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Kloster Lehnin Ganzjährig draußen: Zwei Iren holen Milchkühe auf die Weide zurück
Lokales Potsdam-Mittelmark Kloster Lehnin Ganzjährig draußen: Zwei Iren holen Milchkühe auf die Weide zurück
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14:59 24.07.2019
Paul (l.) und Stephen Costello setzen in Netzen auf eine ganzjährige Weidehaltung. Die Freiland-Milchkühe bringen zwar weniger Leistung als ihre Artgenossen im Stall, erfreuen sich aber eines doppelt so langen Lebens auf grüner Wiese.
Paul (l.) und Stephen Costello setzen in Netzen auf eine ganzjährige Weidehaltung. Die Freiland-Milchkühe bringen zwar weniger Leistung als ihre Artgenossen im Stall, erfreuen sich aber eines doppelt so langen Lebens auf grüner Wiese. Quelle: Frank Bürstenbinder
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Netzen

 Zwei irische Bauern trauen sich was. Ihre 800 Milchkühe kennen das ganze Jahr nur den Himmel über sich. Ställe waren gestern. Felder, auf denen früher mit Mais und Getreide Geld verdient wurde, haben Paul und Stephen Costello mit Ackergras bestellt. Weideland, soweit das Auge reicht. Die beiden Brüder nehmen bewusst in Kauf, dass ihre Tiere nur halb so viel Milch geben, wie auf Hochleistung getrimmte Turbo-Kühe. 5000 statt 10 000 Liter im Jahr müssen reichen. Dafür leben sie aber doppelt so lange. „Das funktioniert nie“, orakelten manche Nachbarn.

Neue Wege gehen

Wie verrückt muss man wirklich sein, um die konventionelle Landwirtschaft hinter sich zu lassen? Weniger verrückt, mutiger schon. Wie die Iren eben. Als die für ihre Schweinezucht in Rietz bekannten Costellos vor ein paar Jahren die ehemalige Agrargenossenschaft Netzen von einem privaten Vorbesitzer kauften, wollten sie neue Wege in der Milchproduktion gehen. Schluss mit der ausschließlichen Stallhaltung, der stetigen Zufütterung mit Kraftfutter und hochgezüchteten Rindern, die das Laufen verlernt haben. Und das bei weniger Produktionskosten. Wie das geht?

Die Milchrinder bleiben das ganze Jahr auf der Weide. Quelle: Emsterland-Gesellschaft

„Solch eine radikale Umstellung funktioniert nicht von heute auf morgen. Wir haben uns zunächst die Qualität des Grünlands angesehen, das im Rotationsverfahren beweidet wird. Zum Glück haben wir grundwassernahe Standorte, die auch im Hochsommer noch sattgrünes Gras liefern“, berichtet Paul Costello. Walzen, schleppen, düngen und nachsäen – eine ordentliche Pflege ist das Erfolgsrezept nicht nur für grüne, sondern auch ertragreiche Weidestandorte. Für jeden Schlag wird der Aufwuchs an Grünmasse errechnet, bevor er für die Beweidung geöffnet wird.

Vorbild Irland

Vorbild für die ganzjährige Weidehaltung ist für Paul und Stephen Costello die Milchwirtschaft in ihrer Heimat Irland, wo Weidegras die Hauptkomponente in der Milchviehfütterung ist. Kraftfutter und Silage werden so weit wie möglich reduziert.

Die Betriebsfläche der Emsterland Gesellschaft erstreckt sich südlich und nördlich der A 2 bei Netzen. Neben 400 Hektar Grünland gibt es auch Ackerflächen, die für Schweinefutter und Nachschub in der Biogasanlage sorgen.

Der Standort Netzen ist auch Umschlagplatz für Getreide regionaler Landwirte, dass die Costellos für ihre Schweinezucht in Rietz als Futter brauchen. Dafür bekommen die Feldbauern Gülle als Wirtschaftsdünger für ihre Äcker. Ein regionaler Wirtschaftskreislauf ohne lange Transporte.

Das satteste Grün nützt wenig, wenn lahm gelaufene Kühe lustlos fressen. Mit stallverwöhnten Holstein-Hochleistungstieren ist ein Rinderleben bei Wind und Wetter nicht zu machen. Außerdem bringt es die Weidehaltung mit sich, dass das Vieh zweimal am Tag den Gang zur neuen Melkanlage auf dem Betriebshof antreten muss. Hin und zurück kommen schon mal vier Kilometer zusammen. Also wurde die Rasse gewechselt. „Wir setzen auf eine Kreuzung aus Jersey und Schwarzbunte. Die Tiere sind kleiner, robuster und an das Leben im Freien angepasst“, sagte Stephen Costello der MAZ bei einem Hofbesuch.

Die ersten drei Lebenswochen verbringen die Kälbchen in diesen Gruppenboxen. Dann dürfen sie wieder auf die Weide, wo sie geboren wurden. Quelle: Frank Bürstenbinder

 

Bei den Kalbungen, die so gesteuert werden, dass sie sich längstens über acht Wochen im Frühjahr erstrecken, gibt es keine Probleme. Die Verluste sind mit etwa 1,5 Prozent minimal. Nur der auf der Weide zur Welt kommenden Nachwuchs lernt für die ersten Wochen nach der Geburt das Stallleben kennen. Die Costellos verzichten beim Haltungssystem auf in Mode gekommene Iglus. Dafür wurde einer der beiden alten Kuhställe mit Gruppenboxen ausgerüstet, in denen sich auf Stroh gehaltene Kälbchen an Artgenossen gewöhnen können.

Kraftfutter beim Melken

Was machen die Milchkühe im Winter? Auch in den kalten Monaten bleiben die Tiere auf der Weide. Lange Reihen mit zu Rundballen gepresstem Gras schützen die Herde vor allzu scharfen Winden. Das reicht. Wenn die Vegetation ruht, wird mit Heu und Stroh zugefüttert. Praktisch kommen die Rinder ohne Mais und Soja aus. Etwas Kraftfutter als Leckerli dürfen sich die Rinder beim Melken schnappen.

Wo das Betriebsgelände in das Naturschutzgebiet übergeht, halten die Costellos eine kleine Herde Wasserbüffel als Landschaftspfleger. Quelle: Frank Bürstenbinder

Noch vermarktet das zur Emsterland Gesellschaft umfirmierte Landwirtschaftsunternehmen seine Milch als konventionelles Produkt über eine Erzeugergemeinschaft. Rund 30 Cent gibt es derzeit für den Liter. Das soll sich aber bald ändern. „Wir denken über eine Produktlinie nach, die der ganzjährigen Weidehaltung Rechnung trägt – von Milch über Butter bis zum Joghurt“, kündigen Paul und Stephen Costello an.

Mindeststandard für Weidemilch

Nur einfach Weidemilch auf einen Karton zu schreiben, wäre als Marketing-Instrument verfehlt. Weidemilch darf schon so heißen, wenn die Kühe an mindestens 120 Tagen im Jahr mindestens sechs Stunden auf der Weide waren. Zwischen dieser Mindestvorgabe und der Firmenphilosophie der Netzener Tierhalter liegen Welten. Der Markt muss erst noch zeigen, ob sich der Mut der Costellos zu konsequentem Tierwohl und weniger Menge gelohnt hat.

Von Frank Bürstenbinder