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Kloster Lehnin Heinrich Julius Bruns – zum Todestag des ersten Reckahner Reformlehrers
Lokales Potsdam-Mittelmark Kloster Lehnin Heinrich Julius Bruns – zum Todestag des ersten Reckahner Reformlehrers
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12:11 21.09.2019
Das Grabmal von Heinrich Julius Bruns (1746-1794), der als erster Lehrer an der Reckahner Reformschule unterrichtet hat, befindet sich neben der Kirche in Reckahn.  Quelle: Reckahner Museen
Reckahn

Herr Br.[uns] [hat] es zu einem ganz bewundernswürdigen Grade in der Sokratischen Kunst gebracht.“ Mit dieser Zuschreibung hat der Zeitgenosse und Hospitant Heinrich Gottlieb Zerrenner (1750-1811) in seiner Schrift „Noch Etwas über Re[c]ka[h]n und die Schulanstalten des Herrn von Rochow“ (1788) schon zu Lebzeiten dem Lehrer Heinrich Julius Bruns (1746-1794) ein Denkmal gesetzt.

Am 23. September 1794 starb Bruns 48-jährig an Tuberkulose. Mit Bruns hatte die Realisierung der Rochowschen Pädagogik im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts ihren ersten Höhepunkt erreicht. Das Reformwerk von Friedrich Eberhard von Rochow (1734-1805) und seiner Gattin Christiane Louise (1734-1808) wurde maßgeblich durch die kinderfreundliche, praktisch-pädagogische Tätigkeit von Bruns an der von Rochow auf eigene Kosten 1773 errichteten Reckahner Schule zum Erfolg geführt.

Schulmann der ersten Stunde

Das Rochow-Museum und das Schulmuseum Reckahn würdigen mit Bruns heute einen Schulmann der ersten Stunde, der als Dorfschullehrer entscheidende Impulse gesetzt hat, dass aus dem bloßen ‚Schulehalten‘ – vorausgesetzt es gab überhaupt Schulen – Unterrichten im modernen Sinne wurde.

Das heißt in aktuelle Vokabeln übersetzt, dass erstmals das Setzen planmäßiger Bildungs- und Erziehungsziele für Dorfschulkinder aufscheint und zugleich auch das Nachdenken über die besten Wege ihrer Vermittlung in den Mittelpunkt der Unterrichtsvorbereitung, -durchführung und -nachbereitung rücken.

Neues Buch erschienen

Frank Tosch (Hrsg.), „Heinrich Julius Bruns (1746-1794)“ – Interpretationen – Quellen (= Bildungs- und kulturgeschichtliche Beiträge für Berlin und Brandenburg; Band 7). Berlin: Weidler Buchverlag, 2019. – 290 Seiten. Ein Sonderdruck kann für 14,50 Euro in den Reckahner Museen erworben werden.

Beim historischen Schulfest am Sonntag, 22. September, in Reckahn erfährt man einiges auch über das Leben und Wirken Bruns’ in der Reformschule.

Bruns war als Absolvent der Halberstädter Domschule sowie mit seiner Tätigkeit als Schreiber und Musikus im Hause Rochow bestens vorgebildet, als er 1772 die Berufung auf die vakant gewordene Lehrerstelle in Reckahn und kurz darauf den Kantortitel erhielt.

Er hatte frühzeitig bekundet, Lehrer werden zu wollen. Bruns versteht es schnell, in seinem Unterricht neben den darbietenden Formen vor allem Unterrichtsgespräche zu initiieren, um Bildungsprozesse – meist in fragend-entwickelnder Perspektive – anzuregen. Genau das hatte Rochow mit seinem Lehrer modellhaft zuvor eingeübt.

Das Schulhaus in Reckahn auf einer Aufnahme aus dem Jahre 1920. Quelle: Reckahner Museen

Rochow berichtete in der „Geschichte meiner Schulen“ (1795): „Mein unerschütterlicher Grundsatz, den auch Herr Bruns sich gefallen ließ, war: Nur das Verstehen des Gelehrten macht die Lehre nützlich. Daß die Nürnberger Fibel zu abgeschmackt, der kleine Katechismus und die Bibel aber zu hoch für die Leseübungen der ersten Schulzeit sei, wußten wir beide. Diesem Mangel abzuhelfen, schrieb ich geschwinde den ersten Teil des Kinderfreunds [1776], ließ ihn auf meine Kosten bei den Gebrüdern Halle in Brandenburg drucken, und wir wurden eins, daß das Lesen in demselben und das Katechisieren über das Gelesene die erste und wichtigste Schularbeit sein sollte. Zu diesem Endzweck übten wir uns täglich einige Monate lang im Katechisieren, wobei bald er, bald ich Lehrer oder Kind vorstellten.“

Aus heutiger Perspektive würden wir das wechselseitige Frage-Antwortmuster als einen frühen ureigenen pädagogischen Einübungsraum verstehen, in dem differenzierte Rollenkompetenzen erstmals sichtbar werden, die maßgeblich dazu beigetragen haben, dass Lehren zur Profession wurde.

Viele Hospitanten

Die über zwei Jahrzehnte währende große Zahl von Hospitanten im Unterricht hat Bruns zugleich zum Lehrer(fort-)bildner qualifiziert. Sein Name steht heute auch für die Anfänge der Volksschullehrerbildung – er verkörperte das vorseminare Modell eines Lernens am Vorbild. Erst 1778 wurde in Halberstadt mit dem dortigen Lehrerseminar – auch mit Unterstützung von Rochow – eine eigene Institution vor allem der Landschullehrerbildung auf den Weg gebracht.

Ein weiterer zeitgenössischer Beobachter, der Halberstädter Domprediger Johann Werner Streithorst (1746-1800), berichtete unter dem Titel „Ueber die Reckahnischen Schulanstalten“ (1786), dass die Unterrichtung mit dem „Kinderfreund“ durch Bruns zwar „katechetisch“, aber dass damit doch eine moderne Vorstellung verbunden ist, wenn er hinzufügt, dies geschehe „nicht etwa nach einer trocknen Zergliederung der verbundenen Worte, sondern nach den darin enthaltnen sinnlichen und allgemeinen Vorstellungen, wovon die Worte nur die Zeichen sind.“

Ein Denkmal im Reckahner Schlosspark erinnert an den ersten Lehrer Heinrich Julius Bruns (1746-1794), der an der Reckahner Reformschule unterrichtet hat. Quelle: Reckahner Museen

Bruns hat die katechisierende Lehrart weiterentwickelt und sich schrittweise zum Meister des sokratischen Gesprächs qualifiziert. Zerrenner nennt dies „Sokratische Kunst“ und präzisiert: „Seine hohen Wendungen, der Gang der Unterredung, die Manier[,] die Kinder auszufragen, und die richtigen Ideen in ihren Kinderseelen zu veranlassen, vorzubereiten, und gleichsam herauszuspinnen; dann seine Ueber-gänge und die ihm ganz eigne Art und Weise alles, auch das Geringfügigste, sogleich praktisch fürs Leben brauchbar zu machen, und in eigne gute Vorsätze und Entschließungen zu verwandeln, ist in der That einzig, und beinahe unnachahmlich!“

Rochows Hinweise und Bruns‘ methodische Wegfindung widerspiegeln jene Dimensionen, die wir heute vielleicht in die Formel kleiden würden: Kernaussagen filtern und verstehen, zugleich mit dem angeeigneten Wissen auch den ethischen Gehalt einer Unterredung erfahrbar machen – das ist höchst anspruchsvoll.

Bei Rochow und Bruns wird zugleich erkennbar, dass Lehren als sich herausbildende Profession sowohl mit Wissens- als auch Persönlichkeitsentwicklung (also Bildung und Erziehung in Einheit) identifiziert wird; der gute Lehrer weiß, dass beide Seiten aufs engste verknüpft sind.

Museales Juwel

Mit der 2017 neu eröffneten Dauerausstellung im Schulmuseum Reckahn hat der Landkreis Potsdam-Mittelmark seit 1992 ein einzigartiges museales Juwel in seiner Trägerschaft, mit dem ganz aktuelle Herausforderungen auch der Lehrerbildung ins Blickfeld geraten: Jeder Lehramtsstudierende, jede Lehrerin, jeder Lehrer, jeder Lehrerbildner und -fortbildner sollte (nicht nur) einmal im Leben in das „pädagogische Mekka“ des 18. Jahrhunderts, in die Schule nach Reckahn eilen, um ein Bewusstsein nach Hause zu tragen, was es heißt, die Lehrerprofession als Verantwortung für die jeweils anvertraute Schülergeneration zu leben, was es heißt, unterrichtliches Wissen, Können und Überzeugungen auszuprägen – ohne zu moralisieren, ein Gespür dafür zu entwickeln, dass Reformen von Schule und Unterricht meist individuell beginnen und nur im Teamspiel erfolgreich sind; schließlich, dass erfolgreiches Lehrerhandeln auch ein spezifisches Haushalten mit den eigenen Kräften erfordert.

Achtung und Wertschätzung

Am wichtigsten wird wohl mit Bruns der Gedanke, dass dieser schwere Beruf vor allem der steten Achtung und Wertschätzung von Kindern und Jugendlichen bedarf, dass es gilt, ihre Sorgen und Nöte, ihre Bedürfnisse und Visionen v.a. als Herausforderung der Erwachsenenwelt zu begreifen.

Mit Bruns können wir lernen, wie durch Fragen der Schülerinnen und Schüler – und eine hierauf bezogene weltoffene Gesprächsführung der Lehrenden – eigene Bildungsimpulse entstehen; anders gesagt, wie das Welt- und Selbstverständnis im Raum von Schule schrittweise reifen und zur Ausprägung kommen können. Hier wird Bruns auch nach 225 Jahren, hier werden die Reckahner Museen ganz aktuell.

Der Autor lehrt Historische Bildungsforschung an der Universität Potsdam und betreut die Reckahner Museen wissenschaftlich.

Von Frank Tosch

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