Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Kloster Lehnin Fachbuch zu alten Möbeln: So sieht es bei Preußens unterm Sofa aus
Lokales Potsdam-Mittelmark Kloster Lehnin Fachbuch zu alten Möbeln: So sieht es bei Preußens unterm Sofa aus
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:03 26.04.2019
Ein Biedermeier-Stuhl wird in der Lehniner Werkstatt von Andreas Rietz wieder hübsch gemacht. Quelle: Christine Lummert
Anzeige
Lehnin

Ob wirklich einmal eine Dame mit blauem Blut in den Adern ermattet auf die Récamiere nieder sank, kann Andreas Rietz nicht sagen. Dass das Liegemöbel aber einst im Potsdamer Stadtschloss stand, weiß der Polsterer aus Lehnin genau. „Die Récamiere ist etwa im Jahr 1820 nach einem Entwurf des berühmten preußischen Baumeisters Karl Friedrich Schinkel entstanden.“

Polsterer Andreas Rietz verhilft historischen Möbeln in seiner Werkstatt in Lehnin wieder zu neuem Glanz. Über die fachgerechte Restauration dieser Sammlerstücke hat er jetzt zusammen mit Co-Autor Rolf Bothe ein Buch geschrieben.

In die Werkstatt gebracht hat das gute Stück ein privater Sammler, der sich für historische Möbel begeistert. Andreas Rietz macht den außergewöhnlichen Einrichtungsgegenstand jetzt wieder hübsch. Der grüne Stoff spannt sich schon über die Polsterung. Jetzt braucht es noch die farblich passenden Zierbänder und Borten. Rietz vergleicht Materialien und sucht das Geeignete aus.

Anzeige

Für Liebhaber schöner Möbel

Knapp 20 Jahre gesammeltes Wissen zu geschichtlichen Epochen und der jeweiligen Ästhetik erleichtern die Entscheidung. Aus dem Handwerker ist ein Experte geworden. Viel eigene und vor allem aufwendige Recherche war dafür nötig. „Denn Fachbücher zu historischen Polstermöbeln und textilen Raumausstattungen gibt es im deutschsprachigen Raum fast nicht.“

Deshalb hat sich Andreas Rietz mit seinem Co-Autor Rolf Bothe jetzt selbst gekümmert. Auf gut 250 Seiten finden Liebhaber schöner Möbel, Sammler, Restauratoren und Kunsthändler einen historischen Überblick über das Handwerk des Polsterers sowie verschiedene Polster- und Dekorationstechniken. „Polstermöbel und textile Raumausstattungen: Vom Handwerk zur Wissenschaft“, steht schnörkellos und sachbuchgerecht auf dem Titel.

Handwerk als Familientradition

Seinen Enthusiasmus für Möbelstücke mit beeindruckender Geschichte pflegt der 45-Jährige gelernte Raumausstatter schon seit vielen Jahren. Verschiedene Lehrgänge für fachgerechte Restaurationsarbeiten hat er nach seiner Ausbildung besucht. „Dann habe ich auf dem zweiten Bildungsweg mein Abitur gemacht, eigentlich mit dem Ziel Restaurierung zu studieren“, sagt Rietz. Das Übermaß an grauer Theorie hat doch abgeschreckt. „Und ich wollte auch Handwerker bleiben.“

Die selbstständige Arbeit in der eigenen Werkstatt hat zudem Familientradition. In der Lehniner Kurfürstenstraße arbeitet die Familie Rietz schon in der vierten Generation. „Mein Uropa August Rietz war Sattler- und Tapezierermeister und hat 1932 das Grundstück am Lehniner Mühlenteich gekauft.“ Sein Sohn Willi trat in dessen Fußstapfen und mit Karl-Heinz Rietz, dem Vater des jetzigen Werkstattinhabers, setzte sich die Linie fort.

Hammer, Schere, Zange und noch viel mehr gehören für Andreas Rietz zum Handwerkszeug. Quelle: Christine Lummert

„Mein Vater ist inzwischen zwar Altersrentner, werkelt aber immer noch mit.“ Die Kunden stehen nämlich nicht nur mit historischen Polstermöbeln vor der Tür, sondern auch mit großen und kleinen Alltagsgegenständen. „Das fängt beim kaputten Reißverschluss in der Lederjacke an, reicht über die Anfertigung eines Pferdegeschirrs bis hin zur Komplettausstattung im Bereich der Bootssattlerei“, beschreibt Rietz das breit gefächerte Tätigkeitsfeld.

Rosshaar für Napoleons Thron

Die historischen Möbelstücke sind dagegen mehr als nur ein zusätzliches Arbeitsgebiet. Wenn Andreas Rietz davon erzählt, ist schnell klar, dass hier die wahre Passion liegt. Ein großer Schritt zur echten Expertise war ein Auslandsprogramm der Handwerkskammer. Das Ziel war Paris und dann gleich die ganz hohe Schule in seinem Fachgebiet. „Ich durfte in der Werkstatt Maison Brazet mitarbeiten und das war wirklich Champions League.“ Als Praktikant bei den Spezialisten für historische Polster durfte Andreas Rietz unter anderem ganz nahe an Napoleons Thron aus dem Schloss Fontainebleau heran.

„Berge von Rosshaar werden dort im täglichen Geschäft der Werkstatt verarbeitet und das unter strengen formästhetischen Gesichtspunkten, die der jeweiligen Epoche entsprechen“, erinnert sich Rietz. Denn genau darauf kommt es an. Historische Polstermöbel aus dem Rokoko müssen genauso rund, opulent und einladend werden, wie sie es im nagelneuen Zustand einmal waren.

Vornehm auf der Messerkante

Bringt ein Kunde hingegen ein Stück aus der Zeit des Empire geht es um die Wiederherstellung der strengen klassizistischen Linien. Ganz stilrein stellt Andreas Rietz an den Polsterkanten der Sitzflächen von Empire-Stühlen wieder die im Fachjargon als „Messerkanten“ bezeichneten Nähte her. Sehr gemütlich klingt das nicht, aber Kaisers und Königs schafften sich diese Möbel auch zu Repräsentationszwecken an.

Der Schinkel-Stuhl in leuchtendem Violett nach dem Werkstattbesuch bei Andreas Rietz. Quelle: Privat

„Diese ganzen Unterschiede muss man wissen, wenn höherpreisige Kunden zur Aufarbeitung ihrer Sammlerstücke in die Werkstatt kommen“, erläutert Rietz, der Sammler und Experten aus München, Hamburg, Berlin, Köln und Hannover zu seinen Auftraggebern zählt.

Als Detektiv-Duo durch die Archive

Da die einst hochherrschaftlichen Möbel meist einige Jahrhunderte alt sind, ist vom Urzustand der einstigen Stoffe häufig nicht mehr viel übrig. „Und da die Quellenlage oft sehr dünn ist, muss man echte Detektivarbeit leisten“, sagt Rietz. Durch seine Nachforschungen ist er auch auf seinen Co-Autor Rolf Bothe gestoßen.

„Ich habe einen Artikel von ihm in einer Broschüre gelesen und wusste gleich, der hat Ahnung und kann bei verschiedenen Fragen weiterhelfen“, sagt Rietz. Ein gemeinsamer Bekannter hat den Kontakt hergestellt und schon beim ersten Telefonat hat es fachlich gefunkt. „Auf sie warte ich schon 15 Jahre, wir schreiben zusammen ein Buch“,war der Satz von Rolf Bothe, der den Stein dann ins Rollen brachte.

Die beiden Co-Autoren Andreas Rietz (l.) und Rolf Bothe bei der Arbeit an ihrem Buch. Quelle: Privat

Und weil Bothe in der Kunst- und Museumswelt kein Unbekannter ist, er leitete von 1980 bis 1992 das ehemalige Berlin Museum und war anschließend Direktor der staatlichen Kunstsammlungen und Museen in Weimar, öffneten sich für die Recherchen zum Buch einige Türen.

Fontane und sein Kamm

Mit ihm war Andreas Rietz beispielsweise im Schloss Wilhelmshöhe in Kassel alten Polstermöbeln auf der Spur. „Im Tegeler Schloss in Berlin, in dem die Brüder Alexander und Wilhelm von Humboldt aufgewachsen sind und dass noch heute von Nachfahren bewohnt wird, durften wir den Original-Stuhl von Wilhelm von Humboldt unter die Lupe nehmen“, erzählt Rietz. Von diesen besonderen Erlebnissen haben sich im Laufe der Recherche einige angesammelt.

Denn ganz zufällig, aber passend zu aktuellen Fontane Jahr, haben die beiden im Depot des Märkischen Museums auch einen Stuhl des großen Dichters entdeckt. Die Sitzfläche, mit einem Formkissen nach Art des carreau piquè, zu deutsch, gestochenes Quadrat, ist bis auf eine kleine Schadstelle auf der rechten Seite noch gut erhalten. „Es sieht ein bisschen so aus, als hätte Fontane immer einen Kamm in der Tasche gehabt, der bis auf das Polster durchscheuerte“, spekuliert Rietz. „Jedenfalls passt der Stuhl in die Zeit, in der Fontane Effi Briest geschrieben hat.“

Von Christine Lummert