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Potsdam-Mittelmark Kirchengemeinde erlaubt muslimische Bestattungen
Lokales Potsdam-Mittelmark Kirchengemeinde erlaubt muslimische Bestattungen
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02:15 27.11.2017
Symbolfoto: In Borkheide Quelle: dpa
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Borkheide

Auf dem Borkheider Friedhof sollen in Zukunft auch Tuchbestattungen möglich sein. Das hat der Gemeindekirchenrat beschlossen. Er ist damit mindestens in Potsdam-Mittelmark wohl in einer Vorreiterrolle. „Wir haben auch schon die Idee, welches Areal dafür in Frage kommet“, sagt die Vorsitzende Sabine Borchert.

Die Idee neben Familien- und Reihengräbern, Urnenfeldern und Baumgräbern die Tuchbestattungen zu erlauben, hatte Richard Wagner. Für die Bundeswehr war er im Kosovo und Afghanistan: „Ich habe dort viele Muslime kennen und schätzen gelernt.“ Wagner und Borchert sind sich gewiss, dass früher oder später die Frage der Beerdigung von Muslime hierzulande gestellt wird. Sie haben angeregt, es in Borkheide zu erlauben. Immerhin gibt es dort schon einen Gedenkstein, wobei er lediglich der Erinnerung an Muslime dient.

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„,Die Rechtsgrundlage ist jedenfalls vorhanden“, sagt der 58-Jährige. Im Paragraf 17 des Friedhofsgesetztes der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-/Schlesische Oberlausitz (EKBO) heißt es, dass „Bestattungen grundsätzlich in Särgen oder Urnen vorzunehmen sind . Der Friedhofsträger kann im Gesamtplan Abteilungen ausweisen, auf denen Bestattungen im Leichentuch zulässig sind, soweit das Landesrecht dies zulässt“.

Strenge Regeln im Islam

Der Islam schreibt strenge Regeln für die Gläubigen vor. Gefordert ist ein sargloses Begräbnis, das in der Ausrichtung nach Mekka auf Allah bezogen ist.

Nach der Waschung und Salbung wird der Verstorbene in sein Totengewand gekleidet, wenn es bereits vorbereitet im Schrank liegt. Oder er wird unbekleidet in ein weißes baumwollenes Tuch gehüllt, das über dem Kopf und unterhalb der Füße mit gleichfarbigen Stoffstreifen zusammengebunden wird.

Vom Toten sollen nur die Körperumrisse unter dem Tuch zu erkennen sein. Denn: Im Tode vor Allah sind alle gleich.

Die kostspielige Sargbestattung ist auch in Deutschland erst seit dem 19. Jahrhundert üblich geworden.

Unter anderem hygienische Aspekte – wider die Seuchenausbreitung – waren ausschlaggebend. Für Muslime ist der Sarg lediglich für den Transport eines Leichnams üblich.

Das bedeutet, dass die Möglichkeit durch ein Landesgesetz grundsätzlich erlaubt sein muss. Das Brandenburgische Bestattungsgesetz legt nur fest, dass „Erdbestattungen nur auf Friedhöfen vorgenommen werden dürfen“. Ob im Sarg oder Tuch bleibt offen. Den Vorschriften folgend, will die Kirchengemeinde, die in Borkheide die kommunale Fläche gepachtet hat und verwaltet, jetzt an ziemlich zentraler Stelle eine solche Abteilung festlegen. „Es soll nicht irgendeine versteckte Ecke werden“, betont Richard Wagner. Wohlwissend, dass dann eine Ausrichtung des Leichnams in Richtung Mekka möglich sein muss.

„Wir rechnen nicht schon morgen mit den ersten Anfragen, aber wir sind vorbereitet und es ist für mich selbstverständlich“, sagt Richard Wagner. Und auch für Sabine Borchert gehört jeder dazu. „Der Friedhof ist ein Ort des Friedens für alle“, betont sie. Wie die Gemeindekirchenratsvorsitzende berichtet, wird diese offene Einstellung seit jeher gelebt.

Die Kriegsgräbergedenkstätte wurde vor kurzem umgestaltet. Fünf Bäume sind für eine Baumbestattung ausgewählt worden, drei sind schon vollständig besetzt. „Hier gibt es schon Anfragen aus den Nachbargemeinden“, sagt Borchert. Eine Erweiterung ist geplant. Darüber hinaus wird die Idee eines „Familienbaums“ diskutiert.

„Wir sind für die Menschen da, wir wollen mit ihnen ins Gespräch darüber kommen, wie sie ihrer Lieben gedenken wollen“, sind sich beide Protagonisten einig. Sie ärgern sich eher, wenn andere Regeln nicht eingehalten werden. „Filmen und Fotografieren ist beispielsweise grundsätzlich verboten und nur mit Ausnahmegenehmigung möglich.“

Wagner und Borchert wissen, dass die Erlaubnis, im Leichentuch zu bestatten, zu einem Aufschrei führen kann. „Ich glaube, dass es bisher keinem aufgefallen sein wird. Aber jetzt werden wohl die Telefone nicht still stehen“, sagt die Vorsitzende.

Von Andreas Koska

26.11.2017