen, wie die zwölf in der Kirche installierten Ausstellungstafeln, betroffen. Sie sind zugleich eine Zeitreise und belegen, wie Kinderseelen in der DDR wissentlich verbogen wurden. Die Dokumentation beweist die lange Zeit verschwiegene Umerziehung zu "sozialistischen Persönlichkeiten". Der Betrachter kann dabei nur versuchen, das Erlittene nachzuvollziehen. Deshalb ist die Aufarbeitung wichtiger denn je.

Rainer Buchwald weiß darum. Auch, dass das Thema Sensibilität und Aufmerksamkeit gegenüber der Vergangenheit erfordert. Denn die scheint 20 Jahre nach der politischen Wende nicht vollkommen beendet. Ein Mann aus dem Publikum stellt ihm diese Frage: "Muss man heute noch Angst davor haben, dass die Stasi sich negativ bemerkbar macht?" Buchwald antwortet: "Vereinzelt ist es möglich. Aber ich hatte damals keine Angst vor der Stasi und habe sie auch heute nicht."

Trotzdem haben nicht alle Betroffenen den Mut und die Kraft, über ihre Erfahrungen mit dem System zu reden. "Im Heim oder im Jugendwerkhof gewesen zu sein, wurde als Makel angesehen", erläutert Buchwald. Deshalb seien Ausstellungen wie diese so wichtig. "Um ein klares Bild von der DDR zu bekommen." Denn die in den staatlichen Heimen herrschende Disziplin werde immer noch verherrlicht. In Wirklichkeit war es Drill. Betroffene schweigen deshalb nicht nur aus Angst, sondern auch aus Scham. Rainer Buchwald sprach stellvertretend auch für diese Menschen. Für letztere geht er in Archive und hilft bei der Aufarbeitung der Vergangenheit.

Von Bärbel Kraemer

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