Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Kleinmachnow Jagdpächter will Pfeil und Bogen als Alternative zum Gewehr etablieren
Lokales Potsdam-Mittelmark Kleinmachnow Jagdpächter will Pfeil und Bogen als Alternative zum Gewehr etablieren
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:58 31.05.2019
Bei einem Training legt ein Bogenschütze auf eine Zielscheibe an. Quelle: Deutscher Bogenjagdverband
Stahnsdorf

Nur ein halbes Jahr Zeit bleibt Jagdpächter Peter Hemmerden, um zu zeigen, dass die Bogenjagd eine sinnvolle Ergänzung zur Jagd mit Gewehren ist, wenn es um die Eindämmung der Wildschweinplage geht. Sein entsprechender Antrag, der voraussichtlich innerhalb der nächsten zwei Wochen bewilligt werden soll, sei hinsichtlich des Namens, der Region und auch zeitlich befristet, erklärt der Sprecher des brandenburgischen Landwirtschaftsministeriums, Jens-Uwe Schade, auf MAZ-Nachfrage.

Peter Hemmerden (r.) und Jörg Fenske sind die zuständigen Jagdpächter für Kleinmachnow und Stahnsdorf. Quelle: Gesine Michalsky

Die Genehmigung wird für Kleinmachnow und Stahnsdorf gelten und läuft Ende Januar 2020 ab. Schade sieht keine Option auf eine Verlängerung. „Sollte es sich als Konzept bewähren, kann man über neue Modelle nachdenken. Es ist zur Auflockerung von Denkverboten gedacht“, sagt Schade.

Hauptpunkt der Genehmigung ist die wissenschaftliche Begleitung, für die der Zuschlag aber noch nicht erteilt ist. Bewerber gibt es jedenfalls. Dabei sollen drei Fragen geklärt werden: Fachlich, ob die Bogenjagd gegenüber den konventionellen Methoden einen Mehrwert bringt und ob aus Sicht des Tierschutzes Probleme damit bestehen. Soziologisch geht es um die Akzeptanz der Bogenjagd in der Öffentlichkeit. Eine Jagdberechtigung kann aus der wissenschaftlichen Begleitung nicht abgeleitet werden.

Ministerium will Jägertourismus vermeiden

Hemmerden kann aber „noch wen ins Boot holen“, sagt Schade, der gern mehr Jäger aus der Region im Einsatz sähe, „es wird keinen Jagdbogentourismus geben.“ Hemmerden hat hingegen bereits fünf erfahrene Bogenjäger aus ganz Deutschland – darunter Bayern, Thüringen und Saarbrücken – beim Ministerium angemeldet. Nun liegt es an der Behörde, darüber zu entscheiden, ob er die gewünschte Unterstützung bekommt, oder ob er sich neu umsehen muss.

„Die Frage ist ohnehin, ob die erteilte Genehmigung überhaupt wahrgenommen wird“, so Schade. Man müsse auch mit dem Druck umgehen können. „Wir stehen zur Bogenjagd und hoffen, dass der Jagdpächter es auch tut.“

An Hemmerden soll es jedenfalls nicht liegen: „Wir werden sicher von der Genehmigung Gebrauch machen.“ Er habe ein „Konzept für die Durchführung der Jagd mit Pfeil und Bogen im urbanen Gebiet“ entwickelt, das darstellt, in welcher Form diese Jagd eine sinnvolle Ergänzung darstellen würde. Sobald die Genehmigung vorliegt, möchte er sich mit den begleitenden Wissenschaftlern treffen, um diese und deren Ideen in das Papier zu integrieren.

30 bis 50 Wildschweine sind in Stahnsdorf und Kleinmachnow heimisch geworden. Quelle: Gemeindeverwaltung Glienicke / Ivonne Pelz

Damit darf der Jagdpächter künftig auch in der Ortslage auf Wildschweine schießen. „Es wird sicher auch Auflagen geben, wo es gar nicht geht“, räumt Schade ein. Hemmerden ist der Meinung, dass die Wildschweine mittlerweile schon so zahm sind, dass man sie aus der Ortslage nicht mehr anders los wird. Man könne sich ihnen schon auf zwei oder drei Meter nähern.

„Fakt ist außerdem: Die vermehren sich weiter – und der Nachwuchs, der dort geboren wird, ist an den Ort gebunden.“ 30 bis 50 Tiere schätzt er, sind mittlerweile mitten in Stahnsdorf und Kleinmachnow heimisch. Wo genau, möchte er nicht sagen. „Sie wandern und haben Lieblingsorte, die sie immer wieder besuchen.“ In den sechs Monaten werde es zwar nicht gelingen, die Orte wildschweinfrei zu machen, aber man könne vielleicht Antworten geben.

Kritiker befürchten Fehlschüsse bei der Bogenjagd

Wenig begeistert ist Thomas Michel (Bündnis’90/Grüne) aus Stahnsdorf. „An den Ursachen wird damit nicht gearbeitet. Es wird einfach nur etwas gemacht, damit man zeigt, dass man etwas macht.“ Michel hat Angst, dass ein Schuss nicht hundertprozentig sitzt und ein Tier dann blutend durch die Straßen läuft: „Dann wird sicher der eine oder andere laut rufen: Wie konnte das passieren!“ Das wird nicht geschehen, hält Hemmerden entgegen. Geschossen werde nur, wenn die eigenen strengen Vorgaben auch wirklich eingehalten werden können, sodass das Wildschwein auch tatsächlich sicher tödlich getroffen wird. „Wir sind definitiv der Meinung, das ist tierschutzgerecht und werden das wissenschaftlich untermauern“, so Hemmerden weiter.

Bogenjagdgruppe in der Region geplant

Die Bogenjagd ist in Deutschland verboten, in 17 anderen europäischen Ländern aber erlaubt.

Peter Hemmerden hat bereits einen Bogenjagdschein. Er möchte ein Team mit rund fünf weiteren Bogenschützen aufbauen, um die Wildschweine in den Ortsgebieten Kleinmachnows und Stahnsdorfs effizient schießen zu können.

Er rechnet mit einer Jagddistanz von fünf bis 20 Metern, da die Tiere schon so zahm sind, üblich sind bei der Bogenjagd maximal 25 Meter.

Bei einer Entfernung von 25 Metern trifft das Geräusch des „Sehnenschlags“, das beim Abschießen eines Pfeils entsteht, erst beim Tier oder der Rotte ein, wenn das Tier bereits getroffen wurde, sodass es nicht schon vorher durch das Geräusch aufgeschreckt wird. Das macht die Jagd mit dem Bogen zielsicherer als mit dem Gewehr, bei dem aus größerer Entfernung geschossen wird. Hier werden die Tiere durch den Schuss beunruhigt und bewegen sich schon, bevor die Kugel ihr Ziel erreicht hat.

Ein Jagdpfeil fliegt mit rund 90 Metern pro Sekunde und verliert die meiste Energie im Tierkörper. Ein Projektil beschleunigt auf rund 1000 Meter pro Sekunde und kann auch aus dem Tier wieder austreten.

Ein Pfeil erzeugt, im Gegensatz zu einem Projektil, keine Querschläger, argumentieren die Befürworter der Bogenjagd.

Michel hält es nicht für unwahrscheinlich, dass die Tierschutzlobby erneut in der Region für Unruhe sorgen könnte. Ihm sei aber nicht zu Ohren gekommen, dass es Einheimische gebe, die aktiv auftreten würden.

Jagdpächter erhält Drohungen

Hemmerden ist jedenfalls auf der Hut: „Ich rechne mit Störungen.“ Die Bogenjäger werden daher nie allein unterwegs sein. So wären im Zweifelsfall auch Zeugen bei „eventuellen Behauptungen“ vorhanden und dem Schützen könne der Rücken frei gehalten werden. Er versichert aber: „Wir werden es nicht auf Eskalationen ankommen lassen.“ Die Polizeistelle in Teltow sei jedoch schon informiert, denn: Wer die Jagd stört, begeht eine Ordnungswidrigkeit.

Mit Druck umzugehen, das hat Hemmerden jedenfalls schon gelernt: „Ich werde in verschiedenen sozialen Medien mit Hass und Hetze verfolgt, bis hin zu Suizidaufforderungen.“

>>>Lesen Sie auch:

Hat Brandenburg eine Wildschweinplage?

Von Konstanze Kobel-Höller

Der älteste besiedelte Teil Kleinmachnows hat sogar den Experten Rätsel aufgegeben. Doch ob nun Schnaps gebrannt oder Wäsche ausgekocht wurde: Jetzt werden Fundstücke der archäologischen Grabung für die Öffentlichkeit ausgestellt.

31.05.2019

Immer wieder haben sich Anwohner des Kleinmachnower Rathausmarktes über brenzlige Situationen zwischen Fußgängern und Radfahrern beschwert. Jetzt sollen die Drahtesel verbannt und der Platz eine reine Fußgängerzone werden.

30.05.2019

Der Landestierschutzverband hat den Brandenburgischen Landwirtschaftsminister Jörg Vogelsänger (SPD) wegen der Genehmigung der Bogenjagd zum Rücktritt aufgefordert. Außerdem kündigte der Verband eine Strafanzeige gegen den Minister an, sobald Wildschweine mit Pfeilen geschossen werden.

30.05.2019