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Kleinmachnow Walter Gottschling ist so alt wie sein Heimatort
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20:00 12.02.2020
Walter Gottschling lebt in Kleinmachnow und wird 100 Jahre alt. Quelle: Gesine Michalsky
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Kleinmachnow

Walter Gottschling wird 100 und erinnert sich an bewegende Geschichten und das Wachsen der Landgemeinde Kleinmachnow

Herr Gottschling, Sie feiern am 6. April Ihren 100. Geburtstag. Kleinmachnows Geburtsstunde – die Wahl von Förster Funke zum ersten Bürgermeister – folgte zwei Wochen später. Können Sie sich an Förster Funke erinnern?

Walter Gottschling: Nein. Ich war 1928 zum ersten Mal in Kleinmachnow, wir lebten zuvor noch in Zehlendorf. Mein Vater arbeitete als Postbote und war Kriegsinvalide, er hatte nur noch einen Arm. Ich ging in Zehlendorf zur Schule. Wir zogen oft um, meine Eltern hatten nicht genug Geld und konnten die steigenden Mieten in den Beamtensiedlungen nicht zahlen. Es war nicht leicht für Familien, die aus Schlesien kamen und in Berlin bessere Arbeit suchten. Meine Mutter durfte als Beamtenfrau nicht arbeiten und das Geld reichte nicht mehr für die Miete, daran kann ich mich erinnern. Und ich weiß noch aus der Zeit, was Hunger bedeutet.

Wann sind Sie denn nach Kleinmachnow gezogen?

Das war 1933. Vorher haben meine Eltern sich intensiv über die Bürgerhaus-Siedlung informiert. Es war damals nicht nur in unserer Familie Tagesgespräch, dass Adolf Sommerfeld unglaubliche 1 280 bezahlbare Einfamilienhäuser bauen wollte. Meine Eltern fuhren nach Brandenburg, um sich davon zu überzeugen, dass alles stimmt. Und wir wollten auch wegen der Nationalsozialisten aus Berlin weg und hofften, dass deren Einfluss nicht bis Brandenburg reicht.

1961 feierten die Gottschlings Einschulung. Im selben Jahr erschwerte der Mauerbau es ihnen, besucht zu werden. Quelle: privat

Können Sie sich noch an ihre ersten Eindrücke erinnern?

Mein Vater hat persönlich Kontakt zu Adolf Sommerfeld aufgenommen. Vor dem Verkaufsbüro gab es eine Informationstafel. Dort hat man meinem Vater gesagt, wenn er 3600 Reichsmark in bar auf den Tisch legt, dann bekommt er sofort eine Urkunde und besitzt ein Grundstück mit Haus. Der Rest war mit 65 Reichsmark monatlich 30 Jahre lang abzubezahlen. Gerade entstanden die ersten 250 Häuser.

Und dann funktionierte alles?

Meine Eltern haben zum Hochzeitstag alle Verwandten eingeladen. Es kamen zwölf und die erfuhren dann, wieviel Geld fehlte. Unsere Familie hielt zusammen und es kam so viel Geld zusammen, dass die Summe bar bezahlt werden konnte. Mein Vater verdiente damals rund 260 Reichsmark.

 Wie fanden Sie den Umzug nach Kleinmachnow als Heranwachsender?

Ich habe viel Zeit im Wald verbracht und habe noch Rehe gesehen. Der Wald wurde gerodet, trotzdem sollten ein paar Bäume für den Charakter erhalten bleiben. Wir Kinder kannten keine Grenzen. Für uns waren Brandenburg und Berlin eins. Die große Familie kam aus Berlin und feierte einmal im Jahr auf unserer Terrasse. Das war der Dank für die Unterstützung. Streit gab es nie!

So sah der Blick von Westberlin auf das Grundstück der Gottschlings aus. Quelle: privat

Hinter ihrem Garten fuhr die Stammbahn, war das ein Nachteil?

Nein (lacht), Berliner sind das gewohnt. Die Eisenbahn fährt hier ja kreuz und quer an Wohnhäusern vorbei. Zehn Sekunden, dann waren die Züge vorbei. Am Anfang waren aber die Dampfloks lästig. Unser Grundstück hat der Verkäufer meinen Eltern angepriesen, weil die Nachbarn mit Garage gekauft hatten und das ein Zeichen wäre, dass wir drei Kinder im Garten ungestört spielen können. Das stimmte auch.

Ihr Sohn wohnt in dritter Generation mit seinen Kindern in dem Haus, das Ihre Eltern erworben haben, gab es Momente, wo sie Kleinmachnow verlassen wollten?

Nein, Nie. Und das Haus wird, glaube ich, immer in Familienbesitz bleiben.

 Auch nicht, als die Mauer Kleinmachnow von Berlin trennte und durch ihren Garten verlief?

Meine Eltern sind noch vor dem Mauerbau 1961 nach Zehlendorf zurückgegangen. Der Vater hätte seine Rentenansprüche verloren. Bis 1949 war ich in russischer Kriegsgefangenschaft. Ich habe meine Frau kennengelernt, die leider vor einem halben Jahr verstorben ist, und 1956 und 57 kamen unsere Kinder auf die Welt. Wie hatten Mangelwirtschaft und haben uns für Lebensmittel auf den Kopf gestellt.

Idyll im Grünen: So sah das Haus aus, als die Gottschlings es erwarben. Quelle: privat

Wie haben Sie Ihren Kindern die Teilung und die Trennung der Familie erklärt?

Wir haben viel durchgemacht, wir dachten, das kriegen wir auch hin. Meine Eltern standen zuerst am Zaun auf der anderen Seite und wir haben von der Terrasse aus gewunken. Dann klingelte es bei uns und ich wurde von bewaffneten Volkpolizisten verhaftet. Ich hätte telegrafische Zeichen zwischen zwei Ländern gesendet, warf man mir vor. Ich kam wieder frei, wir durften aber nicht mehr winken. Eine Zeitlang haben wir als Erkennungszeichen noch laut Kantaten von Bach auf der Terrasse gehört. Wer uns besuchte, musste einen Antrag stellen und strenge Kontrollen ertragen. Wir hatten keine Wahl.

 

Und wie haben Sie dann den Fall der Mauer erlebt?

Ich habe mich über die neuen Zugezogenen gefreut. Wir konnten ihnen zeigen, dass Kleinmachnow ein sehr lebenswerter Ort ist.

Ein Ort mit Aufwuchs

Fünf Kleinmachnower 100-Jährige gibt es. Gemeinsam mit der Landgemeinde feiern in diesem Jahr drei Frauen und zwei Männer ihren 100. Geburtstag. Sie wurden 1920 geboren.

Die Einwohnerzahl Kleinmachnows vervierfachte sich im Zeitraum von 1925 bis 1933 auf rund 3600. Zwischen 1933 und 1939 zählte man 9000 Zugezogene in den neu gebauten und bezahlbaren Siedlungen. Der Initiator des industriellen Hausbaus Adolf Sommerfeld musste wegen seiner jüdischen Religionszugehörigkeit 1933 aus Deutschland fliehen.

Die zweite große Zuzugs-Bewegung nach Kleinmachnow begann 1998. Bis 2020 haben sich rund 7000 Wohnraum-Suchende in der Brandenburger Gemeinde neu niedergelassen.

Von Gesine Michalsky

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