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Michendorf Wilhelmshorster Erinnerungsorte und der proletarische Löwe
Lokales Potsdam-Mittelmark Michendorf Wilhelmshorster Erinnerungsorte und der proletarische Löwe
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16:03 04.08.2019
Mit Buch auf der Treppe des denkmalgeschützten Gemeindezentrums: Die Vereinsmitglieder Rainer Paetau, Dieter Kraus, Gundi Gericke, Claus Mühle und Juliane Brauer (v.l.). Quelle: Jens Steglich
Wilhelmshorst

Kein Ort in der Gemeinde Michendorf hat so viele Denkmale wie Wilhelmshorst. 45 Objekte stehen auf der Denkmalliste des Landes, darunter 35 Wohnhäuser. Ginge es nach den Freunden und Förderern der Wilhelmshorster Ortsgeschichte, müsste die Liste noch deutlich länger sein. Der Verein, der sich um die Ortshistorie kümmert, hat jetzt ein Buch über Wilhelmshorster Denkmale und Erinnerungsorte vorgelegt, das am 10. August präsentiert werden soll.

Am 144-Seiten-Werk wirkten 17 Autoren mit. 1000 Bücher wurden in der Potsdamer Druckerei Rüss hergestellt, zusammen wiegen sie fast eine Tonne. Neben den offiziellen Denkmalen werden im Buch auch Erinnerungsorte steckbriefartig und mit Bildern vorgestellt, die sie zur Entstehungszeit und heute zeigen. „Erinnerungsorte sind Häuser, die aus unserer Sicht denkmalwürdig sind, aber nicht auf der Denkmalliste stehen“, sagt Rainer Paetau, Vorsitzender der Freunde der Ortsgeschichte und Herausgeber des Buches. Und die für die Ortshistorie von Bedeutung sind, weil sie mit kollektiven Erinnerungen verknüpft sind – wie das einstige Restaurant „Hammer“.

Das Restaurant „Hammer“ in alten Zeiten. Das Bild stammt von vor 1918. Quelle: Verein Ortsgeschichte Wilhelmshorst

„Dort haben Wilhelmshorster von der Gründergeneration 1908/1909 bis zum Ende der DDR 1990 gefeiert, gespeist und getrunken“, sagt Paetau. Die Gaststätte war auch ein Ort für politische Versammlungen und es wurde getanzt. „Von Walzer, Foxtrott und Tango bis Rock’n’Roll“, erzählt Claus Mühle, der Ende der 1970er Jahre im Gasthaus tanzte. In der Zeit hieß es schon HO-Gaststätte „Ravensberge“. Die staatliche Handelsorganisation (HO) hatte es 1956 übernommen. Nach 1945 war das Restaurant enteignet worden, weil die Eigentümer in die NS-Geschichte verwickelt gewesen sein sollen. Die Ära als Gasthaus ging 1990 zu Ende. Die Erben stellten Rückübertragungsansprüche, ein Rechtsstreit mit der Gemeinde endete mit einem Vergleich. Die Erben erhielten das Haus zurück, nicht aber das Areal, das einst als Restaurantgarten diente.

Im Buch finden sich auch verschwundene Häuser. Das Haus Kapuste am Wilhelm-Mühler-Platz gehört in die Rubrik der Verluste. Das Haus, das Ortsgründer Mühler für seine Tochter und ihren Mann baute, war ein Hingucker. 1995 wurde es für einen Neubau abgerissen.

Ein ähnliches Schicksal blieb dem ODF-Denkmal im Birkenwäldchen knapp erspart. Die Betonstele ist freilich alles andere als ein Hingucker. Trotzdem: „Wir sind froh, dass sie stehengeblieben ist, weil sie zur Geschichte gehört“, sagt Paetau und fügt hinzu: „Ein Denkmal soll zum Nachdenken anregen.“ Schon das Zitat auf der Stele dürfte Nachgeborene ins Grübeln bringen. In den Beton ist ein Zitat von Karl Marx gemeißelt, das nicht zu seinen berühmtesten Worten gehört: „Du siehst, dass der proletarische Löwe nicht tot ist.“

Die ODF-Betonstele steht seit 2010 unter Denkmalschutz. Quelle: Jens Steglich

Die Stele und der Feldstein davor stehen seit 2010 unter Denkmalschutz. Der Stein mit der Inschrift „Euer Tod ist uns Verpflichtung“ war früher da: 1949 haben Lehrer der damaligen Konsumschule den Gedenkstein für die Opfer des Faschismus initiiert. 1985, zum 40. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus, wie es damals hieß, kam die Betonstele auf Initiative der SED-Ortsparteileitung hinzu. Gestaltet hat die Stele der Wilhelmshorster Künstler Kurt-Hermann Kühn. Kurz nach der Wende wollten einige sie abreißen. „Sie steht heute noch, weil das Geld für den Abriss fehlte“, sagt Paetau.

Dass Sommerhaus Kampmann im Heidereuterweg 3 um 1911. Zu DDR-Zeiten kam ein Anbau hinzu, um das Haus als Schulküche nutzen zu können. Quelle: Verein Ortsgeschichte Wh

Beinahe wäre auch das Haus verschwunden, das viele Wilhelmshorster heute noch „die alte Schulküche“ nennen. Im Buch heißt sie Kampmann-Haus – benannt nach dem Unternehmer Kampmann, der es 1908/1909 bauen ließ. Von 1963 bis 1987 war es die Schulküche im Ort. Später verfiel das Haus und die Gemeinde als Eigentümerin wollte es abreißen, um Platz für eine Buswendeschleife zu schaffen. „Engagierte Bürger haben das verhindert, indem sie die Unterschutzstellung beantragt haben“, erzählt Paetau. Das Haus wurde zum Denkmal, der Abriss war vom Tisch. Die Gemeinde verkaufte es und Wilhelmshorst hatte Glück: Der Käufer sanierte es denkmalgerecht. „Es sieht jetzt so schön aus, wie ich es vorher nie gesehen habe“, sagt Gundi Gericke, die seit 1980 in Wilhelmshorst lebt.

Buch-Präsentation am 10. August

Das Buch zur Erkundung von Architektur und Ortsgeschichte wird zum Sommerfest des Ortsgeschichtsvereins am Samstag, dem 10. August, um 16 Uhr im Gemeindezentrum Wilhelmshorst, Albert-Schweitzer-Straße 9-11, präsentiert. Es wurde durch Spenden und einen Gemeinde-Zuschuss finanziert.

Auf dem Programm steht an dem Tag unter anderem noch ein Interview zur Friedlichen Revolution 1989 in Potsdam mit dem Zeitzeugen Volker Wiedersberg.

17 Autoren haben daran mitgewirkt, alle 1000 Bücher zusammen wiegen fast eine Tonne.

Von Jens Steglich

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