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Kloster Lehnin Harald Hauswald stellt ab Sonntag in Lehnin aus
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Harald Hauswald stellt ab Sonntag in Lehnin aus

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11:24 26.09.2020
Harald Hauswalds Bilder wurden bereits in Berlin gezeigt. Quelle: Detlev Scheerbarth
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Lehnin

Laute und schrille Punks, Hippies und küssende Pärchen in einem Meer voller Trabbis, kämpferische Fahnen und Demonstrantinnen auf dem Alexanderplatz, Schattengeschöpfe und Betrunkene in ihrer Stammkneipe und auf Volksfesten oder geduldig wartende Bürgerinnen an Haltestellen – Harald Hauswalds Blick ist unverfälscht und einfühlsam.

Seine Bilder sind voller Sympathie für das fotografierte Objekt und die Menschen vor seiner Kamera. Sie behalten stets ihre Würde und stehen im Gegensatz zu dem sie umgebenden Zerfall und Irrsinn. Es sind Bilder von der Eintönigkeit, aber auch von der Langsamkeit des Lebens in der DDR, Zeugnisse einer abgeschotteten und eingeschlossenen Welt kurz vor ihrem Untergang.

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Entgegen dem vorherrschenden Bild des Westens über den Osten Deutschlands dominiert von SED und FDJ, Mauer und Stacheldraht, Aufmärschen und Militärparaden liefert Harald Hauswald eindringliche und einmalige Momentaufnahmen und Zeugnisse des sozialistischen Alltags, insbesondere der Entwicklung des Ostberliner Stadtraums und des Wirkens oppositioneller Gruppen, von Künstlern und Jugendkulturen.

Hauswald war Teil der Szenen und dadurch gleichzeitig immanent in seinen Bildern – er hat sie gelebt und nicht nur fotografiert. Auf seinen ausgedehnten Streifzügen durch das Ost-Berlin der 197er- und 80er-Jahre und zu den entlegensten Nebenschauplätzen in Ost-Deutschland hat er die Kontraste zwischen dem Alltag in zerschlissenen Städten und der inneren Leere in der angestrengten Selbstdarstellung des SED-Staates ins Bild gebracht. Seine Fotografien in Schwarz-Weiß sind ein Wechselspiel zwischen faszinierter, humorvoller Annäherung sowie kühler Distanz und satirischer Schärfe.

Harald Hauswald Quelle: Detlev Scheerbarth

28 Jahre, zwei Monate und 26 Tage trennte die Mauer als sogenannter antifaschistischer Schutzwall die Stadt und ihre Menschen in Ost und West. Die Ausstellung dokumentiert das gesellschaftspolitische Zusammenleben von Menschen in der DDR und visualisiert die Herausforderungen eines Systemwandels im wiedervereinten Deutschland.

Als Mitbegründer der Agentur Ostkreuz ist Harald Hauswald einer der wichtigsten Protagonisten deutscher Fotogeschichte. Seine Fotografien sind von unschätzbarem Wert und bilden visuelle Erinnerungen deutsch-deutscher Geschichte. Bis Ende 2020 werden mehr als 7500 seiner belichteten Filme durch den Ostkreuz-Verein für Fotografie konservatorisch gesichert. Im Rahmen einer Projektförderung der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur werden daraus 6000 Einzelbilder digitalisiert.

Die Ausstellung zeigt etwa 60 Fotografien, die Ende der 1970er bis Mitte der 1990er Jahre entstanden sind, darunter eine Vielzahl bislang noch unveröffentlichter Motive. Über keinen anderen ostdeutschen Fotografen gibt es eine vergleichbar ausführliche Dokumentation der Stasi Akte, die zwischen 1977 und 1989 unter der Observation von etwa 40 inoffiziellen Mitarbeitern entstanden ist und unter dem Namen „Radfahrer“ geführt wurde. 1985 erhielt Hauswald einen Stasi-internen Haftbefehl wegen „staatsfeindlicher Hetze“, „Devisenvergehen“, „Agententätigkeit“ und „Weitergabe nicht geheimer Nachrichten“ – auch seine Tochter wurde ihm als alleinerziehender Vater zeitweise weggenommen. Dieser Dialog zwischen zeithistorischem Bezug, Fotografie und Werk wird erstmals in einer Ausstellung aufbereitet.

Die Ausstellung „Harald Hauswald. Fotografien“ wird am Sonntag, 27. September, um 15 Uhr im Lehniner Institut für Kunst und Kultur eröffnet. Felix Hoffmann übernimmt die Einführung, der Künstler ist anwesend.

Von MAZ

25.09.2020
25.09.2020