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Kleinmachnow Konten sperren, Käufer alarmieren: Wie Ebay Betrug im Netz bekämpft
Lokales Potsdam-Mittelmark Kleinmachnow Konten sperren, Käufer alarmieren: Wie Ebay Betrug im Netz bekämpft
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15:41 09.12.2019
Das Firmen-Logo an der Ebay-Zentrale in Kleinmachnow. Quelle: Alina Novopashina/dpa
Potsdam

Auf Ebay Kleinanzeigen wird vom Meerschweinchen bis zur Eigentumswohnung alles gehandelt. In der Zentrale in Kleinmachnow (Potsdam-Mittelmark) wachen Experten darüber, dass es auf dem Online-Marktplatz fair zugeht. Der Sicherheitsbeauftragte Sebastian Behncke erklärt, worauf es beim Rubrikenhandel ankommt.

Ist die Vorweihnachtszeit eine Hochsaison für Betrüger?

Behncke: Wir sehen saisonale Zusammenhänge. In der Vorweihnachtszeit steigt die Zahl der Betrugsfälle in bestimmten Bereichen an – etwa beim Handel mit Playmobil und Lego, mit Spielzeug allgemein. Gelegenheitsbetrüger rufen einen sehr günstigen Preis auf. Man muss sich daher fragen, ob ein Angebot nicht zu gut ist, um wahr zu sein: Warum sollte ein Artikel 30 Euro kosten, wenn im Laden 80 Euro dafür verlangt werden? Das muss ein Warnsignal sein. Ist das Spielzeug vielleicht vom Lkw gefallen oder bezahle ich am Ende für eine Ware, die ich gar nicht bekomme? Typische Betrüger versuchen etwas zu verkaufen, was sie nicht besitzen.

Woran kann ein Kunde betrügerische Annoncen erkennen?

Die Betrüger verwenden oft Katalogbilder, weil sie ja den Artikel nicht haben – zum Beispiel direkt von der Webseite des Herstellers. Gewieftere Betrüger suchen eher nach selbst geschossenen Fotos von anderen Plattformen und kopieren sie – zum Beispiel mit einer Schrankwand im Hintergrund. Der Preis ist ein weiteres Kriterium – ein Angebot, das zu gut ist um wahr zu sein, ist es meist auch nicht. Ansonsten sollten sich Interessenten stets auch das Nutzerkonto des Anbieters anschauen – wie lange handelt er bereits, was bietet er sonst noch an.

Wie gehen Ihre Betrugsermittler vor?

Wir können beispielsweise anhand der IP-Adresse des Computers schauen, woher eine Anzeige kommt. Ebenso können wir prüfen, ob eine hinterlegte Telefonnummer oder andere Merkmale auch bei anderen Nutzerkonten zu finden sind.

Was tun Sie, wenn Sie einen Betrug feststellen?

Wir sperren unter anderem Nutzerkonten. Das passiert im Verhältnis zur Gesamtanzahl aller Nutzerkonten eher selten. Zusätzlich versenden wir oft einen Warnhinweis an alle Nutzer, die mit dem Betreffenden Kontakt bei Ebay Kleinanzeigen hatten. Sie bekommen einen Hinweis, dass ihr Handelspartner gesperrt wurde und sie ihr Geschäft möglichst sicher oder gar nicht abwickeln sollten. Nicht immer geht es um Betrug – häufiger sind Anzeigenlöschungen. Etwa jede 50. Anzeige wird durch uns gelöscht, in der Regel aufgrund von Verstößen gegen unsere Grundsätze. Wir haben übrigens hunderte Leute, die sich die Anzeigen anschauen, sich mit Betrug, aber auch mit normalen Kundenanfragen beschäftigen.

Wie häufig kommt Betrug vor?

Auf der Seite haben wir ständig etwa 37 Millionen Anzeigen. Uns erreichen im Monat etwa 8000 Schadensmeldungen. In diesen Meldungen verstecken sich aber auch Meldungen von Nutzern, die ihre Ware später dann doch bekommen haben. Andererseits kennen wir natürlich auch nur die uns gemeldeten Betrugsfälle. Manche Kunden verbuchen einen Verlust als Lehrgeld.

Was sollte man nie tun?

Der Klassiker: Viele Interessenten überweisen in gutem Glauben per Vorkasse höhere Beträge. Davor warnen wir. Es gibt sicherere Transaktionsformen. Das kann Paypal sein, muss es aber nicht. Paypal deckt zum Beispiel nicht alle Güter ab. Das betrifft etwa Fahrzeuge und virtuelle Güter wie Download-Codes. Außerdem sollte man sich die Bedingungen genau anschauen – mindestens einmal. Am sichersten ist die Abholung vor Ort: Ware gegen Geld.

Wie oft meldet sich die Staatsanwaltschaft bei Ihnen?

Die Zahl der Anfragen von Ermittlungsbehörden liegt pro Woche im niedrigen dreistelligen Bereich. Veterinärämter melden sich ebenfalls – denn bei Ebay Kleinanzeigen werden auch Hunde, Katzen, Goldfische und Pferde gehandelt.

Bitte nennen Sie herausragende Betrugsfälle.

In Hamburg bot ein gewerbsmäßiger Betrüger Hollandfahrräder zum Verkauf an. Wenn man auf diesen oft etwas verschwommenen Fotos etwas genauer hinsah, konnte man bemerken: Die Fahrräder waren noch angeschlossen. Der Betrüger hat die Räder gewissermaßen katalogisiert, einen Preis aufgerufen und bei Interesse die Räder nachts „von ihren Ketten befreit“ – es war Diebstahl auf Nachfrage. Zusammen mit dem LKA haben wir festgestellt: Rund 400 Fahrräder waren inseriert worden. Der Mann landete vor Gericht und erhielt ein Jahr Haft. Es gab auch einen Fall, in dem im Jahr 2016 ein Kind zum Verkauf angeboten worden war – ob als Spaßanzeige oder nicht: Der Anbieter erhielt eine Haftstrafe und das Jugendamt schaltete sich ein. Das zog Kreise und ging durch die Presse.

In welchen Fällen arbeiten Sie mit Veterinärämtern zusammen?

Beim Haustierhandel gibt es bei uns sehr strenge Spielregeln. Zum Beispiel dürfen keine Tiere aus dem Ausland angeboten werden. Es kommt aber vor, dass Welpen aus Rumänien oder Polen inseriert werden. Dann schalten sich Veterinärämter ein. Wir können zum Beispiel IP-Adressen liefern, anhand derer zu erkennen ist, ob ein Welpe, der angeblich in Potsdam gehalten wird, nicht doch aus dem Ausland stammt. Wir würden uns wünschen, dass die Ermittlungsbehörden mehr Druck ausüben. Landeskriminalämter zum Beispiel kümmern sich vor allem um Fälle bandenmäßigen Betrugs. Bei den kleineren Fällen ist es leider sehr wahrscheinlich, dass der Betrogene nach ein paar Wochen von der Staatsanwaltschaft die Mitteilung erhält: Verfahren eingestellt. Das Gelegenheitskriminelle merken dann: Das ist ziemlich lukrativ. Bei Hunden kann ein Wurf mehr Geld bringen als viele Menschen im Monat verdienen. Beim seriösen Züchter kostet ein Welpe schnell mehr als 1000 Euro.

Welche Art Leute stellen Sie als Betrugsermittler ein – Juristen?

Sie müssen begeistert sein. Wir haben Kollegen, die Ihnen nachts um zwei wie aus der Pistole geschossen den aktuellen Preis des iPhone 11 in Silber nennen. Das ist wichtig, denn der Preis kann ein entscheidender Hinweis darauf sein, ob ein Angebot seriös ist oder nicht. Spezialisten braucht man auch, um gefälscht Louis-Vuitton-Taschen zu erkennen.

Werden Sie eher von selbst tätig oder werden Sie auf Verdachtsfälle hingewiesen?

Beides. Wir schauen uns Anzeigen im Vorfeld an und reagieren auf Meldungen der Gemeinschaft. Wir prüfen aber auch, ob ein gewerblicher Anbieter einfach nur auf dem Wege einer Meldung versucht, einen Konkurrenten in die Pfanne zu hauen. Jeder Meldung gehen wir nach.

Sie sprachen von Prüfungen im Voraus: Passiert das in jener Zeit, die verstreicht, bevor eine online abgeschickte Anzeige im Portal erscheint?

Uns hilft die Technik. Preis und Schlagworte etwa werden automatisch überprüft. Wenn etwas auffällt, schaut sich das ein Mensch an. Es gibt Automatismen, die dafür sorgen, dass bestimmte Dinge generell nicht online gehen – Sexspielzeug darf man beispielsweise nicht auf Ebay Kleinanzeigen anbieten. Allerdings hat auch die künstliche Intelligenz Grenzen. Um sexuelle Belästigung zu vermeiden, kann man zum Beispiel den Begriff ,Ausschnitt‘ herausfiltern. Allerdings gibt es bei Bekleidung V- und Rundhals-Ausschnitt. Den Kontext erkennt der Computer nicht gleich.

Welche Rolle spielt das Weihnachtsgeschäft?

Die Zahl der Anzeigen steigt generell vor allem nach Weihnachten an – wenn die Leute die ganzen Geschenke wieder verkaufen, die sie nie wollten. Das ist übrigens der beste Zeitpunkt für Schnäppchenjäger: Mit steigendem Angebot sinken die Preise.

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