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Kleinmachnow Stahnsdorfer Blindgänger: Die Nacht, in der die Bombe fiel
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11:11 14.02.2020
Die Alte Hakeburg in Kleinmachnow wurde bei dem gleichen Angriff zerstört. Quelle: Heimatverein Kleinmachnow/Mehlhardt
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Region Teltow

329 Kampfflugzeuge der britischen Royal Air Force (RAF) waren es, die am 27. März 1943 die Region Berlin und Umgebung heimsuchten. Beladen waren sie mit 449 Sprengbomben und noch einmal annähernd der gleichen Menge an Brandbomben. Eine große Menge davon sollte in der Teltower Region landen – wegen eines Fehlers der Piloten in der Zielabsteckung, hat der Stahnsdorfer Heimatforscher Peter Reichelt herausgefunden. Er ist davon überzeugt, dass eine davon die 500-Kilo-Bombe in Stahnsdorf war, die vorige Woche am 6. Februar gefunden und in der Nacht darauf gesprengt wurde.

Doch während dieser eine Sprengsatz zum Blindgänger wurde, zerstörten andere Bomben zahlreiche Gebäude in Kleinmachnow und Stahnsdorf, darunter auch historisch bedeutsame wie die Alte Hakeburg, das daneben liegende Herrenhaus („Schloss Machnow“), das Gasthaus Franz Grothe gegenüber vom Stahnsdorfer Hof oder die Stahnsdorfer Dorfkirche.

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Letztere wurde zwar nicht komplett zerstört, erlitt aber durch die Druckwellen der in der Nähe detonierenden Bomben größere Schäden im Dachstuhl. Die Erfahrung, welche Schäden eine solche Explosion in der Umgebung anrichten kann, mussten nun, fast 77 Jahre später, mehrere Hauseigentümer machen. Auch bei der gezielten Explosion des Blindgängers am Sonnabendmorgen wurden Dächer angehoben, Fenster zerschmettert, Türen eingedrückt. Zwei Häuser gelten noch als unbewohnbar.

Das Gasthaus Grothe in Kleinmachnow gegenüber Stahnsdorfer Hof, Anfang des 20. Jahrhunderts. Quelle: Heimatverein Kleinmachnow

Schlimmer als für die Kirche damals waren die Folgen für das Gasthaus Grothe, das vor allem für Kleinmachnow historisch bedeutsam war, wo man 2020 das 100-jährige Bestehen als Gemeinde feiert: In dem Lokal hatte die neuen Gemeindevertretung am 26. März 1920 Förster Heinrich Funke zum ersten Gemeindevorsteher gewählt. Einen Monat später wurde die erste offizielle Sitzung abgehalten. Zur Gründungsversammlung der freiwilligen Feuerwehr im September 1932 war das Erscheinen aller dienstfähigen Männer Pflicht ebenfalls in dem Tanzlokal, das an langen Tischreihen Sitzplätze für bis zu 1500 Personen bot. Doch in der Nacht vom 27. auf den 28. März 1943 wurde das architektonisch hübsche Gebäude von mehreren Brandbomben getroffen. „Es war nicht mehr zu retten“, sagt Jürgen Böhm, der Vorsitzende des Stahnsdorfer Heimatvereins.

So sah die Alte Hakeburg Anfang des 20. Jahrhunderts aus. Quelle: Heimatverein Kleinmachnow

Ein ähnliches Schicksal erlitten die Alte Hakeburg und das Herrenhaus (Schloss Machnow) daneben. Axel Mueller vom Kultur- und Heimatverein Kleinmachnow weiß, dass in den Kriegsjahren ein Lazarett darin untergebracht war, nachdem die Gutsherren ausgezogen waren. „Es gab Vorwürfe, dass man sich nicht um eine ordentliche Brandwache gekümmert habe“, sagt er. Phosphorbrandbomben hätte man durchaus aus dem Dachboden werfen und so den Schaden minimieren können. „Dazu musste man sie aber erst bemerken.“ Für die Alte Hakeburg war es zu spät, der Schaden war zu groß. Von ihr und auch dem Herrenhaus blieben nur Ruinen zurück. Auch sechs Wohnhäuser Im Tal wurden am 27. März 1943 zerstört.

Das Herrenhaus/Schloss Machnow wurde auch Opfer des Zweiten Weltkrieges. Quelle: Heimatverein Kleinmachnow

Fast alle Orte in der Region erlebten in dieser Nacht Bombardierungen, auch Schenkenhorst oder Güterfelde, auf das besonders viele Brandbomben abgeworfen wurden. Doch am schrecklichsten waren sicher die Folgen in Struvesdorf bei Ludwigsfelde, beschreibt Reichelt in seinem Buch „Im Ort gesehen“, in dem er unter anderem diesen Bombenangriff auf die Region dokumentiert: Dort wurde das Wohnhaus in einer Erziehungsanstalt vollständig zerstört. In dem Luftschutzkeller des Hauses starben in dieser Nacht 17 Personen,darunter elf Kinder.

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Von Konstanze Kobel-Höller