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Michendorf Das Glück des Montagsmalers
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21:04 22.05.2018
Malermeister Tobias Wolf hat sich an den Schreibtisch gesetzt und ein Buch geschrieben. Im Juni soll es im Novum-Verlag erscheinen. Titel: „Wann komme ich mir selbst entgegen?“
Malermeister Tobias Wolf hat sich an den Schreibtisch gesetzt und ein Buch geschrieben. Im Juni soll es im Novum-Verlag erscheinen. Titel: „Wann komme ich mir selbst entgegen?“ Quelle: Jens Steglich
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Wenn ihn jemand fragen würde, was für ihn das wichtigste Geschenk im Leben war, dann würde er von der Krise und vom Bruch mit dem Vater erzählen. Der Lebensweg von Tobias Wolf, von dem hier die Rede ist, war eigentlich vorgezeichnet. Er sollte das Malerhandwerk erlernen und den bekannten Michendorfer Malerbetrieb Wolf eines Tages vom Vater übernehmen. Es kam anders, was der Vater wohl als Unglück empfindet und der Sohn als großes Glück.

Die Geschichte von Tobias Wolf ist die von einem Malermeister, der einmal fast im Jenseits gelandet wäre und jetzt andere Wege gehen will als jene, die Menschen in seiner Situation üblicherweise wählen. Den Weg, den er jetzt für sich gefunden hat, werden rationale Naturen wahrscheinlich nicht verstehen. „Mir wäre das früher auch so gegangen“, sagt er: „Ich war auch ein Logiker.“ Bei ihm klingt das wie die Beschreibung eines Zustandes, den es zu überwinden gilt, weil einige Dinge erst zu begreifen sind, „wenn man über den rationalen Verstand hinausgeht“.

Den geldbringenden Handwerksberuf will er aufgeben

Der geldbringende Handwerksberuf ist bei ihm inzwischen zur Nebensache geworden, den er komplett aufgeben will. Tobias Wolf hat ein Buch geschrieben, das im Juni im Novum-Verlag erscheint. In der Einleitung des Buches stellt er viele Fragen, diese zum Beispiel: „Kennen Sie das, Sie irren Ihr ganzes Leben umher und haben ständig das Gefühl, nie anzukommen?“ Sein Buch und seine neue Berufung könnte man auch so erklären: Der 45-Jährige will Menschen helfen und inspirieren, von außen vorgegebene Bahnen zu verlassen und sich auf die Suche nach ihren eigenen Wegen zu machen. Dafür hat er so etwas wie eine Lebensberatung gegründet, die er Service & Inspiration nennt und die an die Stelle seines Malerhandwerksbetriebs treten soll, den er 2009 unabhängig vom Vater gegründet hatte. Sagen will er in seinem Buch auch, dass man keine Angst haben soll, Dinge zu tun, die man tun will, auch wenn etwas anderes von einem erwartet wird. Und dass man nur dieses eine Leben dafür hat und vermutlich keine zweite Chance bekommt, es sei denn, man glaubt an eine Wiedergeburt.

Am 5. Juli 1997 wäre er fast im Jenseits gelandet

Es ist der 5. Juli 1997, als Tobias Wolf zwischen Leben und Tod stand und diese Welt fast verlassen hätte. Er dient gerade seine Bundeswehrzeit ab, ist dort Kradfahrer, hat an jenem schönen Sommertag aber Urlaub. Für ihn ist es keine schöne Zeit, seine damalige Partnerin hatte ihn eine Woche vorher verlassen. Er fährt mit dem Motorrad auf der B 101 in Richtung Thyrow, überholt vorher noch ein Auto und gerät in einer Kurve auf dem Mittelstreifen ins Schlingern. Er kann sich nur noch an seinen letzten Gedanken erinnern, es noch einmal zu versuchen und sich erneut in die Kurve zu legen. „Das war der Fehler“, sagt er. Die Maschine rutscht endgültig weg. Dass er gegen den einzigen Baum in der Kurve geprallt ist, hat man ihm erst später erzählt. Hand und Ellenbogen werden zertrümmert, das Auge ist schwer lädiert und sein Herz hört nach dem Aufprall auf zu schlagen.

Im Auto, das er kurz vor dem Unfall überholt hatte, saß ein Arzt

Im Auto aber, das er kurz vor dem Unfall überholt hatte, sitzt ein Arzt. Er holt Tobias Wolf zurück ins Leben. Der Gerettete kann sich bewusst erst wieder an den Moment erinnern, an dem er aufwacht und die Ärzte im Kreis um ihn herum stehen. Seine Frage – „wo bin ich hier?“ – beantwortet eine Schwester kurz und bündig: „Im Kreiskrankenhaus Ludwigsfelde.“ Zu der Zeit glauben die Ärzte nicht daran, dass er seine zertrümmerte Hand je wieder richtig bewegen kann. In solchen Augenblicken aber stellen sich sowieso andere Fragen, sagt der 45-Jährige. Diese zum Beispiel: „Was mache ich hier eigentlich auf Erden?“ Wolf, der an einem Montag geboren wurde und sich selbst deshalb auch schon mal einen Montagsmaler nennt, weiß nach dem Unfall, was er will: leben. Die Ärzte können danach sogar seine Hand retten. „Glaube versetzt Berge“, sagt Wolf und fügt hinzu: „Ohne den Unfall wäre ich wohl mein ganzes Leben Maler geblieben.“ Ein Beruf, der nie der seine war, aber sichere Einnahmequellen versprach.  „Der Verführer war das Geld.“

Buchlesungen gab es vorab im Gesprächskreis von Schwester Ute

Dass er damals noch nicht den radikalen Bruch mit dem vorgeplanten Leben wagt und noch eine Zeit lang weiter funktioniert, schiebt er auf die Bequemlichkeit und auf den Wunsch nach Harmonie, der dazu führe, Konflikten mit Menschen, die einem nahe stehen, aus dem Weg zu gehen.

In ein paar Tagen erscheint sein Buch, aus dem er vorab schon mehrmals gelesen hat. Tobias Wolf ist mit Lesungen inzwischen Stammgast im Gesprächskreis, den die Ordensschwester Ute in Michendorf gegründet hat. Dort diskutieren Protestanten, Katholiken und Atheisten regelmäßig über Gott und die Welt und nun auch ab und an über das neue Leben des Tobias Wolf, den das Fernweh schon nach Mexiko, Venezuela, Malaysia und Australien geführt hat.

Er hat mittlerweile Michendorf verlassen, wohnt in Bergholz-Rehbrücke, will den Malerpinsel für immer fallen lassen, Reiki-Meister werden und Lebensberatung anbieten, die sich so anhört: „Du musst etwas tun, was du liebst. Alles andere kostet nur Kraft und erzeugt Stress.“ Irgendwann will er das auch seinem enttäuschten Vater erklären.

Von Jens Steglich