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Kloster Lehnin „Die Angst war an der Tagesordnung“
Lokales Potsdam-Mittelmark Kloster Lehnin „Die Angst war an der Tagesordnung“
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12:32 25.09.2019
Alt-Superintendent Pfarrer Jürgen Lorenz (Mitte) mit seiner Frau Maria mit Hans-Martin Schneider berichten von ihren Eindrücken aus der Zeit unmittelbar vor und nach dem Mauerfall in Lehnin. Quelle: Rüdiger Böhme
Lehnin

Am 9. November jährt sich der Mauerfall zum 30. Mal. Alt-Superintendent Jürgen Lorenz und seine Frau Maria und der damalige Vorsitzende der Kreissynode, Hans-Martin Schneider, erinnern sich an jene Zeit kurz vor und nach der Wende in Lehnin.

MAZ: Wann und wie haben Sie gemerkt, da ist eine zu spürende neue Entwicklung?

Jürgen Lorenz: Wir haben es von Lehnin aus erst aus der Entfernung betrachtet: Die Umwelt- und Friedensgruppen im kirchlichen Bereich erlebten einen Zustrom in größeren Städten. Sie verteilten Flugblätter und forderten eine Demokratisierung der Gesellschaft. Sie trafen sich an geheimgehaltenen Orten. Transporteur dieser Richtung war das westliche Fernsehen. Es gab auch innerkirchliche Bewegungen, besonders bei den jungen Leuten.

Maria und Jürgen Lorenz während des Interviews über die Wendezeit in Lehnin. Hans-Martin Schneider hatte dazu in sein Haus eingeladen. Quelle: Rüdiger Böhme

Hans-Martin Schneider: Am Alexanderplatz in Berlin wurde offensichtlich, dass eine Solidarisierung stattfand zwischen Anhängern und Gegnern der DDR, das da eine Gesprächsfähigkeit hergestellt wurde, die deutlich zugenommen hat.

Wie erlebten Sie persönlich die Zeit?

Schneider: Ich war Ende der 80er Jahre im Kreis Frieden, Gerechtigkeit, Umwelt der Landessynode. Der Vorsitzende hat sich später als Informeller Mitarbeiter (IM) der Stasi herausgestellt. Er sagte zu mir, ich wüsste ja, dass ich nun zu den bestbewachtesten Menschen der ganzen DDR gehöre.

Der Chirurg Hans-Martin Schneider beim MAZ-Interview über die Zeit des Mauerfalls. Quelle: Rüdiger Böhme

Haben Sie das geahnt, dass der Mann IM war?

Schneider: Es wurde getuschelt. Es wäre erstaunlich gewesen, wenn es in dem Bereich keinen IM gegeben hätte.

Waren Sie schockiert?

Schneider: Nein, ich habe ihn immer noch für einen sehr anständigen Menschen gehalten.

Halten Sie ihn immer noch für sehr anständig?

Schneider:Ja.

Warum?

Schneider: Er war immer ein Mann von relativer Offenheit und ehrlichen Grundsätzen.

Maria Lorenz:Man wusste, dass immer irgendwo ein IM ist.

Chirurg, LIW-Gründer und Politiker

Hans-Martin Schneider ist 1972 als Chirurg an das Krankenhaus des Luise-Henrietten-Stifts in Lehnin gekommen. Er war dort 40 Jahre lang bis 1997 Oberarzt und zuletzt Chefarzt. Präses des Kirchenkreises war Hans-Martin Schneider von 1984 bis 1990. Ein Präses ist der ehrenamtliche Vorsitzende der Kreissynode.

Der heute 77-jährige Hans-Martin Schneider engagierte sich drei Legislaturperioden als SPD-Gemeindevertreter in Lehnin. Er war am 3. März 1991 Mitbegründer der SPD im damaligen Altkreis Brandenburg.

Auch das heutige Lehniner Institut für Kunst und Kultur schuf Hans-Martin Schneider mit seiner Frau Gisela Schneider an der Seite von Eckhart Haisch. Damals hieß es noch Lehniner Institut für Weiterbildung (LIW). Geboren wurde Hans-Martin Schneider in Stargard in Pommern.

Wie war im November 1989 die Stimmung unmittelbar vor dem Mauerfall in der Kirchengemeinde und in Lehnin?

Vertieft in das Gespräch: Jürgen Lorenz und Hans-Martin Schneider. Quelle: Rüdiger Böhme

Schneider:Die Stimmung in Lehnin war zehn Tage vor dem Mauerfall sehr geprägt von den Friedensgebeten. An zwei Montagen vor dem 9. November gab es mit etwa 50 Teilnehmern eine Kerzendemonstration von der Klosterkirche zur katholischen Kirche.

Maria Lorenz:Jeder trug eine Haushaltskerze mit Pappteller.

Lorenz: Das war Ihre Anregung, Herr Dr. Schneider. Wir machten das in Anlehnung an die Montagsdemonstrationen an anderen Orten.

Was war Ziel der Demonstration?

Lorenz: Es sollte ein Friedenszeichen sein, dass wir in die Öffentlichkeit tragen wollten. Wir verstießen damit gegen das Demonstrationsrecht der DDR und wussten nicht, wie die Sache endet. Ob nicht am nächsten Tag ein Anruf vom Rat des Kreises gekommen wäre, dass wir etwas Illegales getan hätten. Wir hätten dann gesagt, das war keine Demonstration, sondern eine Kerzenprozession.

Schneider: Die Bewegung schwappte über. Und es war wesentlich, dass es ökumenisch war.

Superintendent und Katechetin im Kirchenkreis Lehnin

Jürgen Lorenz war Pfarrer und Superintendent des Kirchenkreises Lehnin von 1987 bis 1999. Seit 20 Jahren ist er in Pension. Geboren wurde er 1935 in Berlin-Tempelhof.

Maria Lorenz ist 80 Jahre alt und gebürtige Potsdamerin. Sie arbeitete viele Jahre als Katechetin.

Heute lebt das Ehepaar auf der Insel Töplitz bei Werder.

War auch in Lehnin die Stimmung zum Aufbruch spürbar?

Schneider:Wichtig war, dass demonstrativ gezeigt wurde, dass Leute eine Veränderung wollten.

Lorenz:Lehnin lag ja etwas im Windschatten des Großgeschehens. Viele sind nach Potsdam oder Brandenburg gefahren, um dort an den Demonstrationen teilzunehmen. Der Dom in Brandenburg war ein absoluter Schwerpunkt. Aber auch junge Schwesternschülerinnen sind zu mir gekommen und baten, Texte des Neuen Forums oder von Demokratie Jetzt im Schaukasten der Kirchengemeinde auszuhängen. Doch die Schaukästen der Kirchengemeinden standen unter scharfer Beobachtung des Kreises. Mehrfach forderte mich der Rat des Kreises auf, die Zettel sofort zu entfernen, weil es den Aufbau des Sozialismus’ schädigen würde. Auch der damalige Pfarrer Andreas Kuhnert, der dann in die Politik gegangen ist und später langjährig SPD-Landtagsabgeordneter war, hatte in seiner Kirchengemeinde die neuesten Beschlüsse und Appelle des Neuen Forums ausgehängt. Weil wir uns natürlich das nicht vorschreiben lassen wollten, haben wir gesagt, am Monatsende würden wir die Zettel abhängen.

Schneider: Der damalige Vorsitzende des Rates des Kreises hat die Wahl im Frühjahr 1990 manipuliert. Das war ganz offensichtlich. Später gab es eine Hausdurchsuchung bei ihm und er wurde abgesetzt. Sein Nachfolger kam dann jede Woche zwei-, dreimal zu mir und fragte, wie er sich jetzt verhalten solle.

Lorenz: Er fragte mich auch um Rat. Es war ein liebenswerter Mann. Er hat dafür gesorgt, dass es in Lehnin Bürgerversammlungen gab, wo man als Pfarrer immer ins Präsidium gesetzt wurde. Einmal ging es darum, Wiedereinrichter in der Landwirtschaft zu motivieren. Das war im damaligen Gesellschaftshaus, im heutigen Hotel Markgraf.

Gab es auch in Lehnin die Sorge, dass es Verhaftungen geben könnte?

Schneider: Natürlich. Die Angst war an der Tagesordnung.

Lorenz: Innerkirchlich haben wir die Linie vertreten, die Manfred Stolpe vertreten hat. Der war ja damals unser Konsiliarpräsident. Er sagte, dass wir im übertragenen Sinne nicht zu heftig zuhauen sollten. In meinen Worten: Es sei nicht sinnvoll, dem Löwen, der schon das Maul aufgerissen habe, noch auf den Schwanz zu treten, dann beiße er.

Maria Lorenz: Am Schwesternheim hingen Transparente aus dem Fenster mit der Forderung nach Frieden, Demokratie und Meinungs- und Reisefreiheit.

Lorenz: An die Wiedervereinigung hat doch keiner zu denken gewagt. Es ging uns um mehr Demokratisierung. Die Kirchenleitung hat appelliert, dass es ein oberstes Gericht geben solle, das der Bürger anrufen könne. Das war in der DDR ja unmöglich. Das wäre ein wesentlicher Bestandteil der Demokratisierung gewesen.

Maria Lorenz: Die Justiz war zu DDR-Zeiten ja nicht frei, sondern gelenkt.

Maria Lorenz hat zum MAZ-Interview ihr Tagebuch von 1989 mitgebracht. Die Seite zeigt ihre Aufzeichnungen in den Tagen um den 9. November 1989. Quelle: Rüdiger Böhme

Frau Lorenz, was ist das für ein Büchlein, das Sie bei sich haben?

Maria Lorenz: Das ist der Kirchenkalender von 1989. Es war mein Tagebuch. Es tut mir heute leid, dass ich nicht noch mehr aufgeschrieben habe. Wir hatten keine Zeit, der Tag war angefüllt von früh bis abends und dann kam noch der politische Umbruch dazu.

Was haben Sie am 9. November in Ihr Tagebuch geschrieben? Würden Sie das verraten?

Maria Lorenz: Am Vormittag des 9. Novembers holte mein Mann seinen Pass ab und abends fällt die Mauer. In meinem Buch steht (man spürt ihre innere Bewegung): „Heute Abend wurde die Grenze nach dem Westen geöffnet – nach 28 Jahren. Das ist das Geschenk zum 40-jährigen Bestehen der DDR. Unvorstellbar.“ (Maria Lorenz blickt auf). Am 7. Oktober hatte ich mir, weil ich krank war, noch die fürchterliche Kundgebung zum Geburtstag der DDR im Fernsehen angeschaut. Alle schrien Gorbi, Gorbi. Aber das DDR-Fernsehen versuchte das zu überblenden.

Der Kirchliche Amtskalender von 1989 war das Tagebuch von Maria Lorenz. Es ist ein sehr persönliches Dokument über die Zeit des Mauerfalls. Quelle: Rüdiger Böhme

Sie wohnten damals in der Superintendentur am Stiftsgelände.

Maria Lorenz: Das Luise-Henrietten-Stift war für die Bürger wie eine Oase. Wenn man auf das Stiftsgelände trat, war es wie eine andere Welt. Es war ein anderes Klima, ein anderes Leben. Die Schwesternschülerinnen waren zum Großteil Kinder von kirchlich geprägten Familien, die wussten, dass sie kein Abitur machen, geschweige denn studieren durften. Also gingen sie nach Lehnin. Das war mit unseren Kindern genauso. Auch sei durften weder Abitur machen, noch studieren.

Schneider:Auch meine Tochter durfte, obwohl sie Klassenbeste war, nicht auf die Oberschule. Sie war kein FDJ-Mitglied und kam aus christlichem Hause.

Herr Lorenz, wie erlebten Sie den 9. November?

Lorenz: Am Donnerstag, als die Mauer fiel, hatten wir Gemeinde-Kirchenratssitzung. Am Freitag waren wir vom Rat des Kreises Potsdam zur Besichtigung eines Halbleiterwerkes in Stahnsdorf eingeladen, wo ein neuer Chip präsentiert und hochgelobt in den Himmel wurde. Er war nach Westverhältnissen völlig überholt. Wir Pfarrer sollten eine wirtschaftspolitische Lehrstunde in dem Halbleiterwerk erleben. Und wir dachten, was wird, die Grenze ist offen. Wir hatten Mühe durchzukommen, weil in Teltow schon die Grenze offen war. Selbst Leute aus dem Stift sind am Abend nach der Maueröffnung nach Berlin gefahren und hatten zum Glück am nächsten Tag Spätdienst, weil sie erst mittags aus West-Berlin zurückkehrten, um ihren Dienst anzutreten.

Sie besichtigten ein DDR-Werk und um Sie herum war die Welt in Aufruhr.

Pfarrer Jürgen Lorenz mit seiner Frau Maria und der Dr. Hans-Martin Schneider erinnern sich an Erlebnisse aus der Wendezeit in Lehnin. Quelle: Rüdiger Böhme

Lorenz:Niemand wusste, wie es weitergehen wird. Am Sonnabend hatten wir Kreissynode und Eröffnung der Friedensdekade. Nachmittags sind wir zu einer Verwandten nach Berlin gefahren und die fragte: Warum kommt ihr jetzt erst? Alle anderen waren schon da. Wir haben aber unseren Dienst gemacht. Das stand im Vordergrund.

Und an was erinnern Sie sich in der unmittelbaren Nachwendezeit besonders?

Lorenz:Wir haben am 1. Juli 1990 im Gottesdienst noch zum letzten Mal DDR-Mark in der Kollekte gehabt. Am Tag der Währungsunion am 2. Juli habe ich das Geld zur Bank gebracht, die es in West-Mark der Gemeinde gutschrieb. Die Sanierung der Klosterkirche begann einen Tag nach der Währungsunion. Es war bitter nötig, weil es sogar reinregnete.

Schneider: Eine Geschichte möchte ich noch erzählen. Es war nicht möglich für Westdeutsche, einfach in Lehnin oder anderswo in der DDR von der Autobahn abzufahren und Verwandte zu besuchen. Aber im ärztlichen Notfall war das erlaubt. So hatte ich als Oberarzt im Stiftskrankenhaus für meinen Neffen immer schon eine Krankenakte frisch angelegt, damit er bei uns vorbeischauen konnte.

Von Marion von Imhoff

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