Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Kloster Lehnin Berufungsprozess gegen Lasterfahrer: Neue Einzelheiten über Unfallhergang
Lokales Potsdam-Mittelmark Kloster Lehnin Berufungsprozess gegen Lasterfahrer: Neue Einzelheiten über Unfallhergang
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:40 19.09.2019
Der Angeklagte mit seinem Verteidiger. Quelle: Bernd Gartenschläger
Potsdam

Im Fall der Feuerwehrtragödie mit zwei getöteten Feuerwehrmännern hat der Berufungsprozess am Landgericht Potsdam begonnen. Die Vorsitzende Richterin Ulrike Phieler-Morbach verlas zunächst fast eine Stunde lang das erstinstanzliche Urteil des Amtsgerichtes Brandenburg vom 13. Dezember 2018.

Das Amtsgericht hatte den Lkw-Fahrer Stefan M. zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt wegen fahrlässiger Tötung in zwei Fällen und fahrlässiger Körperverletzung. Stefan M. war am 5. September 2017 auf der Autobahn 2 in eine Unfallstelle gefahren, an der die beiden Feuerwehrmänner mit ihren Kameraden gerade im Einsatz waren.

Der Sattelzug schleuderte dabei gegen das Einsatzfahrzeug der Feuerwehr, das umstürzte und die beiden Feuerwehrmänner unter sich begrub. Die beiden Familienväter im Alter von 23 und 38 Jahren waren auf der Stelle tot. Das Amtsgericht sah es als erwiesen an, dass Stefan M. am Steuer eingeschlafen war.

>>> Lesen Sie hier mehr zu diesem Thema

Die Bilder vom Berufungsprozess des Lkw-Fahrers, der für den Tod von zwei Feuerwehrleuten verantwortlich ist

Angeklagter macht Erschütterung deutlich

Dem Prozess wohnen fünf Nebenkläger und deren Anwälte bei. Nebenkläger sind auch die hinterbliebenen Kinder. Bei der Verlesung des Unfallhergangs brachen Angehörige der Todesopfer in Tränen aus. Rechtsanwalt Mario Schink verlas sodann eine Erklärung des Angeklagten. Darin macht dieser seine Erschütterung deutlich. Er denke jeden Tag an den Unfall und würde alles tun, um ihn ungeschehen zu machen. Er wisse um seine Verantwortung für den Tod zweier Menschen und die schwere Verletzung eines weiteren Feuerwehrmannes und schäme sich besonders, weil es Retter waren, die zur Hilfe anderer auf der Autobahn waren.

Die Anwältin einer Nebenklägerin ließ das nicht gelten: Würde der Angeklagte wirklich bereuen, hätte er selbst das Wort ergriffen, um sich bei den Angehörigen zu entschuldigen. Dem widersprach der Stefan M.’s Anwalt. Er erinnerte an das Recht des letzten Wortes zum Prozessende, dann sei noch Gelegenheit für Stefan M., selbst seine Betroffenheit zum Ausdruck zu bringen. Im Moment sehe sich sein Mandant wegen der großen Anzahl der Verfahrensbeteiligten und des hohen öffentlichen Interesses an dem Prozess nicht in der Lage, frei zu sprechen. Stefan M. ließ über lange Phasen des ersten Verhandlungstages seinen Kopf in seine aufgestützten Hände sinken.

Anklage fordert schärfere Strafe

Die Berufung hatte der Angeklagte angestrengt, um die Haftstrafe in eine Bewährungsstrafe umzuwandeln. Berufung hatte aber auch die Staatsanwaltschaft Potsdam eingelegt, die in der Tat eine vorsätzliche Straßenverkehrsgefährdung sieht und eine längere Haft fordert.

Richterin Phieler-Morbach sagte, dass sie nach Aktenlage das Vorliegen einer vorsätzlichen Straßenverkehrsgefährdung nicht sehe. An den Angeklagten gewandt, kam die Vorsitzende auch auf den Fakt zu sprechen, dass Stefan M. am 4. Dezember 2018 trotz Entzugs der Fahrerlaubnis selbst zum Amtsgericht Brandenburg mit dem Auto gefahren war. „In der laufenden Hauptverhandlung steigen Sie in ein Fahrzeug, obwohl Ihnen die Fahrerlaubnis entzogen worden ist und Sie gerade gehört haben, für den Tod zweier Menschen und die schwere Verletzung eines weiteren verantwortlich zu sein. Ob da eine Bewährungsstrafe möglich ist, erscheint mir nach Aktenlage zweifelhaft.“ Das Urteil des Amtsgerichtes nannte Phieler-Morbach „sehr sorgfältig begründet“.

Die Minuten nach dem Unfall

Erstmals wurden weitere Einzelheiten über die ersten Minuten nach dem Unfall bekannt. So trat der Polizist in den Zeugenstand, der im Polizeiwagen saß, der von dem Lastwagen zuerst gerammt worden war. Wie durch ein Wunder blieb Polizeihauptmeister Holger Meyer bei diesem Crash unverletzt. Der Beamte arbeitet bei der Autobahnpolizei Michendorf und hat jahrelange Erfahrung und mit seinen Kollegen zuständig für die Autobahnen 2, 9 und 10.

„Ich sah den Lastwagen als schwarzen Schatten an mir vorbeifliegen. Nur zwei Sekunden später schlug der Lkw in das Einsatzfahrzeug der Feuerwehr ein.“ Sofort habe er einen Notruf abgesetzt und weitere Kräfte angefordert. Dann sei er zu dem Fahrzeug der Feuerwehr gerannt. Die Lage sei unübersichtlich gewesen, es sei aber sofort klar gewesen, „dass Kameraden der Feuerwehr unter dem Fahrzeug lagen“. Dann sei er weiter geeilt zum Unfall-Lastwagen. Der Fahrer saß nicht mehr am Steuer: Rettungssanitäter, die bereits wegen des Ausgangsunfalls vor Ort gewesen seien, „haben sehr schnell reagiert und den Fahrer in den Rettungswagen gebracht. Auch, um eine Eskalation zu verhindern“, so der Polizist. Offenbar befürchteten die Einsatzkräfte auch Wut der Kameraden, die sich gegen den Lkw-Fahrer hätte richten können. „Auch mich haben die Rettungssanitäter erst nicht in den Rettungswagen gelassen“, so der Beamte. Doch Anzeichen von Wut gegen den Unglücksfahrer habe es keine gegeben, sagte Holger Meyer am Rande des Prozesses. „Die Hälfte der Feuerwehrmänner war traumatisiert und stand völlig neben sich, die anderen versuchten, ihre beiden Kameraden zu retten.“

Tempo- und Lenkzeit-Verstöße

Holger Meyer fragte eigenen Angaben den Lkw-Fahrer zum Unfallhergang. Stefan M. soll geantwortet haben, er wisse es nicht, wie das passiert sei. Dann rannte der Polizist zum Ort der Tragödie zurück. „Da war klar, dass zwei Kameraden unter dem Fahrzeug liegen.“

Der Polizeibeamte wertete nur wenige Minuten nach dem Unfall auch die Fahrzeugdaten des Scania-Lasters aus. Danach soll Stefan M. zuletzt vier Tage vor dem Unfall die vorgeschriebenen Lenk- und Ruhezeiten nicht eingehalten haben. Für den Unglückstag hingegen gibt es keinen klaren Hinweis, dass der Lkw-Fahrer keine ausreichenden Ruhezeiten nahm. Auch Tempoverstöße stellte der Polizist fest: Gegen Mitternacht rauschte Stefan M. demnach mit 102 Stundenkilometern über die Autobahn. Erlaubt waren 80 Stundenkilometer. „90 Stundenkilometer werden aber toleriert“, räumt der Beamte ein. Es seien Verstöße gewesen, die ein Bußgeld von rund 1000 Euro bedeutet hätten.

Katastrophaler Sekundenschlaf

Das Gericht hörte am ersten Berufungstag auch den Dekra-Gutachter. 1000 Meter vor der Unglücksstelle war die Lichtkuppel der „hervorragend und taghell“ beleuchteten Unfallstelle zu bereits in der Nacht sehen. 300 Meter davor herrschte für den Verkehr freie Sicht auf das Unfallfeld. Lichtmasten teils mit insgesamt 1000 und 2000 Watt starken Lampen leuchteten die Unfallstelle aus. Es gab keinen Schattenwurf. Der Scania-Lastwagen und der Sattelauflieger waren frei von technischen Mängeln.

In einem Tempo von 25 Metern pro Sekunde näherte sich der 22 Tonnen schwere Sattelzug. Der Tempomat war auf etwa 88 Stundenkilometer eingestellt. Davon geht der Gutachter aus. In einem Abstand von 90 Metern hätte Stefan M. es noch geschafft, auf die Unfallstelle vor ihm rechtzeitig zu reagieren. Tatsächlich aber leitete er erst zwölf Meter vor dem Feuerwehreinsatzfahrzeug eine Vollbremsung ein und rammte es mit mehr als 70 Stundenkilometern. Das Einsatzfahrzeug drehte sich durch die massive Wucht des Aufpralls um 180 Grad, hob leicht ab und stürzte um. Der Gutachter legt den Schluss nahe, dass Stefan M. vermutlich zehn bis 14 Sekunden eingenickt war. „Das ist die Zeit, die man ausgeblendet haben oder nicht reaktionsfähig gewesen sein muss.“ Kurz zuvor hatte er noch in einer leichten Kurve eine Lenkbewegung machen müssen.

Lkw-Fahrer sahen Unglück kommen

Als Zeuge trat auch ein Lastwagenfahrer auf, der zeitgleich mit Stefan M. auf die Unfallstelle zugefahren war. Er hatte schon im Radio von der Unfallstelle gehört und war vorgewarnt gewesen. Doch er bestätigte die gute Sichtbarkeit der Unfallstelle. „Wenn es in der Nacht weithin sichtbar gelb und blau blinkt, dann weiß man, da ist etwas faul.“ Er und sein Vordermann, ein polnischer Schwertransporter, wechselten frühzeitig auf die noch freie linke Spur, die an der Unfallstelle vorbeiführte. In 1000 Metern Abstand zur Einsatzstelle hatte ein Polizeiwagen mit roten Leuchtpfeilen zum Spurwechsel aufgefordert und so die Unfallstelle ebenfalls abgesichert.

Doch Stefan M. blieb mit seinem schwarzen Sattelzug auf der rechten Spur. Er habe sich gewundert, warum der Lastwagen nicht rüberziehe, sagte der Berufskraftfahrer. Da touchierte der Scania-Sattelzug bereits den Polizeiwagen, in dem Holger Meyer saß, und schoss weiter in den Feuerwehrwagen hinein.

Urteil am 1. Oktober

Richterin Ulrike Phieler-Morbach kündigte für den ersten Prozesstag auch das Ende der Beweiserhebung an. Der Verteidiger Mario Schink stellte jedoch den Antrag, auch den Psychologen als Zeugen zu hören, bei dem Stefan M. mit 14 Sitzungen in Behandlung war nach dem Unfall. So wurde die Hauptverhandlung unterbrochen und soll am 23. September fortgesetzt werden. Das Urteil gegen Stefan M. wird nun für den 1. Oktober erwartet.

Von Marion von Imhoff

Im Saal 8 des Landgerichts Potsdam beginnt der Berufungsprozess gegen den Lkw-Fahrer, der vor zwei Jahren in eine Unfallstelle auf der A 2 bei Lehnin gerast war und zwei Feuerwehrmänner tötete. Es gelten für die Prozessbesucher hohe Sicherheitsvorschriften.

19.09.2019

Anwohner in der Siedlung Am Klostersteig in Göhlsdorf äußerten die Sorge, dass ein möglicher Waldbrand schnell auf die Wohnhäuser übergreifen könnte. Die Gemeinde Kloster Lehnin gibt Entwarnung. Dennoch will das Rathaus die Waldbesitzer auf vorsorglichen Brandschutz hinweisen.

19.09.2019

Am Parkplatz war monatelang Schluss. Mit der neuen Brücke über den Emsterkanal ist eine wichtige Wegeverbindung für Wanderer wieder hergestellt. Auch Tiere brauchen keine Scheu haben.

17.09.2019